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19 November 2020 / Lesezeit: 5 minuten

„Sie ist halt schüchtern“

Wie Genderklischees Autistinnen unsichtbar machen

Autismus wird in Erzählungen, Wissenschaft und Medizin eher Jungen zugeschrieben. Das gesellschaftliche Frauenbild sorgt dafür, dass Autistinnen meist unerkannt bleiben.

Bild: imago images/Ikon Images

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Autismus wird bei Frauen sehr selten diagnostiziert. Das liegt vor allem daran, dass sie bei der Diagnose nach Kriterien bewertet werden, die heteronormativ männlich sind. Die Medizinerin Christine Preißmann ist selbst Autistin und will anderen Frauen und Mädchen bei der Suche zu sich selbst helfen.

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Christine Preißmann war ein stilles Mädchen. Ihre Leidenschaft galt Plänen und Flughäfen, auch von Weihnachtsmärkten bekam sie nicht genug. Puppen hingegen ließen sie kalt. „Es blieb mir ein völliges Rätsel, weshalb ich durch eine Trinkflasche dafür sorgen sollte, dass ein lebloses Kunststoffmodell nass wurde, um dann von mir trocken gelegt zu werden“, schreibt sie über ihre Kindheit in ihrem Buch „Überraschend anders: Mädchen & Frauen mit Asperger“ (Trias Verlag). Genauso abstrakt waren für sie die Gefühle von Romanfiguren, über die sie in der Schule Aufsätze verfassen sollte. Grammatikalische Regeln einer Fremdsprache leuchteten ihr wesentlich schneller ein. Preißmann wusste damals noch nicht, dass sie das Asperger Syndrom hat.

Heute ist sie Ärztin und angesehene Expertin für Autismus. Autistische Personen haben Schwierigkeiten, soziale Codes zu lesen, Metaphern oder Ironie verstehen sie so oft so gut wie gar nicht. Ein Grund, warum Begegnungen mit anderen Menschen für sie nicht einfach sind. Dafür zeigen Autist*innen oft eine Begabung für alles, was mit der Analyse von Details und logischem Denken zu tun hat. Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis und brillieren oft in Naturwissenschaften. In der Popkultur werden Figuren wie Sheldon Cooper aus der Serie „The Big Bang Theory“ mit autistischen Zügen als emotional kalte Genies dargestellt. Auch dem berühmtesten Detektiv der Weltliteratur, Sherlock Holmes, wird von manchem Autismus angedichtet: Die dadurch oft romantisierte Störung passt zu dem Archetyp eines männlichen Antihelden, der keine Emotionen zulässt, aber durch seine extreme Intelligenz in seinen Bann schlägt. Wer in dieser Erzählung keinen Platz hat, ist die Autistin. Sie widerspricht dem Stereotyp einer emotionalen, empathischen Frau.

Autistinnen bleiben häufig unerkannt

„Bis vor kurzer Zeit ging man davon aus“, so Preißmann, „dass auf jede Autistin sechs bis acht autistische Männer kommen.“ Inzwischen weiß man: Die Dunkelziffer bei Frauen und Mädchen ist deutlich höher. Die Störung wird bei ihnen nur nicht so häufig diagnostiziert. Preißmann selbst musste bis zu ihrem 27. Lebensjahr auf die Diagnose „Asperger-Syndrom“ warten – nur eine von vielen Formen des autistischen Spektrums. Auch deswegen hat sie ihr Buch geschrieben, damit anderen Mädchen früher geholfen werden kann. Darin berichtet sie nicht nur von ihrer eigenen Kindheit. Auch Mütter von autistischen Mädchen und Therapeutinnen kommen zu Wort.

Was durch die Schilderungen und Erzählungen klar wird: Es ist vor allem das gesellschaftliche Frauenbild, das dafür sorgt, dass Autistinnen unerkannt bleiben. Während autistische Jungen oft schon im Kindergarten oder in der Schule durch aggressives Verhalten auffallen und dadurch schneller in psychologische Behandlung kommen, sitzen autistische Mädchen still in der Ecke und versuchen, nicht aufzufallen. „Das passt sehr gut zu dem Bild der Gesellschaft, dass Mädchen eben schüchtern seien“, sagt Preißmann. Später seien Frauen oft lebenspraktisch kompetenter als autistische Männer, sie können besser im eigenen Haushalt zurechtkommen. Preißmann vermutet, dass das vor allem daran liegt, dass diese Eigenschaften von Frauen erwartet werden: auch dadurch erfüllen sie eines der Kriterien nicht, an denen Autismus üblicherweise festgemacht wird. Außerdem beherrschen Frauen die Kunst des sogenannten „Masking“: das Imitieren der Verhaltensweisen von Nicht-Autist*innen. „So verleugnen sie oft über viele Jahre hinweg ihre eigene Persönlichkeit“, erklärt die Medizinerin.

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Symptome äußern sich bei Mädchen anders als bei Jungen

Ein häufiges Symptom bei Autist*innen ist, dass sie für spezielle Themen ein obsessives Interesse entwickeln. Das äußert sich bei Mädchen aber oft nicht in einer technischen Begeisterung wie bei autistischen Jungen, sondern zum Beispiel in der Besessenheit für Fabelwesen, erklärt Preißmann. Da die Diagnose von Autismus aber meist nur heteronormativ männliche Interessen berücksichtigt, fallen die Mädchen auch hier durchs Raster.

Dr. Christine Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Sie ist selbst Autistin und hat mehrere Bücher, auch über Autismus bei Frauen geschrieben. Sie ist Vorstandsmitglied des Vereins Autismus Deutschland e.V.

Nicht viel besser sieht es bei der Therapie aus. „Während Männer mehr Unterstützung im Alltag benötigen“, so Preißmann, „haben Frauen viel häufiger Probleme mit ihren sensorischen Fähigkeiten. Ihre Sinne wie Hören und Sehen sind häufig sensibler, Berührungen in einer wuseligen Menge können schwierig sein.“ Für Autistinnen sei es daher sehr wichtig, mit den vielen verschiedenen Reizen des Alltags umgehen zu lernen. Spezielle Ergotherapie könne dabei helfen. Ist die Coronakrise durch die Kontaktverbote dann im gewissen Sinn ein Segen für Autist*innen? Ja und Nein, sagt die Medizinerin. Für sensorisch empfindliche Autist*innen könne das Kontaktverbot durchaus eine Erleichterung sein. Dennoch brechen durch die Krise Alltagsstrukturen und Abläufe weg, die gerade für Autist*innen besonders wichtig sind. Außerdem gibt es unter Ihnen Viele, die permanente Betreuung benötigen – die Schließung von Werkstätten und Selbsthilfegruppen sei für sie eine immense Belastung. Ganz abgesehen davon, dass es auch hier an genderspezifischen Angeboten mangelt: Die allermeisten Selbsthilfegruppen für Autist*innen werden hauptsächlich von Männern besucht.

Das Autist*innen Einzelgänger*innen sind, hält Preißmann für ein unzutreffendes Klischee. Die Ärztin hatte während ihrer Schulzeit zwar kein Bedürfnis nach Freundschaften und freute sich über jede Stunde, die sie nicht in der Schule verbringen musste, in der Mobbing durch Mitschüler*innen alltäglich war. Als sie jedoch erwachsen wurde, änderte sich das. Gegen Ende ihres Medizinstudiums belastete sie es auf einmal, dass ihre Kommilitonen*innen Freunde und Partner*innen hatten und sie nicht. Preißmann wurde schwer depressiv, konnte ihr Studium kaum fortsetzen. Erst durch die Diagnose konnte sie sich selbst begreifen und durch Therapie einen Weg zu einem erfüllten Leben finden.

Gender-Bias in der Medizin

Neuerdings sieht Preißmann sowohl in der Wissenschaft als auch in der schulischen Ausbildung eine wesentlich höhere Sensibilität für das Thema. Universitäten laden sie regelmäßig ein, Kurse über Autismus bei Frauen zu geben. Die größere Resonanz für das Thema Geschlechterspezifität liegt vielleicht auch daran, dass das Thema Gender-Bias in der Medizin seit einigen Jahren generell stärker thematisiert wird. 2019 erregte das Buch „Die unsichtbaren Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ der Journalistin Caroline Criado-Perez große Aufmerksamkeit. Sie beschreibt darin unter anderem, wie sehr die gesamte Medizin auf die männliche Norm ausgerichtet sei und daher Frauen nicht nur ignoriere, sondern auch gefährde. Aus ihren Recherchen geht hervor, dass zum Beispiel ein Herzinfarkt sich bei Frauen durch völlig andere Symptome ankündigt, als bei Männern. Frauen mit Herzbeschwerden werden aber oft von Ärzt*innen nachhause geschickt, da die Diagnose auch hier nach männlichen Symptomen erfolgt. Auch Christine Preißmann, die ausgebildete Allgemeinmedizinerin ist, bestätigt diese Unterschiede.

Das größte Problem von Gender-Bias in der Medizin besteht laut Criado-Perez jedoch in der Tatsache, dass Medikamente, sowohl für physische, als auch für psychische Beschwerden sehr selten an Frauen getestet werden. Die Probanden seien meistens männlich, obwohl es medizinisch nachgewiesen ist, dass weibliche Körper anders auf bestimmte Stoffe reagieren als männliche. Wenn Medikamente bei Frauen überhaupt getestet werden, dann ohne Rücksichtnahme auf ihren Zyklus, schreibt Criado-Perez: „Obwohl der weibliche Zyklus die Wirkung von Medikamenten nachweislich beeinflusst, z.B. bei Medikamenten gegen Psychosen, bei Antidepressiva und Antibiotika, werden Medikamente bei Frauen immer in der frühen Phase des Zyklus getestet, also dann, wenn sie oberflächlich den Männern am nächsten sind. Antidepressiva wirken bei Frauen jedoch zu verschiedenen Zeitpunkten innerhalb des Zyklus unterschiedlich, sodass die Dosierung manchmal zu hoch und manchmal zu niedrig sein kann.“

Durch Aufklärung wollen Medizinerinnen, Betroffene und Journalistinnen dafür sorgen, dass der gefährliche Gender-Bias in der gesamten Medizin verschwindet. Zumindest, was Autismus betrifft, zeigt sich Christine Preißmann optimistisch, auch wenn sie weiß, dass es noch viel zu tun gibt. Immer mehr von ihren autistischen Patientinnen und deren Eltern erzählen ihr ermutigende Geschichten. Etwa von Lehrer*innen, die heute besser auf Autist*innen eingehen und innerhalb ihrer Klassen offen kommunizieren: Was bedeutet Autismus und wie können wir alle das betroffene Kind unterstützen? „Es hat sich gezeigt“, so Preißmann, „dass sich dadurch das allermeiste Mobbing von autistischen Kindern verhindern lässt. Denn den Schülern wird klar: Autismus ist nicht nur eine Schwäche, sondern eben auch eine Stärke.“

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Dieser Text erschien ursprünglich am 28. Mai 2020 auf www.enorm-magazin.de.