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16 Dezember 2019 / Lesezeit: 5 minuten

LGBT-Rechte

Auch die Liebe ist politisch

Dunkle Wolken ziehen auf: Wie steht es um queere Liebe in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus?

TITELBILD: KENRICK MILLS/UNSPLASH

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Das Klima in der Gesellschaft wird rauer. Welche Auswirkungen hat das auf die Liebe, gerade dann, wenn sie nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht?

Sie kommen mit Steinen, Böllern und Flaschen. Grölen und schreien. Schlagen zu. Die erste Gay-Pride-Parade im ostpolnischen Bialystok will ein Zeichen für Freiheit und Vielfalt setzen. 800 Menschen gehen mit Regenbogenfahnen und Schildern „Liebe ist keine Sünde“ für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LGBTI) auf die Straße. Und werden von hunderten von Hooligans attakiert. Dieser 21. Juli 2019 wird zum Symbol für einen Backlash gegen das liberale Europa im Osten des Kontinents.

Polen ist kein Einzelfall. Überall wo Rechtspopulisten an Boden gewinnen, wird das Klima rauer, finden harte Auseinandersetzungen statt: Wie wollen wir leben, welche Werte zählen für unsere Gesellschaft, welche Liebe ist erlaubt? Besonders betroffen ist Ost- und Südosteuropa, aber auch hier in Deutschland machen sich Menschen Gedanken: Wird das Eis dünner, auf dem wir stehen? Oder ist es vielleicht gar nicht so dick, wie wir immer meinten? Viele Jahre lang schien die Richtung zu stimmen. Bis vor 25 Jahren stand schwule Liebe noch unter Strafe, heute haben wir die Ehe für alle und Heidi Klum schickt mit Conchita Wurst Dragqueens über den Laufsteg. Rechtliche Gleichstellung, mediale Präsenz.
Doch das Bild bekommt Risse. Die Zahl an Übergriffen nimmt zu. Zumindest sagen das Erhebungen, wie die Kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Volker Beck an die Bundesregierung Anfang dieses Jahres: Demzufolge gab es 2016 im ersten Halbjahr 102 Straftaten gegen LBGTI, im Halbjahr 2017 waren es 130, knapp 30 Prozent mehr. Oder die des Berliner Reiseblogs Spartacus, der jedes Jahr einen Gay Travel Index (GTI) erstellt, damit queere Menschen wissen, welches von insgesamt 197 untersuchten Ländern für sie sicher ist: Vergangenes Jahr stand Deutschland auf Platz 3, dieses Jahr ist es 23.

Am 27. Juli 2019 demonstrieren in Warschau fast tausend Menschen gegen Homophobie, nachdem eine Gay-Pride-Parade in der polnischen Stadt Bialystok zuvor von Hooligans attakiert wurde. Bild: imago images / ZUMA Press

In der Berliner Almstadtstraße liegt das Hauptstadtbüro des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland. Pressesprecher Markus Ulrich hat eine Stunde Zeit, wir werden sie brauchen. Der Bogen reicht von: Was ist Homophobie, wo fängt sie an? Bis: Wie lässt sich ein Anstieg homophober Gewalt messen? Für ihn sind Zahlen schwierig. Nicht nur weil sowieso erst zwei Bundesländer Straftaten gegenüber Homosexuellen explizit erfassen: Hamburg und Berlin. Sondern weil sich auch die Frage stellt, was sich seriös daraus ableiten lässt. Bedeuten die Zahlen, dass es tatsächlich mehr Straftaten gibt und sich die Situation verschärft? Oder „wird nur das Dunkelfeld heller“, so Ulrich, weil Betroffene eher zur Polizei gehen? Und die Sachbearbeiter dort Übergriffe als das registrieren, was sie sind: Hassverbrechen. Nichtsdestotrotz schlägt auch für Ulrich das Pendel von Toleranz wieder stärker in Richtung Intoleranz. Stichwort: Rebound.

Je selbstbewusster queere Menschen in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten, „völlig zu Recht“, desto stärker werden sie zur Angriffsfläche für Menschen, so Ulrich, „die die Liberalisierungserfolge der letzten Jahre als Bedrohung wahrnehmen und zurück zur alten Ordnung wollen.“ In Zeiten von Social Media finden sich schnell Gleichgesinnte, die sich gegenseitig pushen und eine Reichweite erreichen, die weit über den früheren Stammtisch hinausgeht. Ulrich nennt das eine neue „kulturelle Bruchlinie“, die sich da vor unseren Augen auftut, rückwärtsgewandte Homogenität versus vorwärtsgewandte Heterogenität.

Liebe ist nicht nur Liebe 

Das Problem: Die Konfrontation findet nicht auf neutralem Boden statt. Sondern auf einem Fundament, in das auch 2019, trotz aller Vielfalt von Lebensentwürfen, noch die heterosexuelle Beziehung fest einbetoniert zu sein scheint. Und selbst heute noch für die Mehrheitsgesellschaft eng verknüpft ist mit einer ziemlich klaren Vorstellung, wie ein Mann, wie eine Frau zu sein haben, wie Rollen aufgeteilt sind (Mann verdient das Gros an Geld, Frau arbeitet zu), wie Sexualität funktioniert (Penetration, männlich, dominant), wozu eine Partnerschaft überhaupt da ist (Kinder kriegen). An diesen Kategorien müssen sich mehr oder weniger alle Paarkonstellationen abarbeiten: Mann – Frau. Karrierefrau – Hausmann. Ältere Frau – jüngerer Mann. Frau mit zwei Partnern. Frau mit Mann aus anderem Kulturkreis. Alleinstehender Mann, sich selbst genug. Und besonders homosexuelle Paare. Ulrich: „Homosexualität bricht mit so gut wie allen diesen kollektiven Vorstellungen.“ Liebe ist eben nicht einfach nur Liebe.

Sich das bewusst zu machen, ist ein wichtiger Schritt. Denn nur dann kommen wir zum Kern, um den es wirklich geht: Werte. David Lanius, Philosoph und Forscher am Debate Lab des Karlsruher Instituts für Technologie, beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie gesellschaftliche Diskussionen besser geführt und Grundfragen des Zusammenlebens erfolgreicher ausgehandelt werden können. „Wenn wir nicht ans Fundament unserer Standpunkte gehen, führen wir Scheindebatten“, so Lanius. Doch meist drücken wir uns darum, weil wir uns der impliziten Werte nicht bewusst sind oder die Auseinandersetzung scheuen. Was wiegt mehr und warum: Tradition oder Gerechtigkeit? Respekt oder Interessen von Minderheiten? „Wir alle haben Wertsysteme in uns, die jedoch häufig unreflektiert bleiben. In gesellschaftlichen Diskussionen sollten sie offengelegt werden, sonst entstehen Feindseligkeit und Unverständnis.“

Radikaler und krasser

Es ist nicht nur Alltagsrassismus, der nach Einschätzung von Ulli Pridat von der Berliner Gay-Event Agentur Blucom nach wie vor den Alltag prägt: Als „Schwuchtel“ beschimpft, in der Schule verlacht, tätlich angegriffen auf dem Bummel durch die Stadt. Es ist auch die „Man-wird-das-jawohl- noch-sagen-dürfen“-Kultur, die das Klima verpestet. „Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sind die Aussagen radikaler und krasser geworden. Vom verbalen Schlag zum Schlag mit der Keule ist es nicht weit.“

Um solche Tendenzen sichtbar zu machen, hat der Berliner Johannes Kram schon vor zehn Jahren seinen Nollendorfblog gegründet: „Damals begann sich das Narrativ langsam zu verschieben.“ Von der Erzählung über eine diskriminierte Minderheit, die zu Recht für ihre Rechte kämpft, zur Story über eine Gruppe, die nicht genug bekommen kann und ihre Restproblemchen zum Nabel der politischen Debatte macht. „Mit der rechtlichen Gleichstellung scheint die Mehrheitsgesellschaft das Entscheidende geschafft zu haben.“

Dass sich nur ein Drittel der Homosexuellen im Job outet aus Sorge vor schiefen Blicken und Benachteiligung, dass queere Jugendliche zwischen 12 und 25 Jahren eine – je nach Quelle – vier- bis siebenmal höhere Suizidrate haben als ihre Altersgenossen, wird ausgeblendet. Anderes steht auf der Agenda: Klima, soziale Ungleichheit, Wohnungsnot. „Als könne man das gegeneinander ausspielen“, so Kram. „Unbemerkt ist eine unterschwellige Homophobie in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Beispiele dafür sammelt Kram auf seinem Blog und in seinem Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …“. Diese Einleitung gehöre mittlerweile zum Alltag von CDU bis Linkspartei. Kram: „Neu ist, dass es sich um eine Homosexuellenfeindlichkeit handelt, die auf ihrer Homosexuellenfreundlichkeit beharrt.“

Staatliche Kampagne zur rechten Zeit

Blicken wir noch auf eine Kampagne. Am 20. September ließ das Justizministerium unter dem Motto „Wir sind Rechtsstaat“ einen Videoclip fürs Kino drehen und Plakate kleben. Auf einem sieht man zwei Männer, die sich küssen. Dazu lachende Menschen vor weichgezeichnetem Hintergrund und der Text: „Wir sind Liebe, die bleibt. Und ein Land, das dazulernt. Gleiche Rechte für alle“. Die Reaktionen in Presse und Social Media darauf: gemischt. Von „gute Aktion“ über „selten so gelacht“ bis: „Muss der Staat jetzt schon für Selbstverständlichkeiten werben“? Eine Antwort darauf könnte ein Satz von Ute Daniel sein. In einem Essay für die FAZ schreibt die Professorin für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Braunschweig: „Demokratie scheitert nicht daran, weil sie Gegenwind bekommt, sondern weil sie keinen Rückenwind bekommt.“ Von Politik, Medien – wir würden ergänzen – Zivilgesellschaft. Insofern kommt die Kampagne zur rechten Zeit. Sie trägt dazu bei, innezuhalten. Kurz mal die Realität zu checken: Wo stehen wir heute wirklich? Und dann Festgeschriebenes einzufordern und Erreichtes voranzutreiben.

Manchmal reicht ein kleiner Impuls. Bei einer Debattenrunde der Zeitschrift Brigitte im Juni 2018 stellte Blucom-Mann Pridat der Kanzlerin spontan die Frage: „Wann darf ich meinen Freund endlich meinen Ehemann nennen?“ Vier Tage später rief die Angela Merkel zur Entscheidung – ohne Fraktionszwang.

„Wir sollten uns nicht zu sicher sein, dass alles bleibt, wie es ist“, so Pridat. „Eine Dragshow im deutschen TV ist ein wichtiges Signal. Aber Glitzer allein reicht nicht.“ Hat nicht erst Ende 2018 die AfD einen Antrag auf Rücknahme der Ehe für alle in den Bundestag eingebracht? Stillstand und Stillschweigen killen nicht nur Liebe, sondern auch Freiheit, Demokratie und Vielfalt.

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