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22 Februar 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Initiative „Die Astronautin“

Pionierinnen ins All

Die Diplomingenieurin für Luft- und Raumfahrt, Claudia Kessler, hat 2017 mit Kolleginnen die private Initiative „Die Astronautin“ gegründet. Aus mehr als 400 Bewerberinnen wurden die Astrophysikerin Suzanna Randall und die Meteorologin Insa Thiele-Eich ausgewählt.

Illustration: Nico H. Brausch

Illustration: Nico H. Brausch

Elf Männer aus Deutschland waren bisher im Weltall – aber keine Frau. In der Raumfahrt sind Frauen bis heute unterrepräsentiert. Das möchte Claudia Kessler mit ihrer privaten Initiative „Die Astronautin“ ändern. 

Frau Kessler, warum ist es wichtig, dass mehr Frauen in den Weltraum fliegen?

Das hat wissenschaftliche Gründe. In der Schwerelosigkeit des Weltalls verändert sich etwa der Augeninnendruck, Muskeln bauen ab und es tritt schneller Osteoporose auf. Medizinische Erkenntnisse aus dem Weltraum fließen in Behandlungsmethoden auf der Erde ein. Und der weibliche Körper verhält sich sowohl im All als auch auf der Erde anders als der männliche. Aber in Deutschland haben wir bisher keine Daten über Frauen im Weltall. Deswegen möchten das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und das Zentrum für Weltraummedizin der Berliner Charité unsere Forschung nutzen.

Claudia Kessler, (Bild Mitte) mit den beiden Astronautinnen Suzanna Randall (links) und Insa Thiele-Eich (rechts). Bild: Jörg Klampäckel

Sie setzen sich mit Ihrer Initiative „Die Astronautin“ dafür ein, dass nun eine Frau ins All fliegt. Geht es Ihnen auch um Gleichberechtigung?

Vor allem um eine Vorbildfunktion. Wir möchten zeigen: Frauen können das genauso! Wie in vielen „Männerberufen“ braucht es Pionierinnen, die den Weg in eine neue Normalität weisen.

Eigentlich wollten Sie bereits im Frühjahr die erste deutsche Astronautin für zehn Tage ins All schicken. Ist das noch realistisch?

Nein, das ist es sicher nicht mehr. Dafür stehen jetzt keine kommerziellen Flüge mehr zur Verfügung. Die gibt es erst wieder Ende des Jahres von SpaceX und Axiom. Aber dafür fehlt uns im Augenblick die Finanzierung. Es wird also wahrscheinlich erst 2022 klappen.

Wir sprechen von 50 Millionen Euro, die Sie mit Ihrer Initiative stemmen müssen, denn Ihr Vorhaben ist privat organisiert und nicht staatlich finanziert wie die Missionen der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Warum brauchen wir überhaupt kommerzielle Raumfahrt?

Weil durch sie prinzipiell jeder ins Weltall fliegen kann. Erst von dort aus realisiert man: Wir sind Teil des Universums, wir leben alle zusammen auf einem Planeten, für den wir gemeinsam Verantwortung tragen. Viel mehr Menschen brauchen dieses Weltraumbewusstsein, um Dinge auf der Erde zu verbessern – an erster Stelle unser Klima, aber auch unser aller Zusammenleben. Die kommerzielle Raumfahrt öffnet den Weltraum für alle Menschen, auch wenn es sich bisher nur wenige leisten können. Gerade bei diesen Missionen ist es wichtig, dass Männer und Frauen gleichberechtigt vertreten sind, damit auch die Kommunikation der Eindrücke von beiden Seiten kommt.

Sind die beiden deutschen Astronautinnen, die Meteorologin Insa Thiele-Eich und die Astrophysikerin Suzanna Randall, bereits fertig dafür ausgebildet, um auf die Internationale Raumstation ISS zu fliegen?

Wir brauchen noch sechs bis acht Monate für ein missionsspezifisches Training in den USA mit der Crew. Da geht es um Notfall-Prozeduren: Wie verhält man sich, wenn etwas passiert? Die Astronautinnen üben intensiv ihre Experimente, um sie auf der Raumstation durchzuführen. Auch durch dieses aufwendige Training wird die Mission so teuer und kostet 50 Millionen Euro.

Wie viel haben Sie zusammen?

Wir konnten bisher keine Einnahmen für den Flug zurücklegen, aber wir haben es geschafft, das bisherige Training der Astronautinnen zu finanzieren – rein privat organisiert. Zusammengerechnet waren das inklusive der Arbeitszeit sechs bis acht Millionen Euro. Dabei hatten wir viel Unterstützung: Bei der Bundeswehr konnten wir etwa ein Zentrifugentraining durchführen, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat unsere Parabelflüge bezahlt (Anm. d. Red.: ein Flugmanöver, bei dem im Sturzflug Schwerelosigkeit erzeugt wird). Und auch auf die Einrichtungen von Airbus konnten wir zurückgreifen.

Warum sollten private Firmen Interesse daran haben, das Projekt zu sponsern?

Vor allem wegen der großen Werbewirksamkeit. Aber auch, um Experimente zu finanzieren – von Kosmetik und Biotechnologie bis hin zu Materialforschung: Auf der Raumstation machen die Astronauten zwei Stunden am Tag Sport. Die Schweißentwicklung im All ändert sich. Man schwitzt mehr als auf der Erde, weil Schweiß ohne die Schwerkraft direkt dort am Körper bleibt, wo er entsteht, und Wärme nicht durch Luft abgegeben wird. Männer wiederum schwitzen anders als Frauen. Im Weltraum wurden dazu noch keine Daten erhoben. Das könnte für Sportbekleidungshersteller interessant sein, um einen Stoff zu entwickeln, der besser mit Schweiß umgehen kann.

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Aus mehr als 400 Bewerberinnen haben sie zwei Frauen ausgewählt. Warum bilden sie beide aus, wenn nur eine fliegen soll?

Beide Astronautinnen sollen bis zum Schluss trainieren, falls sich etwa eine kurz vor dem Start den Fuß brechen sollte. Wie auch schon beim Auswahlprozess wird am Ende erneut ein Komitee entscheiden, welche fliegt.

Auch die ESA startet jetzt – das erste Mal seit 2008 – wieder eine Auswahlrunde für Astronaut*innen, ab 31. März läuft die Bewerbungsphase. Die Organisation adressiert das erste Mal gezielt Frauen und betont, sie wolle diverser werden. Was halten Sie davon?

Es lässt mich hoffen. Auf jeden Fall scheint die ESA verstanden zu haben, dass sie aktiv auf Frauen zugehen muss. Sie zeigen ja sogar ein Foto einer Frau auf der Seite mit der Ausschreibung. Ich sehe das als einen ersten Schritt. Aber eine Quote führen sie nicht ein. Doch genau das wäre mein Wunsch, dass sie sagen: Wir wählen genauso viele Frauen wie Männer aus.

Ende 2020 waren Sie selbst in der engeren Auswahl für den Posten der ESA-Generaldirektorin, letztlich wurde es der österreichische Geophysiker Josef Aschbacher. Wie würde die Auswahl mit Ihnen an der Spitze der ESA laufen?

Ich würde ein reines Frauenteam auswählen. Bisher waren 26 ESA-Astronauten im All, aber nur zwei Astronautinnen. Es gibt eine Menge Nachholbedarf. Ich hätte auch darauf geachtet, dass Astronautinnen aus kleineren Mitgliedsländern dabei sind. Fast immer fliegen Astronauten aus Italien, Frankreich und Deutschland – den größten Beitragszahlern. Das muss gerechter verteilt werden. Bereits vor einem Jahr hatte ich der ESA außerdem angeboten, sie als Beraterin für Gender zu unterstützen, aber sie hat mir nie geantwortet.

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Die neuen ESA-Astronaut*innen sollen im Oktober 2020 feststehen. Möglicherweise ist dann tatsächlich eine Frau aus Deutschland dabei. Werden Sie sich dennoch weiterhin für Ihre Initiative einsetzen?

Natürlich. Ich bin kein Mensch, der sich mit Warten zufriedengibt, sondern ich nehme Dinge in die Hand, wenn ich überzeugt bin, dass sich etwas ändern muss.

Welche Länder sind für Sie Vorreiter für Gleichberechtigung im Weltall?

In den meisten Ländern sieht es schlecht aus. Bisher waren mehr als 500 Männer im All, aber nur 65 Frauen. Immerhin ist es bei der Nasa mittlerweile ganz normal, dass Teams zur Hälfte männlich und weiblich besetzt sind. Die Nasa hat schon in den 1980er-Jahren gezielt Frauen aufgerufen, sich zu bewerben. Es gibt dort zwar keine harte Quote, aber sie schauen darauf, gleichmäßig auszuwählen. Seit einigen Jahren gelingt ihnen das auch.

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Claudia Kessler

hat die Mondlandung 1969 als Vierjährige erlebt. Das Ereignis hat sie so stark geprägt, dass sie Diplomingenieurin für Luft- und Raumfahrt wurde. Kessler arbeitete unter anderem als Geschäftsführerin für einen Personaldienstleister, der Fachkräfte an Weltraumorganisationen und -firmen vermittelt. 2017 gründete sie mit Kolleginnen die private Initiative „Die Astronautin“. Die Trainings der Astronautinnen, die beide weiterhin in ihren normalen Berufen arbeiten, werden durch private Spenden und Sponsor*innen über eine Stiftung finanziert.
Bild: Jörg Klampäckel