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29 Juni 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Feministische Pornos

Fucking Corona

Paulita Pappel dreht mit ihrer Produktionsfirma Hardwerk Gangbangs, feministisch, empowernd und mit besonderer Ästhetik. So auch ihr jüngster Film Hologang.

Bild: Mónica Muñoz/Hardwerk

Bild: Mónica Muñoz/Hardwerk

Die Pornofilm-Branche profitiert in der Pandemie. Das merken auch feministische Produzent:innen wie Paulita Pappel. Sie setzt auf selbst gefilmte Videos von Paaren – und auf Gangbangs.

Transparente Vorhänge wehen um das weiße, runde Bett. Darauf liegt eine Frau, ihren Körper schmücken teils durchsichtige Stoffstreifen. Vier Männer penetrieren, lecken, würgen sie. Die Männer spielen Sex-Hologramme, die sie bestellt und programmiert hat. Auf einer von Klimakrise, Kriegen und Pandemie zerstörten Erde, wieder aufgebaut von Frauen wie ihr, existieren keine Männer mehr. In milchig-weißes Scheinwerferlicht getaucht filmt die Kamera hemmungslose Lust und Ekstase. Ein Gangbang, so ästhetisch produziert wie für die große Leinwand.

Die Regisseurin des 33-minütigen Films Hologang, Paulita Pappel, versteht ihre feministischen Pornos trotzdem nicht als Kunst. Lieber spricht sie von Sexarbeit, um sich damit zu solidarisieren. Die 33-Jährige performte vor elf Jahren in ihrem ersten Porno, mittlerweile dreht sie ihre eigenen. Hologang ist der jüngste Film ihrer Produktionsfirma Hardwerk, für die sie im September 2019 gemeinsam mit ihrem Partner Rod Wyler zu drehen begann, letzten Oktober feierten sie Premiere. Fünf Jahre zuvor launchte sie die Plattform Lustery, heute „das perfekte Pandemie-Modell“, wie sie sagt. Bei Lustery filmen sich echte Paare selbst beim Sex. So konnten unabhängig von den Pandemie-Beschränkungen durchgehend neue Filme entstehen. Das reizt immer mehr Paare: „Die Bewerbungen stiegen um 60 Prozent, so viele können wir gar nicht annehmen“, sagt Pappel.

Auch die Nachfrage nahm zu: Lustery hat heute über 700.000 Nutzer:innen, seit März 2020 ist diese Zahl um 75 Prozent gewachsen. Die Streaming-Angebote von Erika Lust, einer der bekanntesten Produzent:innen feministischer Pornos, abonnierten seit der Pandemie 50 Prozent mehr Menschen. Die Plattform Cheex, gegründet erst im Februar 2020, spricht bereits von sechsstelligen Nutzer:innenzahlen.

Auch auf enorm: Weibliche Ejakulation: Spritzen ist politisch

Porno und Pandemie passen also zusammen: mehr Zeit, gar Langeweile, weniger sexuelle Begegnungen. „Essen und Masturbation sind zwei zentrale Quellen von Glückseligkeit, die uns auch der Lockdown nicht nehmen kann“, brachte es die Porno-Wissenschaftlerin Madita Oeming im Februar in einem Interview mit dem Spiegel auf den Punkt.

Doch Pornografie bleibt ein Tabuthema. Das möchte Paulita Pappel mit ihrer Arbeit ändern. Auch wenn sie sich mit Labeln wie feministisch oder ethisch schwer tut: „Das impliziert, dass die meisten anderen Pornos ganz schlimm und unethisch sind.“ Das Stigma von Pornos zementiere sich. „Und man unterstellt Frauen, die in der Mainstream-Industrie arbeiten, dass sie ausgebeutet und nicht selbstbestimmt sind. Das reproduziert das Bild einer weiblichen Sexualität, in der Frauen nur Opfer sind, die nie Lust empfinden.“

Feministische Pornos: Weibliche Lust, Einvernehmlichkeit und faire Arbeitsbedingungen

Die Debatte ist nicht neu. Einen Höhepunkt erreichten die „feministischen Pornokriege“ in den 1980er-Jahren in den USA. Manche Feminist:innen verurteilten Pornos als kommerzialisierte Vergewaltigung, Ausdruck des Patriarchats. Dem gegenüber stand eine bis heute wachsende, sexpositive Bewegung um feministische Pornos. „Feministischer Porno schafft alternative Bilder und entwickelt eine eigene Ästhetik und Ikonografie, um etablierte sexuelle Normen und Diskurse zu erweitern“, schreiben die Herausgeber:innen des Sammelbands The Feminist Porn Book von 2013, in dem Produzent:innen, Performer:innen und Wissenschaftler:innen zu Wort kommen. Im Zentrum stehen außerdem die Darstellung weiblicher Lust und Einvernehmlichkeit, faire Arbeitsbedingungen für Sexarbeiter:innen und die Forderung, Frauen an Produktion, Drehbuch und Regie zu beteiligen, aber auch diverse Identitäten und Sexpraktiken. Paulita Pappel achtet außerdem darauf, Sex zu kontextualisieren und nicht zu anonymisieren: „Die Darsteller:innen sind kein Stück Fleisch, sondern Menschen, die Lust auf Sex haben.“ Bei der Reihe „Ask me“ etwa schneidet sie Sequenzen eines intimen Interviews mit Szenen von Gangbangs zusammen. Keine Sexualpraktik dürfe abgewertet werden. „Menschen sollen sich nicht für ihre Vorlieben und ihr Begehren schämen. Das ist gefährlich. Denn Scham führt dazu, dass man sich nicht traut offen zu kommunizieren. Doch Kommunikation ist die Basis von Konsens.“

Die Darsteller:innen sind kein Stück Fleisch, sondern Menschen, die Lust auf Sex haben.
Paulita Pappel, Porno-Produzentin

Die Pornowissenschaftlerin Madita Oeming sieht das ähnlich: Gangbangs seien „eine vielleicht seltenere, aber keineswegs abnormale Praxis, bei der auch eine Frau im kontrollierten Setting nach Abstecken ihrer Grenzen verschiedene Fantasien erfüllen kann“. Nur wenn dies nicht einvernehmlich passiere, sei es sexuelle Gewalt. Frauen per se als Opfer darzustellen, die eine solche Praxis benutze und demütige, „schreibt ein überholtes Narrativ der Frau als Opfer fort, in dem weibliche Sexualität gänzlich ausgeklammert wird“.

Ein wichtiges Kriterium für feministischen Porno sind ethische Arbeitsbedingungen und Transparenz. Bei Hardwerk etwa kommunizieren Darsteller:innen nicht nur vor dem Sex, sondern auch während des Drehs ihre Wünsche und Grenzen. Lustery klärt die Paare auf, dass Videos trotz Paywall vermutlich geklaut werden und auf Seiten wie Pornhub landen. Das ist ein riesiges Problem für die Branche, über die Pappel aus eigener Erfahrung sagt: „Der größte Teil der Pornoindustrie, auch der sogenannte Mainstream, ist tatsächlich ethisch.“ Das Klauen der Videos sei es nicht. Für Konsument:innen, die sichergehen möchten, Pornos ethisch zu konsumieren, hat Pappel einen einfachen Tipp: „Dafür bezahlen.“

Der feministische Porno Hologang spielt auf einer von Klimakrise, Kriegen und Pandemie zerstörten Erde, auf der es keine Männer mehr gibt. Die Männer hier sind Sex-Hologramme, die die Hauptdarstellerin bestellt und programmiert hat.

Bild: Mónica Muñoz/Hardwerk

Ihre Hardwerk-Filme vertreibt sie bisher über Drittanbieter wie Pinklabel TV oder Erika Lust. Die Videos von Lustery gibt es für dort angemeldete Mitglieder. Von deren Beiträgen erhalten die Paare zwischen 200 und 1.500 Euro pro Film. Der Preis hängt etwa von der Länge ab, nicht jedoch davon, wie beliebt das Video ist. Denn die Paare sollen möglichst authentischen Sex haben – und nicht den für die meisten Klicks. Dennoch sagt Pappel: „Sex ist immer eine Performance, auch im Privaten, für mich, für den Partner – oder eben für die Kamera.“ Die meisten Paare bei Lustery filmten sich ohnehin nicht wegen des Geldes, sagt Pappel: „Sie haben Bock, sich zu erforschen.“ Porno als Empowerment.

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Können wir noch Kunst? Wie die Krise die Kultur verändert hat – und was wir jetzt für sie tun müssen“ der Ausgabe 03/2021. Außerdem sprechen wir in unserem Podcast „Good News enorm: gute Nachrichten & konstruktive Gespräche“ über feministische Pornos und andere gute Nachrichten rund um Sex.