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4 März 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Astronautin Insa Thiele-Eich

„Ich wäre lieber die hundertste deutsche Frau im All – und nicht die erste“

Insa Thiele-Eich wurde zusammen mit der Astrophysikerin Suzanna Randall aus mehr als 400 Bewerberinnen von der privaten Initiative „Die Astronautin“ ausgewählt. Eine von ihnen soll als erste deutsche Frau ins All fliegen.

Bild: Gezá Aschoff

Bild: Gezá Aschoff

Insa Thiele-Eich ist Meteorologin, Astronautin und könnte bald als erste Frau aus Deutschland ins All fliegen. Ihr Vater, der deutsche ESA-Astronaut Gerhard Thiele, flog 2002 ins All. Mit welchen Vorurteilen sie als Frau in der Raumfahrt konfrontiert wird und wie es ist, in einer Astronaut*innenfamilie aufzuwachsen.

Die private Initiative „Die Astronautin“ wurde gegründet, damit nach elf Männern endlich auch eine Frau aus Deutschland ins All fliegt. War das für Sie ein Antrieb?

Erstmal habe ich das pragmatisch gesehen. Gesucht wurde eine deutsche Frau. Das war für mich endlich überhaupt die Möglichkeit, mich zu bewerben – bei der letzten Auswahl der ESA war ich noch zu jung. Anfangs habe ich mich schon gefragt: Brauchen wir diese Betonung auf „erste“ deutsche Frau im Jahr 2016 noch? Dann wurde ich ausgewählt und stand in der Öffentlichkeit. Plötzlich habe ich verstanden: Ja, wir brauchen es noch. In meiner Wissenschafts-Blase an der Universität Bonn war mir nicht bewusst gewesen, wie viele Vorurteile Frauen, besonders Müttern, immer noch entgegengebracht werden. Es war erschreckend, welche Kommentare ich zu hören bekam.

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Zum Beispiel…

… wie ich als Mutter von drei Kindern überhaupt auf die Idee komme, ins All fliegen zu wollen. Außerdem hat mich eine Journalistin in meinem ersten Interview gefragt, ob ich nicht Angst hätte auf der Raumstation. Ich dachte, sie meinte den Raketenstart, aber sie meinte die Angst vor sexuellen Übergriffen durch Kollegen. Auf einer Wissenschaftsmission! Für mich war das unfassbar. Leider gibt es auch genug Menschen, die Frauen grundsätzlich die Fähigkeit absprechen, ins All fliegen zu können.

Dabei umkreiste die erste Frau schon 1963 die Erdumlaufbahn, die Russin Walentina Tereschkowa. Unter den etwa 550 Menschen im All waren immerhin 65 Frauen, wenn auch keine deutschen.

Mir wäre es lieber, wenn ich die hundertste deutsche Frau im All wäre – und nicht die erste. Denn es würde bedeuten, dass wir über solche Fragen gar nicht mehr diskutieren müssten. Wenn ich erzähle, mit welchen krassen Vorurteilen Frauen und auch ich teilweise konfrontiert sind, muss ich mir gleichzeitig anhören: Stell dich nicht so an, so schlimm ist es auch nicht. Es macht müde zu erleben, wie wenig gleichberechtigt die Gesellschaft ist. Dabei nutzt die Beseitigung jeder Schieflage doch allen.

Als Vorbild können Sie helfen, alte Rollenbilder zu knacken.

Ich hoffe es. Tatsächlich bekomme ich Zuschriften von Eltern, die erzählen, dass sich gerade ihre Töchter so über unser Projekt „Die Astronautin“ freuen: Endlich ist mal eine Frau dabei, der man sogar einen Brief schreiben kann. Das ist einerseits schön, andererseits erschreckend. Es zeigt, wie sehr weibliche Vorbilder im MINT Bereich Mangelware sind. Mich freut, dass wir auch viele Jungen als Fans gewinnen.

Als Astronautin ist Insa Thiele-Eich auch ein weibliches Vorbild für Mädchen und beweist, dass selbstverständlich auch Frauen dem harten Training standhalten können.
Bild: Gezá Aschoff

Wie ist bei Ihnen denn der Wunsch entstanden, ins All zu fliegen?

1987 wurde mein Vater ins deutsche Astronautenkorps aufgenommen, ich bin also in einer Raumfahrtfamilie groß geworden. Als ich 14 war, zogen wir nach Houston. Mich hat fasziniert, mit welcher Begeisterung und Hingabe dort in der Raumfahrt viele, viele Menschen an einer Mission arbeiten.

Also nicht nur die paar Astronauten*innen, die in der Öffentlichkeit stehen…

…sondern Hunderte von Ingenieur*innen, Wissenschaftler*innen, Trainingsteams, Forschungseinheiten arbeiten Hand in Hand. Es geht in der Raumfahrt auch nicht nur um die Zeit im All. Das denkt man vielleicht von außen. Mindestens ebenso wichtig ist das Drumherum: eine unglaubliche Vielfalt von Trainings, in denen man an eigene Grenzen geht, eine außergewöhnlich intensive Zusammenarbeit in den Teams. Das Erleben zu dürfen, war für mich eine große Motivation. Der Aufenthalt im All selbst ist natürlich der absolute Bonus…

…zumal es nicht klar ist, ob es wirklich dazu kommt.

In der Tat. Ich habe bei meinem Vater gesehen, wie lange es dauern kann. Es hängt von so vielen Faktoren ab. Vieles läuft politisch im Hintergrund, alles Mögliche kann technisch oder gesundheitlich dazwischenkommen. Zwischen Auswahl und Flug kann viel Zeit vergehen: Mein Vater hat zwölf Jahre lang gewartet, der deutsche Astronaut Matthias Maurer bewarb sich 2008 bei der ESA und startet voraussichtlich im Herbst dieses Jahres. Und auch wir erleben jetzt ein Auf und Ab. Kürzlich wurde der Flug offiziell besetzt, mit dem wir ursprünglich hätten fliegen sollen – wenn wir das Geld zusammengehabt hätten. Es gibt keine Garantie, dass man wirklich fliegt.

Bei ihrem Vater hatte das Warten im Februar 2000 ein Ende. Damals waren sie 17. Wie war das als Tochter?

Auf der einen Seite natürlich spannend, auf der anderen Seite stand es nicht ständig im Vordergrund. Mein Vater war für mich meine komplette Kindheit Astronaut. Unsere Familie war ständig in Kontakt mit anderen Eltern, die auch als Astronaut*innen trainiert haben. Es war spannend, aber nichts Besonderes in unserem Umfeld.

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Erinnern Sie sich an den Start?

Ja, das war sehr aufregend, auch, weil er mehrfach verschoben wurde. Am Tag selbst stehen Psycholog*innen bereit – falls etwas passiert. Wir waren komplett von der Öffentlichkeit abgeschottet. Als das Shuttle im Orbit war, ging es schnurstracks zurück in die Schule.

Hatten Sie während des Fluges Kontakt?

Einmal wurde ich aus der Schule geholt. Ich weiß noch, dass ich deshalb einen Mathetest verpasst habe. Vor dem Gespräch wurden uns ein paar Regeln eingeschärft. Wir durften unseren Angehörigen zum Beispiel keine schlechten Nachrichten übermitteln. Dann sitzt man irgendwann in einem Büro der NASA, weiß, dass nebenan viele Menschen mithören, und versucht zeitversetzt miteinander zu reden. Ich weiß noch wie ich mich gefragt habe: Mein Vater ist im All, was soll ich ihm denn jetzt überhaupt sagen? Und, mal ehrlich, er war ja auch nur elf Tage weg. Heute könnten wir wenigstens Direktnachrichten austauschen.

Haben Sie die Erzählungen Ihres Vaters von seiner Zeit im All später inspiriert?

In erster Linie war Papa für mich halt Papa und nicht Astronaut. Ich habe ihn vor allem als Erwachsene in Vorträgen von seinem Aufenthalt im All reden hören. Aber ich erinnere mich noch, wie er mir viel früher bei einem Urlaub in den Bergen mal die Andromeda-Galaxie am Nachthimmel gezeigt hat. Da ist unterhalb des Sternbildes Kassiopeia ein Lichtfleck. Der sieht gar nicht beeindruckend aus, und doch ist dort eine andere Galaxie. Unwirklich, oder? Wir wissen so wenig über sie, schon weil das Licht ja so lange braucht, bis es bei uns ist.  Bei mir hat das viele Fragen aufgeworfen: Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Damals begann meine Faszination für das Weltall.

Und nun investieren Sie die Hälfte Ihrer Zeit für das Training als Astronautin, die andere Hälfte arbeiten sie in ihrem Beruf als Meteorologin. Ein stressiger Spagat?

Manchmal schon. Ich habe eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn, bin in der Lehre tätig und stelle Projektanträge. Für ruhigere Abtauchphasen, die ich für die Forschung dringend bräuchte, bleibt momentan weniger Zeit. Und dann sind da noch meine drei Kinder. Als mein drittes Kind einige Monate alt war, stand zum Beispiel ein längeres Training bei Airbus in Bremen an. Also kam die ganze Familie mit, mein Mann hat sich um das Baby und die beiden Großen gekümmert, alle paar Stunden haben wir uns an der Pforte im Stillraum getroffen. Es ist natürlich schön, dass wir es so flexibel schaffen, Familie und Beruf zu vereinbaren, und die Kinder finden es toll – aber anstrengend ist es schon auch.

Welche Trainings bringen Sie am ehesten an ihre Grenze?

Das lässt sich nicht so einfach sagen, aber am Anfang des Tauchtrainings hatte ich ordentlich zu tun: Ich konnte auf Grund einer leichten Erkältung den Druckausgleich nicht machen, und bei einer der ersten Übungen sollte ich die Tauchmaske unter Wasser absetzen. Ich habe falsch geatmet, meine Kontaktlinse schwamm davon, und insgesamt fand ich die Erfahrung weniger erfreulich. Dann bekommt man langsam Übung, und irgendwann macht es Spaß. Besonders die Erkenntnis, dass es nie zu spät ist, etwas Neues zu lernen.

Sie sind Klimaforscherin – kann Raumfahrt zur Lösung der Klimakrise beitragen?

Natürlich kann die Erdbeobachtung aus dem All Daten generieren, die uns helfen können, den Klimawandel zu verstehen. Auch setzt der Blick von oben auf die Erde Verhältnisse ins Lot. Er zeigt uns, worauf es ankommt. Auf Satellitenbildern erkennen wir genau, wie der Klimawandel die Polkappen schmelzen lässt oder der Regenwald im Amazonas von Jahr zu Jahr schwindet. An der Raumstation ISS gibt es eine Außenbordkamera…

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…auf die kann sich jede*r zuschalten und live nach unten auf die Erde gucken

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…das ist wirklich beeindruckend, jede*r sollte sich es mal anschauen. Aber letztlich halte ich all das nicht für relevant. Wir kennen die Fakten, und wir kennen auch verschiedene Lösungen – sie werden nur nicht umgesetzt. Ich engagiere mich seit Kurzem in der Kommunalpolitik und weiß, wie schwierig es ist, den Schalter umzulegen, weil Demokratie auch immer ein Kompromiss ist. Aber wir müssen klar der Tatsache ins Auge schauen: Es liegt nicht an mangelnder Erkenntnis, sondern am Willen.