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6 Mai 2021 / Lesezeit: 12 minuten

Menstruation

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 13

Ungefähr jede zehnte Person benutzt sie laut einer Forsa-Umfrage bereits: Die wiederverwendbare Menstruationstasse. Am häufigsten nutzen Menstruierende aber Tampons, Binden oder Slipeinlagen. Aber auch diese Periodenprodukte werden zunehmend nachhaltiger und zugänglicher für alle.

Bild: Unsplash / Monika Kozub

Bild: Unsplash / Monika Kozub

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 13 von „Good News enorm“. Diese Woche geht es um die Periode. Wir sprechen über nachhaltige Alternativen zu Einwegprodukten, kostenlose Tampons, Menschen und Start-ups, die sich für die Enttabuisierung der Menstruation einsetzen und darüber, was man gegen Periodenarmut tun kann.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. Über das Thema Menstruation sprechen die beiden Good-News-Redakteurinnen Bianca Kriel und Sophie Seyffert.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um das Thema Periode. Aber erst einmal ein Dankeschön an unseren enorm Leser, der uns nach unserer letzten Podcastfolge zum Thema Inklusion darauf aufmerksam gemacht hat, dass unser Podcast Angebot nicht inklusiv ist, weil es nicht barrierefrei für nicht-hörende Menschen ist. Das wollen wir natürlich ändern und stellen ab sofort für unsere Folgen eine Audio Transkription zur Verfügung. Und jetzt: Der Gute-Nachrichten-Überblick:

Klimaschützer:innen haben teilweise erfolgreich Beschwerde gegen das Bundes-Klimaschutzgesetz eingelegt. Wie das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat, greift das Gesetz zu kurz und ist in Teilen verfassungswidrig. Die Politik ist nun dazu verpflichtet, bis 2020 nachzubessern.

In den brasilianischen religiös geprägten APAC-Gefängnissen gibt es weder Wärter:innen noch Waffen. Die 60 Einrichtungen der „Vereinigung für Schutz und Unterstützung Verurteilter“ sind ein Erfolg. Die Rückfallquote nach der Entlassung liegt bei lediglich 15 Prozent.

Bei Unfalleinsätzen, wo jede Minute zählt, können Schaulustige, die Rettungskräfte behindern, lebensbedrohlich sein. Mit QR-Codes an Rettungsfahrzeugen und Ausrüstung wollen die Johanniter nun dagegen vorgehen: Automatisch soll die Botschaft „Gaffen tötet!“ auf die Smartphones der Filmenden und Fotografierenden gesendet werden.

Laut Umweltministerin Barbara Creecy soll es in Südafrika verboten werden, Löwen zu fangen und zu züchten. Die Wildtierjagd auf Löwen bleibt zwar weiterhin erlaubt, jedoch sollen Löwen aus Gefangenschaft nicht mehr gejagt werden dürfen.

Allein in der Catering-Branche werden in China jährlich etwa 18 Milliarden Kilogramm Lebensmittel weggeworfen. Als Reaktion hat Chinas Regierung nun ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung erlassen. Für übermäßige Bestellungen bei Catering-Firmen fallen zum Beispiel jetzt Strafen von umgerechnet bis 1275 Euro an.

Bianca: Ich freue mich sehr, dass wir heute über das Thema Periode sprechen. Über gute Ansätze gegen Periodenarmut, über mehr Nachhaltigkeit für Menstruationsartikel und über Ansätze gegen die Stigmatisierung. Erst kürzlich hat das Thema Periode eine größere mediale Öffentlichkeit erregt. Und zwar haben zwei Männer einen pinken Einweghandschuh vorgestellt, der dazu dienen soll, Menstruationsartikel diskret und hygienisch zu entsorgen. Diese zwei Männer haben mit ihrer Erfindung sehr viel Kritik und Häme einstecken müssen. Wir wollen uns gar nicht an diesem Bashing beteiligen, obwohl wir die Kritik total teilen. Wir wollen aber hier jetzt über Themen sprechen, über Menschen sprechen, Ideen sprechen, die es besser machen. Mein Name ist Bianca und ich bin Redakteurin bei Good News.

Sophie: Hallo, ich bin Sophie und ich bin der zweite Teil aus der Good News Redaktion. Und ich freue mich auch sehr, dass wir heute über das Thema sprechen. Obwohl das immer noch so ein Tabuthema ist in der Gesellschaft, gibt es da auch gute Nachrichten, nämlich dass es immer mehr Unternehmen gibt, die sich dafür einsetzen, dass dieses Tabu rund um das Thema Periode gebrochen wird und die sich gleichzeitig dann auch noch mit einem ganz anderen Aspekt beschäftigen, nämlich dem Thema Nachhaltigkeit.

Um so ein bisschen nachvollziehen zu können, warum das überhaupt wichtig ist, lohnt es sich, darauf einen Blick zu werfen, welche Periodenprodukte eigentlich während der Menstruation genutzt werden. Ich habe da mal geschaut, was es für Studien gibt und hab da zwei Umfragen gefunden. Das ist einmal die Online-Umfrage von Forsa aus dem Jahr 2020 und die zweite Studie, die ich gefunden habe, das ist eine repräsentative Umfrage vom Marktforschungsinstitut Splendid Research aus dem Jahr 2019. Beide Umfragen beziehen sich auf Deutschland und beide Studien zeichnen da ein sehr ähnliches Bild. Zusammenfassend kann man sagen, dass sieben bis acht von zehn Frauen während der Menstruation ausschließlich Tampons, Slipeinlagen und oder Binden benutzen. Ganz vorne ist da der Tampon. Das ist das meistgenutzte Periodenprodukt. Aber insgesamt kann man schon sagen, dass während der Periode hauptsächlich Wegwerfprodukte benutzt werden. Und das sind, wenn man das mal hochrechnet, ganz schön viele. Man hat während seines Lebens so zusammengezählt ungefähr 500 Perioden. Das ist natürlich nur ein Durchschnittswert und von Person zu Person unterschiedlich. Genau. Und auch wie viele Binden oder Tampons man während der Periode benutzt, das ist natürlich sehr individuell und abhängig von verschiedenen Faktoren, wie z.B. der Zykluslänge oder auch der Stärke der Menstruation. Wenn man das jetzt aber ungefähr hochrechnet, dann kann man sagen, dass während der Periode im Laufe eines Lebens ungefähr zwischen 14 000 bis 17 000 Einwegtampons oder -binden verbraucht werden. Obwohl das jetzt nur ein grober Schätzwert ist, zeigt sich da ganz deutlich, dass durch die Verwendung von Wegwerfprodukten eben sehr, sehr viel Abfall entsteht und die Periode eben keinen guten ökologischen Fußabdruck hat.

Die gute Nachricht ist jetzt aber: zu diesen Wegwerfprodukten gibt es immer mehr nachhaltige Alternativen und auch immer mehr Startups, die sich Gedanken darüber machen, wie man herkömmliche Produkte verbessern und nachhaltiger machen kann. Wenn man sich jetzt anschaut, was es für nachhaltige Alternativen gibt, sind das tatsächlich ziemlich viele. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel wiederverwendbare Stoffbinden. Dann gibt es noch Periodenunterwäsche. Die sieht aus wie ganz normale Unterwäsche, besteht aber im Schrittbereich aus verschiedenen Materialschichten. Und dieses besondere Material, das saugt die Flüssigkeit auf und verhindert, dass es ausläuft. Und ähnlich wie die Stoffbinden, kann man sie eben nach dem Tragen ganz einfach waschen und dann wiederverwenden. Ja, die letzte wiederverwendbare Alternative, die ich vorstellen möchte, ist auch gleichzeitig die beliebteste. Ungefähr jede zehnte Person hat in der Forsa-Umfrage angegeben, dass sie sie bereits nutzt: nämlich die Menstruationstasse.

Menstruationstassen fangen das Blut innerhalb des Körpers auf. Sie funktionieren mit Unterdruck und sie können bis zu 12 Stunden getragen werden. Meistens bestehen sie aus medizinischem Silikon, Gummi oder Latex und sie können auch ganz einfach mit Wasser gereinigt werden. In der Anschaffung sind sie zwar ein bisschen teurer als jetzt z.B. Tampons, wenn man das jetzt so mit einem Einmal-Kauf vergleicht. Aber das ist eben nur der erste Blick. Wenn man die nämlich richtig pflegt, dann kann man die durchaus auch bis zu zehn Jahren oder vielleicht sogar noch länger verwenden.

Was natürlich auch immer wichtig ist, dass jede Person das eben für sich selber entscheiden muss. Also welche Produkte für einen richtig sind und mit welchen Produkten man sich wohlfühlt. Und manchmal ist das eben auch die Antwort, dass man lieber reguläre Tampons oder Binden, also Einwegprodukte benutzt, was auch vollkommen in Ordnung ist. Deshalb ist es aber auch wichtig, nicht nur in die Entwicklung von wiederverwendbaren Produkten zu investieren, sondern dass man eben auch schaut, wie man diese Einwegprodukte, also Tampons und Binden, verbessern kann und wie man die eventuell auch noch nachhaltiger gestalten kann.

Ja, warum ist das jetzt wichtig? Also unabhängig gesehen von diesem Nachhaltigkeits-Aspekt. Das hängt auch ganz eng mit einer anderen wichtigen Frage zusammen, nämlich: Woraus bestehen eigentlich solche Tampons? Was da super interessant ist und was mir selber auch tatsächlich neu war bei meiner Recherche, ist, dass Tampons, Binden, Slipeinlagen und eben auch Menstruationstassen in Deutschland unter die Kategorie „Bedarfsgegenstände“ gezählt werden. Und das heißt, dass sie laut EU-Recht, also die Hersteller:innen, eben nicht dazu verpflichtet sind, die Inhaltsstoffe für diese Produkte anzugeben. Und das wiederum heißt, dass wir eben nicht hundertprozentig wissen, was in Tampons eigentlich genau drin steckt und dass eben in diesen konventionellen Tampons und Binden durchaus Giftstoffe stecken könnten und dass diese Giftstoffe halt nicht auf der Verpackung deklariert werden müssen. Also es können zum Beispiel Pestizide, Duftstoffe oder eben auch Plastik drin sein, wenn man z.B. für die Herstellung der Tampons genmanipulierte oder eben mit Pestiziden versetzte Baumwolle nutzt oder die Baumwolle, damit sie auch diese weiße Farbe bekommt, wird häufig auch mit Bleichmittel und Weichmachern behandelt. Und das kann, auch wichtig wieder zu betonen, kann, eben auf Dauer ein gesundheitliches Risiko darstellen.

Ganz interessant: Das Magazin Öko-Test hat 2007 hierzu einen Test durchgeführt und alle 16 getesteten Tampons waren damals belastet. D.h. Darin wurden z.B. krebserregende Stoffe wie Formaldehyd gefunden oder andere halogenorganische Verbindungen. Das Gute ist aber – und das ist auch wichtig, dass man das nochmal betont, dass sich das durchaus verbessert hat. 2017 wurde ein neuer Test durchgeführt und da waren von 15 getesteten Tampons nur noch eine einzige Marke mit halogenorganischen Verbindungen belastet oder hat sie enthalten.

Ja, um wieder ein bisschen zurück zu kommen. Es gibt also immer mehr Startups, die sich überlegen, wie können wir das besser machen und die sich dafür einsetzen nachhaltigere Einwegprodukte herzustellen. Und eine Marke, die ich da gerne vorstellen möchte und die ein gutes Beispiel dafür ist, ist „The Female Company“, dass ist es ein deutsches Startup, das 2018 gegründet wurde. Sie produzieren Bio-Tampons ohne Pestizide, ohne Duftstoffe, ohne Plastik. Die Bio-Tampons, die hergestellt werden sind z.B. in kompostierbare Zellophan-Folie eingepackt und nicht wie reguläre Tampons in Plastik. Das ganze wird außerdem auch CO2 neutral produziert. Mittlerweile produzieren die aber auch nicht mehr nur Bio-Tampons. Es gibt auch andere Produkte, eigentlich alles, was man sich da vorstellen kann: Binden, Slipeinlagen, Menstruationstassen. Und sie haben auch schon mal zusammen mit einer anderen Firma „ooia“ Periodenunterwäsche entworfen. Was das Unternehmen auch so besonders macht, ist dieser aktivistische Ansatz. Sie setzen sich eben neben dieser Aufklärung auch sehr stark für die Enttabuisierung der Periode ein und sie starten da immer wieder ganz coole und ein bisschen provokative Kampagnen, die auch öfter mal in die Schlagzeilen geraten. Vielleicht, um ein Beispiel zu nennen aus dem letzten Jahr: Das ist die „One Girl, One Cup“-Kampagne gewesen. Da wurde ein aufklärendes Video-Tutorial gedreht, wie man eine Menstruationstasse richtig nutzt und einsetzt und da normale Social-Media-Plattform solche Videos zensieren, wurde dieses Video auf einer Porno-Plattform gelauncht.

Bianca: So krass.

Sophie: Ja, das war auch echt, das hat ganz schön mediale Aufmerksamkeit bekommen. Ja, das zeigt eben auch ganz schön, dass dieses Beispiel „The Female Company” das Thema Periode, … dass das eben viel weiter geht als nur dieses Thema und eben auch andere Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Also das Thema Vielfalt wird auch ganz groß geschrieben. Akzeptanz des eigenen Körpers und unterschiedlicher Körperformen, auch Hautfarben. Und dass da eben auch ganz groß geschrieben wird so dieser Female-Empowerment-Aspekt. Und was mir sehr gut gefällt und was glaube ich auch ein ganz guter Übergang zu deinem Thema ist: Mit dem Kauf der Produkte von der „The Female Company“ werden Frauen und junge Mädchen in Indien mit Periodenprodukten unterstützt, die sich das sonst eben nicht leisten könnten.

Bianca: Der Essens Lieferdienst „Zomato“ in Indien hat einen Perioden-Urlaub eingeführt und zwar dürfen Menstruieren bis zu 10 Tage im Jahr bezahlt freinehmen. Immer am ersten Tag ihre Periode oder halt da, wo es am schmerzhaftesten ist. Warum das in Indien besonders starke Signalwirkung hat, ist, weil in Indien das Thema Periode wahrscheinlich noch mehr als vielleicht jetzt hier bei uns stigmatisiert ist. Auch viele junge Mädchen und Frauen an der so genannten Periodenarmut leiden und es sich nicht leisten können, z.B. in die Schule zu gehen oder arbeiten zu gehen, während sie ihre Periode haben, weil sie keinen Zugang zu Periodenprodukten haben. Dazu habe ich nachher auch noch etwas zu sagen. Aber du hattest noch was aus Indien, eine Nachricht zu einem Cricket Team?

Auch auf enorm: Tabu-Thema: Wie Periodenurlaub in Indien für Aufruhr sorgt

Sophie: Ja genau das fand ich auch sehr schön, weil wie du schon gesagt hast, in Indien ist das nochmal ein ganz anderes Thema und da wird auch nochmal ganz anders umgegangen mit diesem Thema Periode. Und was ich sehr schön fand ist, dass eine indische Cricket-Mannschaft – Cricket, das ist ja ein super beliebter Volkssport in Indien – dass die Werbung für Damenbinden machen. Also schon ein kleiner Tabubruch, kann man sagen. Und dass sie, das eigentlich noch viel schöner, dass sie für jeden Treffer, ich glaub, ein Dutzend Binden an junge Mädchen spenden, die sich das sonst auch nicht leisten können.

Bianca: Was auch total toll ist in Indien: Indien hat tatsächlich die Steuern auf Periodenprodukte abgeschafft. Also, man zahlt keine Steuern mehr auf diese Produkte. Was natürlich nicht heißt, dass es deswegen so günstig ist, dass jeder sich das leisten kann. Aber es ist auf jeden Fall ein sehr guter Ansatz. Viele werden es mitbekommen haben: In Deutschland wurde auf den 01.01.2020 die Mehrwertsteuer für sogenannte Monatshygiene-Produkte von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Und zwar nach Druck von Aktivistinnen und ihren Petitionen mit dem Namen „Die Periode ist kein Luxus“. Und übrigens war da auch ein Startup involviert: „Einhorn“, die Kondome herstellen, aber auch Periodenprodukte. Und zwar in Deutschland jetzt, sind Periodenprodukte nicht mehr Luxusgüter, sondern Güter des täglichen Bedarfs. Österreich ist 2021 nachgezogen und eben in Ländern wie Indien, Kenia und Kanada wurden die Steuern auf Periodenprodukte sogar gänzlich abgeschafft. Schottland hingegen ging noch einen Schritt weiter und hat als erstes Land der Welt beschlossen, Tampons und Binden kostenlos in allen öffentlichen Gebäuden anzubieten, was ein Riesenschritt war.

Auch auf enorm: Periodenarmut bekämpfen: Schottland macht Menstruationsartikel umsonst zugänglich

Neuseeland hat bereits davor Periodenprodukte bereitgestellt, aber nur an Schulen. Also in Deutschland gibt es dieses Bereitstellen von Periodenprodukten wie wir wissen noch nicht bundesweit. Aber es gibt dennoch gute Nachrichten aus Niedersachsen. Die Hochschule Merseburg stellt nämlich inzwischen auch kostenlos Periodenprodukte zur Verfügung auf ihren Toiletten. Natürlich ist das im Moment schwer zugänglich wegen Corona, aber trotzdem ein wunderbarer Ansatz.

Und was ich auch noch gelesen habe und die Nachricht gefällt mir besonders gut, weil es auf Eigeninitiative von Schüler:innen entstanden ist. Und zwar haben Schüler:innen der Diltheyschule in Wiesbaden. Die wollten selber aktiv werden gegen Periodenarmut und haben dann auf ihren Schultoilette kostenlos Periodenartikel zur Verfügung gestellt und die selber finanziert, weil sie einfach was tun wollten. Und das hat Wogen geschlagen und sie haben einen Antrag auf Förderung gestellt und der ist jetzt angenommen worden. Also die Stadt Wiesbaden hat jetzt beschlossen, künftig allen Schulen kostenlos Artikel zur Verfügung zu stellen.

Sophie: Das ist ja wirklich eine tolle Aktion. Ja wirklich auch gerade in so einem Alter, wo das dann vielleicht auch noch so ein unangenehmes Thema vor allem ist, ist das glaub ich total wichtig, dass da einfach viel getan wird und gesagt wird: Hey, das ist ganz normal, dass das einfach so weggeht von diesem Schambelasteten und hin halt zu sowas vollkommen Normalen, für das man sich absolut nicht schämen muss.

Bianca: Wenn man bedenkt, wie sich das auch entwickelt hat. Naja, bisher oder, lange Zeit, wurde ja auch in Werbungen das Periodenblut immer als blaue Flüssigkeit dargestellt.

Sophie: Ja genau. Also, das kennen wir ja wahrscheinlich alle. Wenn wir im Fernsehen Werbung für Menstruationsprodukte sehen, dann ist sie nicht rot, wie sie normalerweise eigentlich ist oder braun oder wie auch immer sie ist – auf jeden Fall hat das nichts mit der Realität zu tun, sondern ist halt meistens so eine blaue, möglichst neutrale, „reine Flüssigkeit“. Und das Tolle ist, dass immer mehr Unternehmen gibt, die da halt für mehr Realität sorgen und halt sich von dieser blauen Flüssigkeit verabschiedet und da tatsächlich Menstruationsblut zeigen bzw. halt rote Flüssigkeit benutzen, was dann einfach so auch wieder dieses Schambelastete oder dieses Unreine so ein bisschen weg davon kommt und einfach normalisiert. Das ist halt die Periode. So ist es. Und wir brauchen da keine blaue Flüssigkeit, damit das irgendwie möglichst angenehm für andere ist.

Bianca: Ich will nochmal auf das Thema zurückkommen Periodenarmut oder bzw. warum das auch so wichtig ist jetzt unabhängig davon, dass man das öffentliche Stigma oder diese öffentliche Scham irgendwie abbauen will für Menschen, die menstruieren. Dass diese Produkte auch bereitgestellt werden, hat natürlich auch einen finanziellen Aspekt. Ich habe irgendwie mal kurz überschlagen und einem Artikel gelesen, dass Menstruierende hierzulande im Laufe ihres Lebens bis zu 27000 Euro ausgeben für Hygieneartikel. Also wirklich eine ordentliche Summe Geld, die man ja auch erstmal haben muss.

Kurzer Nachtrag aus dem Schnitt: Richtig ist die Zahl 20 700 und nicht 27 000. Und die Zahl bezieht sich auch nicht auf Deutschland, sondern auf Großbritannien.

Und dass jetzt die Mehrwertsteuer gesenkt wurde, war jetzt ein guter erster Schritt. Problematisch war dann aber, dass manche Hersteller in Deutschland dann die Preise erhöht haben. Also, dass sie dann das doch wieder auf die Kund:innen geschoben haben. Viele Menschen, menstruierende Menschen, leiden an Periodenarmut oder können sich dann eben dieser Artikel nicht leisten. Vor allem, wenn man das noch weiterdenkt. Menschen, die z.B. obdachlos sind. Und dafür hat sich in Berlin der Verein „Social Period“ gegründet. Und zwar haben Undine Mothes und Katja Dill eben diesen Verein gegründet, der sich für Menschen stark macht, die von Perioden Armut betroffen sind, also vor allem obdachlose Menschen. Und unsere Kollegin Morgane vom enorm Magazin hat mit den beiden Gründerinnen ein Gespräch geführt. Und dabei ist rausgekommen, dass Katja im Rahmen ihres Studiums festgestellt hat, dass es in Notunterkünften permanent an Monatshygieneartikeln mangelt, also Menschen, die obdachlos sind und in diesen Notunterkünften kurzzeitig unterkommen und dort auch zum Teil mit Hygieneprodukten versorgt werden, finden dort aber kaum Binden, Tampons etc.

Und daraufhin hat sie eben mit ihrer Freundin beschlossen, dass sie da was gegen tun wollen und haben diesen Verein gegründet. Und da kann man eben Hygieneartikel spenden. Und das funktioniert folgendermaßen: Sie haben, mein letzter Stand, 23 Boxen aufgestellt in Berlin, und zwar an öffentlich gut sichtbaren Punkten. Also, dass auch da die Menstruation in die Öffentlichkeit kommt, das Thema in die Öffentlichkeit kommt, z.B. an Supermarktkassen oder im öffentlichen Raum. Und da kann man eben Hygieneartikel deponieren, spenden. Und auch in Drogerieketten machen sie mit Schildern darauf aufmerksam, dass man doch eine Packung Binden kaufen könne und die dann spenden soll. Und was sie auch sagen, die Gründerinnen von diesem Verein, ist, dass obdachlose Menstruierende Binden bevorzugen. Das hat natürlich den Hintergrund, dass es für viele nicht einfach ist, sich die Hände vorher waschen zu können oder Menstruationstassen regelmäßig auswaschen zu können. Deswegen bevorzugen sie, wenn man Binden spendet. Aber auch alle anderen Produkte sind gern gesehen. Sie wollen jetzt auch in Frauenhäusern spenden, wo vielleicht Menstruierende Zugang haben zur Waschmaschine zum Beispiel und da auch wiederverwendbare Binden, Slipeinlagen nutzen könnten.

Auch auf enorm: Verein Social Period: „Wir wollen Periodenarmut bekämpfen“

Sophie: Diese Periodenarmut, das ist ja auch so ein Stück „nicht teilhaben können“ an der Gesellschaft. Also, zum Beispiel, wenn du deine Tage hast, deine Periode aber keine Periodenprodukte, musst du halt zuhause bleiben in manchen Fällen. Und du verpasst vielleicht Unterricht oder du kannst dich nicht frei bewegen. Du bist irgendwie eingeschränkt in deiner Bewegung deswegen. Das ist nicht nur der finanzielle Aspekt. Das geht halt auch noch viel, viel weiter.

Bianca: Absolut, oder? Gut, dass du das ansprichst. Weil, was man auch immer wieder liest unter solchen Meldungen, z.B. in den sozialen Medien, dass gewisse Menschen sich aufgefordert fühlen zu kommentieren, dass Männer zum Beispiel auch ihren Bart rasieren müssen und sie ja jetzt auch irgendwie Rasierer beantragen könnten, quasi für ihre Hygiene. Und das ist natürlich total am Thema vorbei. Wenn du einen Bart im Gesicht hast, kannst du am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Wenn du aber deine ganze Hose voller Blut hast, wird das schwierig. Diese Vergleiche ziehen einfach überhaupt gar nicht. Und ich denke, es ist wichtig, dass wir anerkennen, dass einfach die Hälfte der Bevölkerung zumindest phasenweise im Leben blutet und dass das viel Geld kostet und Schmerzen bereiten kann und Menschen auch ausschließen kann.

Sophie: Definitiv. Aber schön, dass sich auf jeden Fall etwas tut. Und ich finde, die Beispiele, die du jetzt genannt hast, die zeigen das sehr schön, dass sich da auch viel bewegt.

Bianca: Vielen Dank für das Gespräch.

Sophie: Ja, es hat mich sehr gefreut.

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