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3 Juni 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne Histourismus

Die Gorgone in New York City

Der Künstler Luciano Garbati neben seiner Medusa-Statue in New York. Deren Deutung wird in den sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert. Doch welche Mythologie steckt wirklich hinter der griechischen Gorgone?

Bild: IMAGO / Pacific Press Agency

Bild: IMAGO / Pacific Press Agency

Für manche ist Medusa ein feministisches Symbol, andere nutzen ihr Bildnis, um mächtige Frauen zu diffamieren. Ikonografie einer Missverstandenen.

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Im Oktober vergangenen Jahres tauchte eine Statue vor dem New Yorker Criminal Court auf. Sie stellt die Gorgone Medusa dar, den Kopf des Perseus in der einen Hand, in der anderen das Schwert, mit dem sie ihn gerade enthauptet hat. Es ist eine exakte Umkehrung der berühmten Statue von Cellini, die Perseus getreu der griechischen Sage zeigt – dort ist Medusa bekanntlich diejenige, die ihren Kopf verliert.

Neues #MeToo-Symbol oder Personifikation des Bösen?

In den sozialen Medien zeigten sich insbesondere Frauen von der Statue als neuem #MeToo-Symbol begeistert. Nicht umsonst wurde sie vor dem Gerichtshof aufgestellt, an dem Harvey Weinstein wenige Monate zuvor für die mehrfache Vergewaltigung von Frauen verurteilt worden war. Einige Männer litten ob der erfahrenen Ungerechtigkeit jedoch sehr. Was könne denn Perseus dafür, dass er ein Monster erschlagen habe? Der römische Dichter Ovid überliefert uns in seinen Metamorphosen, dass Medusa
als junge Frau in Athenas Tempel von Poseidon vergewaltigt wurde. Statt den Meeresgott bestrafte Athena jedoch Medusa und verwandelte ihr Haar in Schlangen. In dieser Form wird sie schließlich von Perseus ermordet. Leider fühlten sich einige einflussreiche Intellektuelle dazu berufen, Ovids Wort „vitiare“, was entehren oder schänden bedeutet, mit „verführen“ zu übersetzen. Dante, Milton, Rubens und Caravaggio stellten die Gorgone in ihren Werken als Personifikation des Bösen dar. Uns wurde somit lange weisgemacht, dass die Gorgone eben verdient eliminiert gehöre, so ähnlich wie weibliche Schamhaare.

Wer den Vergleich lächerlich findet, der muss sich bei Sigmund Freud beschweren. Er interpretierte in seinem gleichnamigen Essay „das Medusenhaupt“ als Abbild der Geschlechtsteile der eigenen Mutter, das bei dem Mann zunächst Kastrationsängste und dann eine „Versteinerung“ – eine Erektion – auslöse. Die Schlangen seien hierbei die grässlichen Haare um den Schlund des weiblichen Geschlechts. Ach, Sigmund. Die französische Philosophin Hélène Cixous schrieb zu Beginn der 70er-Jahre zu Freuds Deutung: „Es reicht, Medusa ins Gesicht zu schauen, sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht. Männer werden ja nur vor Angst steif, vor Angst um sich selber! Das reicht mir jetzt mit dem Penisneid.“ Es war einer der ersten von vielen Texten, die Medusa fortan als Symbol weiblicher Potenz und männlicher Furcht (anstelle von männlicher Potenz und weiblicher Monstrosität) neu interpretierten.

Auch auf enorm: Öffentliche Erinnerung: Wie Frauen weltweit für mehr Frauen-Denkmäler kämpfen

Bild von mächtigen Frauen als „Monstern“ hält sich

Der Kampf um diese beiden Deutungen hält bis heute an: 2018 veröffentlichte die Althistorikerin Mary Beard das Manifest „Women & Power“. Sie erklärt, wie die Rezeption der griechischen Sagen das Bild von mächtigen Frauen als „Monstern“ bis heute bestimmt. So bedruckte das Trump-Gefolge im US-Wahlkampf 2016 Tassen und T-Shirts mit dem Bild von Hillary Clinton als Gorgone. Mit Freude hätte Beard dagegen die Spiegel-Titel gesehen, die der kubanische Geflüchtete Edel Rodríguez jeweils zur Wahl und zur Abwahl Donald Trumps gezeichnet hat: Der erste zeigte Trump als Perseus, der den Kopf der Freiheitsstatue abgeschlagen hat und in die Höhe reckt. Auf dem zweiten Cover setzt Joe Biden den Kopf zurück auf die Schultern der Statue. Nehmt es nicht persönlich, Jungs!

Kolumne Historismus

Die Kolumne Historismus von unserer Autorin Morgane Llanque erscheint seit der Ausgabe 2/2021 im enorm Magazin.

Im Kurz-Interview erzählt der argentinische Künstler Luciano Garbati, Schöpfer der Medusa-Statue, was ihn zu seiner umstrittenen Arbeit inspiriert hat.

Herr Garbati, Sie sind der Schöpfer der kontroversen Medusa-Statue. Die Statue steht nicht mehr länger vor dem Criminal Court. Wo ist Medusa jetzt?

Derzeit gibt es  zwei Skulpturen. Das Original aus dem Jahr 2008, das aus Harz hergestellt wurde, befindet sich jetzt in Philadelphia in der Gießerei, in der das andere gegossen wurde. Die Bronze-Version, die 2019/20 aus einer Form des Originals hergestellt wurde, wird derzeit im Collect Pond Park, New York, ausgestellt. Wann die Ausstellung endet, ist noch ungewiss. Der Eigentümer ist offen für die Idee einer Spende an die Stadt, aber das können wir nicht alleine entscheiden. Wir werden sehen…

Künstler Luciano Garbati: Die Staue vor dem New Yorker Criminal Court ist bereits seine vierte Medusa. Ob es weitere geben wird?
Bild: IMAGO / Pacific Press Agency

Was hat Sie dazu inspiriert, die Statue zu schaffen?

Zuallererst der Mythos selbst. Ich fand die Geschichte der Medusa immer besonders faszinierend. Aus Medusas Sicht scheint die ganze Erzählung ziemlich tragisch zu sein. Als Manierismus- und Barockliebhaber bin ich außerdem in sehr jungen Jahren von Caravaggios und Cellinis Darstellungen von Medusa eingenommen worden, denn ich habe als Kind in der Nähe von Florenz gelebt. Ich wusste, dass ich etwas aus Medusas Perspektive machen wollte und dann wurde mir klar, dass ich ihr die Chance geben wollte, Perseus zu besiegen … Ich wollte sie nach dem Kampf sehen und ich wollte ihr Leben bewahren. Ich wollte ihren Gesichtsausdruck betrachten und die ganze Geschichte hinter ihr spüren. So erschien sie.

Und wird Medusa eine Rolle in Ihrer zukünftigen Arbeit spielen oder sind Sie mit ihr „fertig“?

Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht genau. Aber dies ist bereits meine vierte Medusa, daher ist nichts gewiss!

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