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12 Februar 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Frauenrechte in Namibia

Widerstand im Wüstenstaat

Im Juli 2020 begann die größte Protestbewegung für Frauenrechte in der Geschichte Namibias. Aktivist*innen kämpfen für mehr Selbstbestimmung und gegen häusliche Gewalt.

Bild: Tuva Merja Wolf

Bild: Tuva Merja Wolf

Abtreibungen in Namibia sind bis auf wenige Einschränkungen illegal.
Mit Demonstrationen und einer Petition wollen junge Leute das endlich ändern.

Namibia ist ein Wüstenstaat – und der einzige Ort auf der Erde, an dem die Wüste auf das Meer trifft. Hier stoßen zwei uralte Kräfte aufeinander, Wasser und Erde, die beide die andere verdrängen wollen. Namibia besitzt eine Fläche von 825.615 Quadratkilometern – das ist so groß wie Deutschland und das Vereinigte Königreich zusammen. Es hat aber nur 2,5 Millionen Einwohner*innen – also weniger als Berlin. In der Hauptstadt Windhuk und im ländlichen Norden des Landes, dem Owamboland, leben die meisten von ihnen.

Das südafrikanische Land ist sehr jung. Nicht nur, weil es erst seit 30 Jahren unabhängig ist. Sondern auch, weil die Durchschnitts-Namibierin zwischen 18 und 25 Jahre alt ist. Es ist nicht unüblich, in diesem Alter schon Kinder zu haben. Das Land hat ein Problem mit Schwangerschaften von Minderjährigen im Alter von 13 bis 19 Jahren. Um die 1.500 Fälle werden jedes Jahr vom Ministry of Gender Equality, der staatlichen Anlaufstelle für Frauenrechte, verzeichnet. Das ist eine der höchsten Raten im südlichen Afrika. Trotzdem ist bis heute der Zugang zu Verhütungsmitteln unter anderem wegen hoher Kosten eingeschränkt. Die Coronakrise hat die prekäre Lage von Frauen noch mal verschärft: Verhütungsmittel wie die Pille sind knapp geworden.

Abtreibung ist immer noch durch den südafrikanischen „Abortion and Sterilization Act 2“ von 1975 reguliert. Zu diesem Zeitpunkt stand Namibia unter dem Mandat des Apartheidsregimes. Laut dem Gesetz ist eine Abtreibung nur unter den folgenden Bedingungen legal: wenn die Schwangerschaft das Leben oder die psychische Gesundheit der Frau gefährdet; wenn das Kind vielleicht mit einer Behinderung geboren wird; wenn die Schwangerschaft durch Inzest oder Vergewaltigung zustande kommt, oder wenn die Frau eine körperliche oder geistige Behinderung hat, die sie ihre Schwangerschaft nicht verstehen lässt. Die Abtreibung darf nur dann vorgenommen werden, wenn zwei Ärzt*innen und ein*e Oberärzt*in die oben genannten Bedingungen bestätigt haben und sie in einem staatlichen Krankenhaus durchgeführt wird.

Frauenrechte in Namibia: 62.000 Unterschriften

Es gibt immer mehr Menschen in Namibia, die das nicht hinnehmen wollen und sich für mehr Selbstbestimmung einsetzen – für alle Geschlechter. Beauty Boois ist non-binär und Aktivist*in. Nicht-binäre Menschen identifizieren sich weder als Frau oder Mann. Das Pronomen, das im Englischen für sie oft benutzt wird, ist „they“. Auch Boois möchte so angesprochen werden. They lebt als Autor*in in Windhuk und startete im Juni 2020 eine Online-Petition für die Legalisierung von Abtreibung in their Heimatland. 62.000 Unterschriften konnte die Petition bereits sammeln. Für Namibia – zweitdünnst besiedelter souveräner Staat nach der Mongolei –, ist das eine beachtliche Summe.

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„Ich habe die Petition dieses Jahr ins Leben gerufen, weil mir ein Anstieg von sexueller Gewalt aufgefallen ist. Ich glaube, das liegt auch am fehlenden Wissen über Frauenrechte“, erklärt they erst 20-jährige*r Aktivist*in. „Zu entscheiden, ob man eine Abtreibung will oder nicht, sollte ein Menschenrecht sein.“

Beauty Boois lebt in Windhuk und setzt sich als Aktivist*in für Frauenrechte und die LGBTQI-Gemeinschaft ein. Im Juni 2020 rief they eine Petition für die Legalisierung von Abtreibung in Namibia ins Leben. They hat einen Abschluss in klinischer Psychologie und veröffentlichte Ende letzten Jahres their ersten Roman.
Bild: Michael Maxwell

Das Recht auf Selbstbestimmung

Die Initiative Voices for Choices and Rights Coalition, die von Beauty Boois mit ins Leben gerufen wurde, organisiert gemeinsam mit weiteren feministischen Organisationen wie etwa MeToo Namibia, Sister Namibia, PowerPad Girls und Y-Fem eine große Protestbewegung. Ab Juli 2020 demonstrierten die jungen Aktivist*innen monatelang in Windhuk. Das Recht auf Selbstbestimmung und legale Abtreibung stand dabei an vorderster Stelle. Aber auch die Themen häusliche Gewalt und Frauenrechte generell wurden durch die Demonstrationen so laut angesprochen wie nie zuvor.

Die namibische Polizei gab 2020 bekannt, dass zwischen Januar und August desselben Jahres 20 Fälle von sogenanntem Baby-Dumping verzeichnet wurden. Darunter versteht man die illegale Praxis, ein Kind unter zwölf Monaten an einem öffentlichen oder privaten Platz zurückzulassen, weil die verantwortliche Person sich nicht länger um es kümmern kann. Zwölf Frauen wurden 2020 in Namibia dafür verhaftet.

Die Statistik meldete im selben Jahr außerdem 29 Fälle von illegalen Abtreibungen. Diese Zahl ist  jedoch irreführend. Zwei Jahre zuvor verzeichneten die Behörden 7.335 Fälle illegaler Abtreibung. Die Dunkelziffer lag laut dem zu der Zeit amtierenden Gesundheitsminister Bernard Haufiku vermutlich viel höher, um die 10.000 Fälle. Nur zwei Prozent aller Abtreibungen waren autorisiert und damit legal. Das berichtete die Tageszeitung The Namibian. Die meisten illegalen Abbrüche wurden dann entdeckt, wenn die schwangere Person danach aufgrund von Blutungen oder einer Infektion ins Krankenhaus musste. Die Einführung von externen Objekten oder Überdosen von verschiedenen Medikamenten werden meist als einziger Ausweg gesehen, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden.

Frauenrechte in Namibia: Sexuelle Gewalt immens hoch

Die Gründe für die ungeplanten Schwangerschaften sind zahlreich. So gibt es zu wenig Aufklärung und Zugang zu Verhütung. In der traditionellen Kultur Namibias sollen Frauen keinen Sex vor der Ehe haben, kochen, sich um die Kinder sorgen und die Wünsche ihrer Ehemänner erfüllen. So wie Wasser und Erde an der Küste Namibias aufeinanderprallen, treffen auch zwei namibische Generationen aufeinander: auf der einen Seite eine ältere, religiöse Gruppe, auf der anderen eine junge, forsche Protestbewegung. Letztere orientiert sich zunehmend an den Zahlen, die die prekäre Situation der Frauen belegen:

In den 18 Monaten zwischen Januar 2019 und Juni 2020 wurden offiziell 1.600 Vergewaltigungen registriert. Allein in den vier Regionen im Norden des Landes – Oshikoto, Ohangween, Oshana und Omusati – verzeichnete die namibische Polizei zwischen Januar und September 2020 710 Vergewaltigungsfälle. Sexueller Missbrauch wurde von der namibischen Polizei rund zweihundertmal pro Monat aufgenommen. Ndapwa Alweendo von der Organisation Sister Namibia sagt, dass es zudem eine hohe Dunkelziffer gebe: „Es existiert eine Kultur des Schweigens, die Frauen und Kinder davon abhält, diese Verbrechen anzuzeigen.“ Oftmals handelt es sich um Frauen aus den unteren sozioökonomischen Klassen, die Missbrauch und Vergewaltigung sowie daraus resultierende gefährliche, illegale Abtreibungen erleben müssen. Empowerment und Aufklärung seien daher wichtige Faktoren in dem Kampf für inklusive Frauenrechte, erzählt Beauty Boois.

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Großer Einfluss der Kirche

Der namibische Kirchenrat spielt eine große Rolle in der Opposition gegen die Legalisierung von Abtreibung. Nach dem öffentlichen Protest für die Legalisierung der Abtreibung versammelten sich religiöse Demonstrant*innen im Stadtzentrum. Ihre Argumente: Gott wolle keine Abtreibungen und wer sie befürworte, sei gegen die Unantastbarkeit des Lebens. Die gleichen Argumente wurden schon 1990 nach der namibischen Unabhängigkeit angeführt, als die Aktivistin Rosa Namises eine Reform des strengen Abtreibungsgesetzes forderte. Doch in den vergangenen 30 Jahren hat sich nichts verändert.

Auch Beauty Boois sieht den Einfluss der Kirche als Problem. „Abtreibung wird nicht als eine Frage von Menschenrechten, Geschlechtergleichheit oder einer guten Medizinversorgung gesehen, sondern als Frage der Moral. Nicht nur führende Persönlichkeiten der Kirche sehen das so, sondern auch viele Politiker*innen.“

So sagte sogar Doreen Sioka, die amtierende Ministerin für Gender Equality, Armutsbekämpfung und Kindeswohl, noch im Juni 2020, dass die Debatte über Abtreibung keinen Platz in Namibia habe, weil sie unmoralisch sei. Sie steht hierfür unter starker Kritik von den Feminist*innen, die die Ministerin für ungeeignet halten, ihr Amt auszuüben, und ihre Entlassung fordern. Die namibische Regierung ist allgemein bekannt dafür, konservativen und religiösen Motiven zu folgen. Schon 2009 und 2011 gab es Versuche von zivilen Organisationen, das Abtreibungsgesetz zu reformieren. Doch sie wurden mit heftiger Opposition von religiösen Gruppen und der Regierung blockiert.

Frauenrechte in Namibia: Eine Frage der Zeit?

Beauty Boois’ Online-Petition bewirkte, dass das drakonische Gesetz im Parlament debattiert wurde. „Die nationale Debatte ist der erste Schritt, um reproduktive Gesundheit und Frauenrechte zu stärken. Natürlich werde ich nicht zufrieden sein, bis Abtreibungen für alle Menschen mit Uterus in Namibia legal sind und das Recht auf Selbstbestimmung garantiert ist.“

Für 2021 haben die Feminist*innen einiges geplant. Die „Ti Soros Ge“-Kampagne von Y-Fem Namibia setzt sich für die Inklusion der LGBTQI-Community ein. Sie will Zugang zu medizinischer Versorgung und sexuelle sowie reproduktive Rechte für die Gemeinschaft erzielen. Auch die Feminist*innen Paleni Amulungu und Tuva Wolf wollen nicht aufgeben, bis sich die Situation für Frauen in Namibia bessert: „Wir sind bereit, in diesem Jahr weiter für unsere Rechte zu kämpfen.“

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