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1 August 2022 / Lesezeit: 7 minuten

Dana Reizniece-Ozola

Ein Leben zwischen Schach und Politik

„Andere erholen sich auf der Sonnenliege, ich mich beim Schach“, sagt Reizniece-Ozola.

Foto: Anja Dilk

Foto: Anja Dilk

Schachturnier in Löberitz, Sachsen-Anhalt, mittendrin eine lettische Ex-Ministerin. Egal ob in der Politik oder am Brett – Dana Reizniece-Ozola liebt das Spiel in diesen Männerwelten. Und den Sieg.

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Leise wie auf Filzsohlen rollt der Regionalexpress in den kleinen Bahnhof irgendwo bei Bitterfeld. Hinter dem Gleis parken Güterzüge, vor dem Bahnsteig döst die Bushaltestelle, langsam bricht die Sonne durch die dünne Wolkenmatte am Himmel dieses Maisonntags um 7.20 Uhr in der Früh. Ein Auto rollt heran. „Willkommen in Wolfen“ ruft Norman Schütze und stößt einladend die Autotür auf. „Wir müssen noch schnell Brötchen holen, die Mannschaft ist hungrig.“ Denn um 10 Uhr geht es los. Mit dem großen Schachturnier in Löberitz, zwei Dörfer weiter.

Schütze gehört zum Kernteam der Schachgemeinschaft (SG) 1871 Löberitz, einem der ältesten Schachvereine Deutschlands. Vor zwanzig Jahren stand der Verein vor dem Aus, heute spielt er in der zweiten Bundesliga. Seit Langem dabei ist eine ungewöhnliche Frau: Dana Reizniece-Ozola, lettische Schachmeisterin, Jugendweltmeisterin, Welt- und Großmeisterin der Frauen – und bis vor Kurzem Finanz- und Wirtschaftsministerin von Lettland.

Moment mal? Eine lettische Spitzenpolitikerin und Weltmeisterin, die bei einem deutschen Schachverein auf dem Land spielt? Wie passt das zusammen? „Abwarten“, lacht Schütze und parkt vor seinem Elternhaus.

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„Du kannst das Spiel des Gegners lesen wie eine Biografie: Ist er dynamisch, ruhig, risikobereit?“, sagt Reizniece-Ozola.
Foto: Anja Dilk

Im Wohnzimmer schieben die Mannschaftskollegen Fridolin und Nico, gestern angereist aus Leipzig und Berlin, das Schlafsofa zusammen. Es duftet nach Kaffee, Räucherlachs und Schinken. Laptops werden aufgeklappt, noch einmal das Profil des Gegners ins Visier nehmen. Die Flurtür geht auf, strahlend steht sie da. Grünes T-Shirt, dunkle kurze Locken, lockere Baumwollhose. „Es ist herrlich, wieder hier zu sein“, sagt Reizniece-Ozola und beißt genüsslich in ein Eiersalatbrötchen. „Zu Hause in Lettland würde ich nie Brötchen und Ei frühstücken, das wäre wie Ouzo in Schweden trinken. Aber hier ist es für mich der Geschmack meiner zweiten Heimat.“

Ihre erste liegt hoch im Norden. Aufgewachsen in Kuldīga, einer 12.000-Einwohner:innen-Stadt an der lettischen Küste, die Mutter Buchhalterin, der Vater Fahrer, ist sie ein „Landgirl bis ins Mark“. Mit Händen in der Erde graben, nah an der Natur sein. Bis heute hat sie den Duft der sonnengewärmten Tomaten im kleinen Gewächshaus ihrer Eltern in der Nase, beim Kochen geht sie nun oft barfuß in ihren eigenen Garten, um sich frische Kräuter zu holen. Es ist wie ein Flashback in das beschauliche Leben mit Hühnern, Gärtchen und einer fürsorglichen Community, das Reizniece-Ozola von Anfang an Stabilität gibt. In der zweiten Grundschulklasse geht in dieser beschaulichen Welt plötzlich die Tür auf und ein fremder Mann mit großer Wintermütze tritt hinein: Wer von euch will Schach spielen? Niemand weiß, wovon er spricht. Doch fast alle Schüler:innen stehen am nächsten Tag vor dem kleinen gelben Gebäude mit den grünen Türen – dem Schachclub. Reizniece-Ozola wagt sich als Erste hinein und ist die Einzige, die immer wiederkommt. Da ist sie gerade mal acht Jahre alt.

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Erst ist es das starke Gefühl des Gewinnens, das sie trägt, so wohlig, so ermutigend. Später die Lust an der Entdeckung intensiver Gefühle überhaupt. Gewinnen, scheitern, hadern, verzweifeln, Rückschläge überwinden. Sich in den Charakter des Gegners bohren mit seinen Stärken und Schwächen, „ihn zu fühlen“ wie eine zweite Haut. „Du kannst das Spiel des Gegners lesen wie eine Biografie: Ist er dynamisch, ruhig, risikobereit?“, sagt Reizniece-Ozola. Sieben Tage die Woche trainiert sie vier, sechs Stunden am Tag, im Gymnasium bleibt sie oft bis Mitternacht mit ihrem Trainer im Club, der schnell zu einem zweiten Vater wird. Ohne das freiwillige Engagement des Coaches, der fasziniert ist von Beharrlichkeit und Talent des Mädchens aus einfachen Verhältnissen, hätte sie es ebenso wenig geschafft wie ohne das kostenlose Freizeitangebot an lettischen Schulen für Sport, Kultur oder eben Schach, ein Erbe aus Sowjetzeiten.

Eine deutsche Familie für die Lettin

1999, da ist sie längst Juniorenweltmeisterin und auf Turniertour durch Europa, spricht sie nach einem Wettkampf in Passau ein Mann an, der Präsident des SG Löberitz. Lust, für ein deutsches Team zu spielen? Reizniece-Ozola schlägt ein. Nicht nur weil sie an einem Wochenende damit 300 Euro verdient, so viel wie damals der Monatslohn einer Lehrkraft in Lettland. Auch weil Deutschland für die junge Lettin eine Chance zu regelmäßigen Übungsspielen ist, „das Durchschnittsniveau im deutschen Schachsport Weltspitze ist“ und der kleine Ort mit seinem Schachmuseum, dunkel getäfelter Vereinskneipe, Kirche, Dorfschule und „diesen unglaublich warmherzigen Menschen“ ein wenig wie zu Hause. „Die Löberitzer Schachfreunde wurden meine deutsche Familie.“

10 Uhr. „Schach “ steht auf dem kleinen Schild vor dem „Turn & Treff zum Reiter“, einer Art Gemeindesaal mit integrierter Ortskneipe am östlichen Rand von Löberitz. Davor tanken Spieler Morgensonne, Trollis bollern über den kleinen Bürgersteig, nach der Partie geht es für die vier Mannschaften wieder nach Hause. Drinnen, im grau-weiß renovierten Saal, ist alles bereit. 16 Bretter, 32 Stühle, aufgereiht wie bei einer Abiturprüfung. Außer Reizniece-Ozola nur Männer am Start. Handys stapeln sich auf dem Schiedsrichtertisch – digitale Hilfen streng verboten –, Reizniece-Ozola und ihre Teamkollegen klemmen sich hinter die Schachbretter, begrüßen ihre Gegner vom FC Bayern München („Klare Favoriten, wird ’ne harte Partie“, raunt jemand). Schiedsrichter Sven Baumgarten checkt die Aufstellung. Alles klar. Psst! Die Schachuhren laufen.

Fünf Stunden oder mehr kann so eine Partie dauern. Stunden, in denen es im Saal ruhig ist wie in einem Museum, aber im Kopf laut wie auf einem Schlachtfeld, sagt Reizniece-Ozola. Die Gedanken pflügen durch Strategien, Varianten, denken bis zu zwanzig Züge voraus. „Nimm nie die Hände zur Hilfe“, hat der Trainer ihr beigebracht. „Das Gehirn schafft es allein.“ Alles um sich herum ausblenden, versinken in dem „Puzzle, das es heute zu lösen gibt“, das hat sie dieses Spiel gelehrt.

All das hat sie auch in ihrem Leben jenseits des schwarz-weißes Brettes zum Erfolg getragen. In der Schule, die sie als eine der Besten abschließt. Im Studium, erst Sprachen, dann Jura. Im Beruf, als Spezialistin in der Stadtverwaltung, zuständig für Förderanträge der Europäischen Union, die sie besser versteht als viele andere durch ihre Turnierreisen in alle Ecken des Kontinents in den 1990er-Jahren. Später als Leiterin des Technologieparks Ventspils, in dem sie den Ausbau der lettischen Weltraumtechnik voranbringt, den ersten lettischen Satellitenstart betreut und ein Ausbildungskonzept für Nachwuchsingenieur:innen auf den Weg bringt. Sie sattelt, warum nicht, nebenher einen MBA in Raumfahrttechnik drauf. „Ich liebte diese Arbeit.“

Und plötzlich, mit Anfang dreißig, katapultiert es sie in die Politik. Auf Bitten eines Parteifreundes lässt sich Reizniece-Ozola auf die Wahlliste der Regionalpartei „Für Ventspils und Lettland“ setzen, pro forma, es fehlen Kandidat:innen, vielleicht bringt die Schachkönigin von Riga Stimmen für die Partei. Sie wird gewählt. „Ein Schock.“

Schach als Back-up

Was macht man nur in so einem Parlament? „Man schafft sich Aufgaben“, erkennt Reizniece-Ozola und dreht sich rein in den Politikbetrieb, in dem es oft um Nuancen in Gesetzestexten geht, ums Verbindungenknüpfen, Ergebnisseliefern in verdammt kurzer Zeit. „Politik macht süchtig, weil du was bewirken kannst. Wenn du dich traust.“ Denn selten sind die notwendigen Entscheidungen die populärsten, doch Popularität ist die harte Währung der Politik. Reizniece-Ozola aber hat Schach. Das macht sie frei, unabhängig, es ist ihr Back-up, das ihr hilft, „im großen Spiel der Politik durchzukommen“, weil sie weiß: „Wenn ich dort verliere, habe ich immer noch meine Schachwelt.“

Und wie ähnlich sind sich diese Welten: die Komplexität, die Taktik, der Spannungsreichtum der Kämpfe mit den Gegnern. Es hilft, dass sie gelernt hat: nichts persönlich nehmen; drei Züge im Voraus denken, die ganze Partie im Blick behalten; die Konsequenzen ebenso einkalkulieren wie die Position des Widersachers; durchhalten, statt den schnellen Sieg erzwingen wollen.

Männerwelt? Pfft. Schach verschafft Respekt. „Die haben mein Selbstbewusstsein gerochen.“ 2014 wird Reizniece-Ozola die zweite Wirtschaftsministerin Lettlands, 2016 Finanzministerin, als eine von drei Frauen in einem Kabinett mit 13 Köpfen. Unpopulär? Egal. Reizniece-Ozola powert ein neues System der Unternehmensbesteuerung durch und Gesetze gegen Schwarzmarkt und Geldwäsche; ihr gelingt die Öffnung des lettischen Gas-Marktes, damit ihr Land unabhängig wird von russischer Energie. Manchmal ist der Gegenwind brutal, „aber aushalten habe ich ja gelernt“, sagt sie. „Und wenn du als Politikerin liefern kannst, ist das eines der befriedigendsten Dinge, die es gibt.“ 2016 besiegt die Finanzministerin bei der Schacholympiade in Baku Frauenweltmeisterin Hou Yifan in 51 Zügen – im Urlaub. „Andere erholen sich auf der Sonnenliege, ich mich beim Schach.“ Für sie ist es wie Meditation, eine Kur in totaler Fokussierung.

Foto: Anja Dilk

13 Uhr. Die Mittagssonne fällt durch die hohen Fenster der Schachhalle. Spieler schlendern leise durch die Tischreihen, wer nicht am Zug ist, schaut bei den Kollegen vorbei. Andere schnappen draußen Luft, greifen sich ein schnelles Brötchen vom Buffet. Vielleicht schielen sie auch auf die Füße des Gegners unter dem Tisch, diese stummen Zeugen der Nervosität der Spieler. Unter Reizniece-Ozolas Tisch ist es leer. Beine auf dem Stuhl verschränkt, Schneidersitz, den Kopf auf die Hände gestützt. Fast alle Spielfiguren stehen noch auf dem Brett, seit Stunden ein Patt. Springer auf g7, Tapp auf die Uhr, kerzengerader Blick zum Gegner. Und nun? Der lettisch-sowjetische Ex-Weltmeister Michail Tal, dessen dynamischer, manchmal abenteuerlicher Stil Reizniece-Ozola immer inspiriert hat, sagte: „Beim Schach ist es wie in einem dunklen Wald. Viele Wege führen hinein, nur einer hinaus.“

An der Spitze des Weltschachverbands Fide

Gewinnen, okay. Aber letztlich geht es um etwas anderes: den Rausch der Herausforderung. Etwas in Bewegung setzen, statt sich treiben lassen – oder rumnörgeln müssen wie in der Opposition. „Nicht mein Ding.“ 2019 hat sie deshalb dem Parlament den Rücken gekehrt und macht anderswo Politik: als Geschäftsführerin des Weltschachverbands Fide. Lange war er ein eher altmodischer Männerclub für Reglement und Wettkämpfe. Reizniece-Ozola will nun „Schach für Soziales und Bildung nutzen und Frauenförderung voranbringen“.

Tatsächlich, ist es nicht reichlich seltsam, dass es bei diesem Sport seit den 1970er-Jahren neben den – für alle offenen, aber extrem männerdominierten – Standardmannschaften extra Ligen für Frauen gibt? „Im Gegenteil, wir brauchen sie, um Frauen den Zugang zu erleichtern, sie zu motivieren, sich in diese Welt zu wagen.“ Weniger als ein Zehntel der 80.000 Mitglieder des deutschen Schachverbands ist weiblich. „Und in manchen Ländern der Welt heißt es immer noch: Schach? Ist nichts für Mädchen.“ Nun gibt es erste Fide-Programme für Mädchenförderung, Schach für Geflüchtete, Menschen mit Handicaps, in Südamerika, Afrika oder Asien etwa. 2021 startete die erste Online-Championship für Gefängnisinsass:innen.

In der Schachhalle Löberitz sind nur noch wenige Tische belegt, am Buffet wellen sich Wurst und Käse auf den letzten Brötchen. Gleißend hell scheint die Nachmittagssonne herein. Der Schiedsrichter füllt Ergebnislisten aus, für den SC Löberitz sieht es schlecht aus. Bis jetzt vier Niederlagen, zwei Remis,
ein Sieg. Es ist seltsam ruhig, ausgelaugte Stimmung. Reizniece-Ozola und ihr Gegner vom FC Bayern München fighten immer noch.

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Am Abend sitzt sie wieder im Flieger Richtung Riga. Vorher hat sie ihrem Mann und ihren vier Kindern noch eine Nachricht geschrieben. „Ich habe gewonnen.“