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24 November 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Gastbeitrag zu Geschlechtergerechtigkeit

Warum Toiletten nicht nur für Männer gebaut werden dürfen

Eine Frau in Neu-Delhi sitzt neben einer öffentlichen Toillette. Gerade Frauen, die arm sind oder sich in Notlagen befinden, sind beim Gang auf die Toillette gefährdet: Sie haben Angst vor Übergriffen und mangelnder Hygiene.

Bild: imago images / ZUMA Wire

Bild: imago images / ZUMA Wire

Weltweit leiden Frauen darunter, dass sanitäre Einrichtungen ihren Bedürfnisse nicht gerecht werden. Insbesondere Frauen in Armut und Notlagen haben oft keinen Zugang zu sicheren Toiletten. Ein Projekt in Bangladesch versucht das Problem in einem Geflüchteten-Camp zu lösen.

Wer kennt sie nicht: die langen Schlangen vor den Frauentoiletten, während bei den Männern keiner ansteht. Doch warum ist das so? Toiletten sind meist auf die Bedürfnisse von cis-Männern ausgerichtet. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Frauen- und Männertoiletten in der Regel gleich große Flächen haben, in die Männertoiletten allerdings mehr sanitäre Installationen passen: Hier werden nicht nur Toiletten zum Hinsetzen, sondern auch Urinale verbaut. Sie nehmen deutlich weniger Platz ein. Das heißt, dass auf gleichem Raum mehr Männer zeitgleich aufs Klo gehen können als Frauen. Hinzu kommt, dass Frauen auf der Toilette im Schnitt mehr Zeit brauchen als Männer – zum Beispiel, weil sie vielleicht ihre Periode haben und Tampon, Binde oder Menstruationstasse wechseln müssen. 

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Die Bedürfnisse von Frauen finden beim Bau von Toiletten also wenig Beachtung. Dahinter steckt nicht unbedingt eine diskriminierende Absicht. Es wird einfach davon ausgegangen, dass eine cis-männliche Perspektive gleichzeitig die universale, allgemeingültige Perspektive ist.

Geflüchtete Frauen leiden besonders unter unsicheren Toiletten

Weit schlimmer als lange Warteschlangen sind daraus resultierende Folgen für Frauen in Notlagen: In einem der größten Geflüchtetencamps der Welt in Cox’s Bazar in Bangladesch nutzten viele der Frauen die dortigen Latrinen überhaupt nicht.

In Cox´s Bazar leben knapp eine Millionen Rohingya, die 2017 aus ihrer Heimat geflohen sind, nachdem das myanmarische Militär brutal gegen die muslimische Minderheit vorging. Mehrere Hunderttausend Menschen kamen damals auf einmal in dem Lager an. In aller Eile mussten Toiletten, Waschmöglichkeiten und Trinkwasser (WASH-Einrichtungen) bereitgestellt werden. Die mehrheitlich männlichen Architekten und Ingenieure vor Ort bemühten sich daher zuerst darum, möglichst viele sanitäre Einrichtungen zu bauen. Der Fokus lag vor allem auf den technischen Gegebenheiten.

Bei einer Analyse der WASH-Einrichtungen stellte sich jedoch später heraus, dass ein Drittel der im Camp lebenden Frauen sich nicht sicher oder unwohl dabei fühlte, die Toiletten und Duschen zu benutzen oder Wasser zu holen. Nachts lag dieser Anteil sogar bei mehr als 50 Prozent, im Vergleich zu nur sechs Prozent der befragten Männer. Besonders stark waren menstruierende Frauen davon betroffen: „Während sie ihre Periode haben, bleiben die Frauen einfach für drei oder vier Tage zu Hause und tauschen ihre Binden nicht aus“, erzählt Nuha Anoor Pabony, eine der Architektinnen, die im Auftrag von Oxfam gemeinsam mit den Frauen im Camp an Lösungen gearbeitet hat.

Im Dialog mit Betroffenen Lösungen finden

Im Rahmen des Women’s Social Architecture Projects analysierte sie gemeinsam mit drei anderen Architektinnen der Brac University in Dhaka, Bangladesch, gemeinsam mit den Frauen im Camp die WASH-Einrichtungen und plante deren Umbau. „Die Frauen haben über ihre Probleme gesprochen und die Lösungen dafür selbst gefunden. Wenn eine Person ein Problem identifiziert hatte, hat eine andere eine Lösung formuliert und es war großartig, das zu beobachten.“

Architektin Nuha Anoor Pabony zeigt Frauen im Camp Zeichnungen und Modelle der neuen Toiletten.
Bild: Maruf Hasan/Oxfam

So stellte sich in den Gesprächen heraus, dass viele der Toiletten kein Dach hatten oder eine abschließbare Tür fehlte. Zudem benutzten manche Männer einfach die Frauentoiletten – alles Ursachen, warum sich Frauen in den sanitären Anlagen nicht wohlfühlten. Auch gaben die Hälfte der befragten Frauen an: Ihre Hygienebedürfnisse während ihrer Periode wurden nicht erfüllt. Ihnen stand zum Beispiel unzureichend Wasser zur Verfügung, um die Baumwolltücher zu waschen, die viele Frauen während der Menstruation verwendeten. Außerdem fehlten ihnen abgeschirmte Orte zum Trocknen ihrer Baumwolleinlagen.

Bereits kleine Änderungen entfalteten eine große, positive Wirkung: Um die Privatsphäre der Frauen zu verbessern, wenn sie ihre Baumwolleinlagen während ihrer Menstruation auswaschen, wurde das Abwasserrohr abgedeckt. So konnte vermieden werden, dass Männer, die vor den Waschräumen stehen, von außen sehen, dass eine Frau gerade Blut aus ihrer Einlage wäscht – was zuvor bei manchen Frauen zu Belästigungen geführt hatte.

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Eine große Herausforderung für Nuha Anoor Pabony war es, die Toiletten sicherer zu gestalten. Sie versuchte mehr Tageslicht durch Schlitze in den Wänden oder ein transparentes Dach zu integrieren. Doch die Bewohnerinnen des Camps erklärten ihr, dass sich sich damit keinesfalls sicherer fühlten. Denn sie waren besorgt, dass Männer oder Jungen versuchen könnte, durch die Schlitze in der Wand hindurchzuschauen, selbst wenn diese nur wenige Zentimeter breit wären. „Das war wirklich wie ein Schlag ins Gesicht und ich dachte, oh Gott, warum habe ich das nicht besser durchdacht?“, erzählt Pabony. „All diese kleinen Elemente, die ich versucht habe zu integrieren, führten also eigentlich dazu, dass sich die Frauen unsicherer fühlen.“

Pabonys Erlebnisse zeigen eindrücklich, dass Betroffene selbst sehr gut wissen, was sie brauchen. Auch als Frau kann man nicht unbedingt die Bedürfnisse von Frauen in anderen Lebenssituationen nachvollziehen: Wenn Lösungen geschaffen werden sollen, die für alle Menschen funktionieren, muss daher stets sichergestellt werden, dass diejenigen, die von den Entscheidungen betroffen sind, diese auch mitgestalten. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für andere marginalisierte Gruppen wie Schwarze Menschen und Personen of Color oder Menschen mit Behinderung. 

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Die Herausforderung, Tageslicht in den Toiletten zu integrieren, ohne die Privatsphäre der Frauen zu stören, konnte Pabony letztlich lösen. Sie gestaltete die Toilettenwände einfach höher und baute erst über zwei Meter Höhe perforierte Fenster ein. So gelangt Tageslicht in die Toilette, ohne das jemand von außen in die Toilette hineinsehen kann. Die Bewohnerinnen des Camps können sich nun sicherer fühlen.

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Von ihren Erfahrungen erzählt Nuha Anoor Pabony auch in zeitgerecht, dem neuen Podcast von Oxfam zu Ungleichheit und Feminismus.