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4 Mai 2021 / Lesezeit: 6 minuten

Jasmina Kuhnke kämpft gegen Hass im Netz

„Die deutschen Behörden müssen aufwachen“

Für ihren provokanten Aktivismus auf Twitter erfährt Jasmina Kuhnke Hass-Nachrichten und Bedrohungen. Schutz von der Polizei erhält sie nicht. Um Opfer rechtsextremer Gewalt finanziell zu unterstützen, gründete sie den „Sheroes Fund“.

 

 

Bild: Marvin Ruppert

Bild: Marvin Ruppert

Jasmina Kuhnke macht sich auf Twitter gegen Rassismus stark. Im Februar wurde ihre Adresse im Netz veröffentlicht, sie erhielt explizite Morddrohungen und musste umziehen. Nun hat sie einen Fonds für weibliche, nicht-binäre und Trans-Aktivist:innen eröffnet, die im Netz und darüber hinaus verfolgt werden.

Autorin und Aktivistin Jasmina Kuhnke twittert täglich über strukturellen Rassismus – über 90.000 Menschen folgen ihr. Damit zieht sie als Schwarze Frau aber auch den Hass von Rechtsextremist:innen auf sich. Am 14. Februar veröffentlichten diese Kuhnkes Adresse in einem Video: Dort wurde ein Foto der Aktivistin auf einen Gorilla montiert, diesem wird in den Kopf geschossen. Am Ende des Videos heißt es: Ich will dich massakrieren. Noch am selben Tag laufen dutzende Essenslieferungen bei Kuhnke ein, die sie nie bestellt hat: eine Machtdemonstration jener, die ihr drohen wollen. Jasmina Kuhnke will sich aber nicht einschüchtern lassen. Sie begann die Drohung detailliert auf Twitter zu dokumentieren, erzeugte Aufmerksamkeit und wandte sich an die Polizei. Diese gewährte Kuhnke jedoch keinen Schutz.

Die Kölner Polizei schlug dir nach der Morddrohung und der Veröffentlichung deiner alten Adresse vor: Sei doch einfach nicht mehr auf Twitter aktiv. Du sahst dich gezwungen, mit deiner Familie umzuziehen. Hat die Polizei mittlerweile gehandelt, um dich und deine Familie zu schützen?

Tatsächlich immer noch nicht. Meine Anwält:innen und ich warten noch auf eine Rückmeldung des Landeskriminalamts. Sie sollen uns erklären, warum wir ungeschützt sind. Und wie es dazu kommen kann, dass die Gefahrensituation unserem Empfinden nach völlig falsch eingeschätzt wurde und wird. Ich bin auch in der neuen Wohnung nach wie vor eingeschränkt. Ich kann mich nicht frei bewegen, was vor allem gerade während der Coronakrise mit Kindern zuhause ziemlich belastend ist, weil ich auch gern mal an die frische Luft möchte, damit mir die Decke nicht auf den Kopf fällt. Wenn ich mal rausgehe, dann fühle ich mich nicht sicher. Das war ja nicht meine erste Morddrohung, die bekomme ich schon seit langem. Leider hat die Polizei mir noch nie Personenschutz gewährt. Zu dem aktuellen Video, in dem mir mit Mord gedroht wird, hieß es, es sei nicht eindeutig auf meine Person zu beziehen.

Rechtsextreme Gewalt im Netz wurde in Deutschland lange verharmlost und vernachlässigt. Seit Anfang April gilt in Deutschland jedoch ein neues Gesetz, nachdem Plattformen wie Twitter Morddrohungen zum Beispiel melden müssen. Fühlst du dich dadurch besser geschützt?

Zumindest noch nicht. Ein Großteil der justiziablen Inhalte ist nur durch Massenmeldungen in den Griff zu kriegen. Wenn ich selbst etwas melde, kriege ich oft nur die Rückmeldung von Twitter, dass hier kein Verstoß gegen ihre Richtlinien vorliege. Wenn ich diese Inhalte dann Anwält:innen weiterreiche, widersprechen sie dem aber.

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Selbst wenn es eine konsequente Verfolgung dieser Inhalte auf Twitter und Co gäbe: Würde das nicht dazu führen, dass Täter:innen sich in anonyme und teilweise illegale Kanäle wie 4chan, Foren auf Twitch oder Telegram-Gruppen zurückziehen, wo man gar keine Kontrolle mehr ausüben kann?

Eine berechtigte Frage. Aber diese Kanäle existieren ja so oder so. Attila Hildmann hat immer noch seinen Telegram-Channel. Wenn wir es aber nicht mal schaffen, öffentliche Plattformen wie Facebook und Twitter zu regulieren, auf denen ja auch viele Kinder und Jugendliche unterwegs sind, dann machen wir die Radikalisierung ja erst möglich. Das kriminelle Inhalte da geduldet werden, führt dazu, dass sich eine gewisse Abstumpfung und Akzeptanz für kriminelle Inhalte entwickelt. Das müssen wir eindämmen, und zwar noch viel stärker.

Hat sich dein Verhalten auf Twitter verändert, seit das Video veröffentlicht wurde?

Nein, Null. Auch Personen, die wissenschaftlich arbeiten, zum Beispiel Natascha Strobel (Anm. d. Red.: Politikwissenschaftlerin und Expertin für Rechtsextremismus), erfahren auf Twitter trotzdem Hass und Drohungen. Wenn wir uns ansehen, was auch Politiker:innen sich online alles anhören müssen, dann glaube ich nicht, dass das an einer bestimmten Tonalität oder Mentalität liegt. Hass und Drohungen sind leider einfach Begleiterscheinungen, die auftreten, sobald man sich – insbesondere als marginalisierte, migrantisch markierte Frau– öffentlich meinungsstark äußert.

Das heißt ein weißer Mann wird nicht so hart ins Gericht genommen wie du, obwohl ihr vielleicht ähnlich provokant über ähnliche Themen twittert.

Absolut. Einmal habe ich einen Gag geschrieben, bei denen es um Äußerungen von Jens Spahn zum Paragraf 219A ging, also um den Paragrafen, der in Deutschland Abtreibungen illegalisiert. Da habe ich geschrieben, dass sich Jens Spahns Eltern auch sicherlich manchmal wünschen würden, sie hätten ihn abgetrieben. Diesen Gag hätte ein weißer Mann so verkaufen können, ohne Aufschrei. Ich habe dann viel später darüber getweetet, dass dieser Gag scheiße war und dass ich ihn bereue. Dieser Tweet hat dann wiederum aber einen Shitstorm nach sich gezogen, nachdem die Mordrohung gegen mich öffentlich geworden war. Das soll nicht heißen, dass ich von der Kritik ausgenommen werden will, auf keinen Fall. Vieles, was ich mache, ist absolut kritikwürdig. Aber man sollte schon schauen, wie man da differenziert. Und ob man nicht gerade Narrativen erliegt, die etwas mit strukturellem Rassismus und Sexismus zu tun haben. Weil ich eine gewisse Reichweite habe, denken die Leute, dass sie nach oben treten. Aber ich bin tatsächlich immer noch Schwarz und eine Frau. Deshalb bleiben die Leute nicht bei den kritikwürdigen Punkten meiner Inhalte, sondern zielen auf meine Person.

Du hast als Reaktion auf die hohen Kosten für den Umzug und deine Anwält:innen gemeinsam mit der Antonio-Amadeu-Stiftung den Sheroes Fund ins Leben gerufen, der Opfer rechtsextremer Gewalt, die weiblich, trans, inter oder nicht-binär sind, finanziell unterstützen will. Deine eigenen Kosten waren innerhalb des ersten Tages der Spendenkampagne gedeckt. 

Ja, das war irre. Die Solidarität, die wir da erfahren haben, hat mich völlig umgehauen. Ich bin eigentlich eine sehr entspannte Person, aber da hatte ich Herzrasen und Tränen in den Augen. Insbesondere weil so viele Menschen durch die Coronakrise so starke finanzielle Probleme haben und trotzdem spenden. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und mit Demut.

Der Fund soll ein Langzeitprojekt sein. Haben sich schon viele Menschen bei euch gemeldet?

Ja und wir achten bei allen Menschen, die sich melden, darauf, wie wir der Person am besten helfen können. Manche benötigen, so wie ich, Hilfe beim Umzug, aber das ist von Fall zu Fall verschieden. Mir ist es ganz wichtig, dass es nicht nur um mich geht. Ich weiß von vielen anderen Personen, die in derselben Situation sind. Die untertauchen müssen, in absoluter Angst leben, die allein gelassen werden. Man darf nicht aus dem Blick verlieren, dass viele keine Reichweite haben wie ich. Auch für diese Menschen soll der Fund da sein.

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Gibt es mehr Zusammenhalt als man denkt, nur wird er nicht so laut formuliert wie der Hass?

Wenn es nicht so wäre, dann könnte ich gar nicht twittern. Ich habe ganz deutlich das Gefühl, dass die Mehrheit, auch im Netz, sehr solidarisch  und vernunftbegabt ist, das Grundgesetz wahren will und die Menschenwürde anerkennt. Ich bin außerdem eine Person, die aus dem Schlechten immer versucht das Gute zu ziehen. Als ich mit meinem Hasthag #haltdiefressebild einen großen Shitstorm erlebt habe, habe ich innerhalb von ein paar Tagen mit anderen Menschen zusammen Masken mit dem Hashtag herstellen lassen und verkauft. Die Einnahmen haben wir an #leavenoonebehind gespendet. Ich glaube, dass das zum Beispiel eine gute Art ist, negative Energie in etwas Positives umzuwandeln.

Was ist seit der Veröffentlichung der Morddrohung gegen dich mehr geworden: Die Zahl der Zusprüche oder die Zahl der Hassnachrichten?

Unmittelbar danach erstmal der Hass. Ich habe dann meine Follower:innen aufgerufen, sich bitte auch lautstark zu äußern, wenn es wieder zu solchen Übergriffen kommt. Und wenn rassistische Beleidigungen kommen, dazwischenzugehen, weil ich das mittlerweile nicht mehr alleine handeln kann und auch nicht will. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Das hat sehr gut geklappt und seitdem ist es für mich leichter, solche Shitstorms auszuhalten, weil ich weiß, dass Personen aktiv werden und mich nicht alleine lassen. Zumindest im Twitterdorf.

Und in der analogen Gesellschaft?

In Erfurt gab es gerade erst einen Angriff auf einen syrischen 17-Jährigen. Ein Mann hat auf ihn eingetreten und niemand ist eingeschritten. Ich konnte mir das Video nicht anschauen, es bricht mir das Herz. Ich sehe darin meine Kinder, ich habe ein Flashback, wie ich in einem Bus von Neonazis verprügelt wurde und niemand mir zur Hilfe kam. Mir ist das mehr als einmal passiert. Und so habe ich schon als Kind gelernt, dass ich mich nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen kann. Alles was ich mir wünsche ist, dass die Zivilgesellschaft nicht wegschaut, sondern dass wir uns gegenseitig schützen. Ich hoffe, dass die deutschen Behörden aufwachen, das Ausmaß rechtsextremer Gewalt wahrnehmen und entschlossen dagegen vorgehen.

Was rätst du einer angehenden „Sheroe“, die in die Öffentlichkeit treten will, aber Angst hat, weil sie zum Beispiel eine Frau of Colour ist?

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Ich würde ihr raten, dass sie sich ganz genau informieren sollte und nicht so blauäugig an Social Media rangehen darf wie ich. Wenn man sich mit gewissen Personen so forsch auseinandersetzt wie ich, sollte man sich bewusst sein, welche Folgen das haben kann und abschätzen, ob man sich zutraut, damit umzugehen. Manchen Journalist:innen und anderen Personen antworte ich nicht mehr, weil ich ihnen dadurch helfen würde, noch mehr rechte Follower:innenschaft zu generieren. Aber bei anderen halte ich weiter hart dagegen, insbesondere bei Männern, die denken, dass sie nur aufgrund meines Geschlechts in einem unglaublich herablassenden Ton mit mir reden können. Denen sage ich weiterhin: Es ist nicht mehr 1950, so redest du nicht mit mir, und auch mit keiner anderen Frau.

Das Bundeskriminalamt zählte im Jahr 2019 1.524 Fälle von Hass-Postings in Deutschland. Drei von vier gemeldeten Hassbeiträgen im Internet schrieb die Behörde der politisch motivierten Kriminalität von rechts zu.