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11 November 2021 / Lesezeit: 6 minuten

Humaner Strafvollzug

„Wir sollten die Taten verurteilen, nicht die Menschen“

Die hier gezeigten Kunstwerke stammen von inhaftierten Menschen in Europa. Der gemeinnützige Verein Art and Prison e.V. organisiert Kunstwettbewerbe für Gefangene, um einen Beitrag zur Resozialisierung und gesellschaftlichen Integration zu leisten.

Bild: Art and Prison e.V.

Bild: Art and Prison e.V.

Viele Inhaftierte werden nach ihrer Entlassung wieder straffällig. Machen Gefängnisse die Gesellschaft wirklich sicherer? Ideen für einen humanen und wirksamen Strafvollzug.

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„Die Werte einer Gesellschaft zeigen sich in ihrem Umgang mit Straffälligen.“ Diese Haltung können sich nur wenige Staaten leisten, Norwegen etwa. Hat ein Vergewaltiger das Recht auf ein helles Zimmer mit Fußbodenheizung, Flat-Screen und Spielekonsole? Klar. Sollten Mörder:innen die Schlüssel zu ihrer Zelle haben und beim gemeinsamen Kochen mit scharfen Messern hantieren? Warum nicht. Aufnahmen der Gefängnisse „Halden“ und „Bastøy“ gehen wie Postkarten einer Justiz-Utopie um die Welt. Ausländische Presse und Politiker:innen kommen, staunen, sind neidisch. Denn Norwegen hat eine der weltweit niedrigsten Rückfallraten: Nur 20 Prozent der Entlassenen werden wieder straffällig. Noch dazu sei das System günstiger. Die hohen Kosten jeder Inhaftierung werden laut Manudeep Bhuller, Ökonom an der Universität Oslo, mehr als zweifach ausgeglichen, weil Ex-Häftlinge seltener rückfällig werden und schneller Jobs finden.

Norwegens Lösung – eine für alle? „Jedes Haftsystem ist eingebettet in einen Kontext“, sagt Frans Douw. Als eines der reichsten Länder der Welt mit einem starken Sozialwesen, einer dünnen Besiedlung und vollkommen anderen Kriegsgeschichte als etwa Deutschland, sei der skandinavische Weg nicht einfach übertragbar. Douw hat 40 Jahre im Gefängniswesen gearbeitet, leitete verschiedene Strafanstalten in den Niederlanden und wirkte global an Haft-Reformen mit: Ukraine, Russland, Curaçao. „Es gibt nicht das eine System. Ein Land kann innovative, humane Gefängnisse haben und gleichzeitig repressive Einrichtungen. Die meisten Anstalten sind hierarchisch und abgeschlossen. Selbst Bastøy ist das: Die Gefangenen leben auf einer Insel – dem Inbegriff der Abschottung.“

Bastøy liegt vor den Toren der Hauptstadt im Oslofjord. Umgeben von bunten Holzhäusern, einer schmucken Kirche und hohen Kiefern sitzen Schwerkriminelle hier die letzten Jahre ihrer Strafe ab. Wärter:innen tragen weder Uniform noch Waffen; gehen mit Häftlingen schwimmen oder ins Kino. Bewusst mimen sie das Leben nach der Haft, bilden eine Community. „Jedes Jahr entlassen wir Nachbarn. Willst du sie als tickende Zeitbomben rausschicken?“, entgegnete der Wärter Tom Eberhardt einer verblüfften amerikanischen Journalistin.

Der norwegische Strafvollzug beruht auf Vertrauen. Frans Douw glaubt daran, dass diese Haltung als „Managementphilosophie“ auch in weniger luxuriösen Gefängnissen einen entscheidenden Unterschied macht. „Wenn man Gefangene und Personal anders behandelt, bekommt man auch ein anderes Verhalten.“

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Illustration von Bernhard aus Deutschland, Art and Prison e.V., 5. Internationaler Kunstwettbewerb

Vertrauen wachsen lassen

Als Douw die Gefängnisleitung der recht neuen Justizvollzugsanstalt Heerhugowaard, eine Stunde nördlich von Amsterdam, 2002 übernimmt, liegen die Innenhöfe brach. Unkraut wuchert, Schutt und Asche begraben das Potenzial. Gärten, Ackerböden, Freizeitflächen? „Nein, alles viel zu teuer, und außerdem gefährlich – am Ende wird noch Hasch angebaut!“ lautet die Reaktion seines beinahe pensionierten Vorgängers. Kurz darauf fährt Douw ins Gartencenter und verstaut seine Einkäufe in der Abteilung, wo Daan Visser* einsitzt. Das ehemalige Mitglied der Hells Angels hat bis dato viele Einrichtungen durchlaufen, gilt als schwierig. Doch Douw sieht in ihm „Führungsqualitäten“ und legt das Projekt in seine Hände. Drei Jahre später schwimmen Koikarpfen in einem großen Teich umsäumt von Gärten und zwei großen Gewächshäusern, in denen Tomaten, Gurken und Chilischoten gedeihen. Schließlich wendet sich Vissers Team mit einer Bitte an den Direktor. „Herr Douw, wir möchten unser Gemüse gerne an die Tafel geben. An Kinder, die in Armut aufwachsen, das haben viele von uns auch mitgemacht. Wir haben hier genug Leckeres zu essen.“ 2015 verlässt Douw die Anstalt, sagt über Visser: „Er ist ein Freund von mir geworden, manchmal besuche ich ihn.“ Inzwischen lebt Visser seit 22 Jahren in Haft. Die Erträge der Gärten werden noch immer gespendet.

„Wir sollten die Taten verurteilen, nicht die Menschen“, fordert der 66-jährige Douw. Das bestehende System gebe ihnen keinen Raum, um ihre Talente zu entdecken und zu nutzen. So wie es Gartenbauer Visser konnte, oder auch Frank Siersema*: Im Rahmen der Initiative „Dutch Cell Dogs“, die Tierheimhunde und Inhaftierte zusammenbringt, ließ sich Siersema zum Hundetrainer ausbilden. Damit begann er nicht nur seine Resozialisierung, sondern wurde offener und kommunikativer, erinnert sich Douw. „Durch die Beziehung mit den Hunden fühlte er sich wieder mehr als Mensch.“

Dass Verantwortung im Rahmen eines Jobs oder einer Ausbildung während der Inhaftierung einen wesentlichen Einfluss auf die Wiedereingliederung straffälliger Menschen hat, glaubt auch Jana Sophie Lanio, die Tatort Zukunft leitet. Mit dem Projekt „Credible Messenger“ will der gemeinnützige Verein in Berlin ehemalige Gefangene mit jungen Straftäter:innen aus dem gleichen Bezirk zusammenbringen. Ab Juni 2022 sollen sie ihnen ein Jahr lang als glaubwürdige Mentor:innen zur Seite stehen. „Im Gegensatz zu Sozialarbeiter:innen und Bewährungshelfer:innen können sie genau nachvollziehen, was in den Jugendlichen vorgeht. Gerichtsverhandlungen und Inhaftierungen haben sie selbst erlebt. Das ermöglicht einen ganz anderen persönlichen Zugang zu den jungen Menschen“, sagt Lanio. Die Mentor:innen werden sozialversicherungspflichtig angestellt, „erhalten eine verantwortungsvolle Aufgabe, die den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert“. Die aus den USA importierte Idee zeigte dort Wirkung: In New York sind nur 6,2 Prozent der Jugendlichen zwei Jahre später wieder straffällig geworden; bei der Kontrollgruppe waren es mehr als doppelt so viele.

Illustration von Mariusz aus Polen, Art and Prison e.V., 5. Internationaler Kunstwettbewerb

Erlernte Kriminalität

„Credible Messenger“ könnte also einen positiven Effekt auf die Rückfallquote in Deutschland haben. 34 Prozent der Inhaftierten werden drei Jahre nach Entlassung wieder straffällig, je nach Tat. Bei schweren Raubdelikten etwa landen 52 Prozent wieder im Gefängnis, bei Vergewaltigungen 28 Prozent. Doch das eigentliche Problem beginnt nicht während der Haft oder nach der Entlassung, sondern schon viel früher, bei der Strafverfolgung und Verurteilung. Viele Gefangene sitzen ein, weil sie ihre Geldstrafen nicht zahlen konnten. „Der Großteil gehört nicht hinter Gitter. Dabei gibt es Alternativen zum geschlossenen Freiheitsentzug“, so Lanio. Etwa den elektronisch überwachten Hausarrest.

Berechnungen des Kriminologen Thomas Galli zufolge sind 65.000 Menschen in Deutschland inhaftiert, davon allein 4.500 Menschen wegen Bagatelldelikten wie einem fehlenden Fahrausweis. Fast die Hälfte aller Inhaftierten verbüßt Freiheitsstrafen aufgrund von Eigentums- und Vermögensdelikten. 90 Prozent der Häftlinge säßen weniger als fünf Jahre, rund 50 Prozent blieben unter einem Jahr.

Das liegt auch daran, dass deutsche Justizbeamt:innen verpflichtet sind, jeder verfolgbaren Straftat nachzugehen. Dagegen gilt in den Niederlanden das „Opportunitätsprinzip“: Polizei und Staatsanwaltschaft dürfen entscheiden, ob sich der Verfahrensaufwand je nach Delikt und Situation des Betroffenen lohnt. Zudem verhängen Richter:innen eher Sozialstunden und elektronische Fußfesseln als Haftstrafen. In Deutschland landen viele Kleinkriminelle wegen der sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe hinter Gittern. Sie betrifft Menschen, die eine verhängte Geldstrafe nicht zahlen können oder wollen. Dadurch verschärft sich die Chancenungleichheit. „Wir wissen, dass in Gefängnissen überproportional viele Menschen aus wirtschaftlich und sozial benachteiligten Verhältnissen einsitzen – marginalisiert schon vor der Haft“, sagt Lanio. Armut, schlechte Schulbildung, Erziehung: Ein Verbrechen hat meist eine jahrelange Vorgeschichte.

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Integrieren statt abschotten

„Aktuell bestrafen wir Individuen und nicht soziale Missstände“, kritisiert auch Veronique Aïcha Achoui von Rescaled. Die europäische Organisation verfolgt deswegen einen radikalen Ansatz, skizziert die Utopie einer Gesellschaft, die straffällige Menschen nicht abschottet, sondern integriert. Entgegen der Praxis, leichte und schwere Straftäter:innen im gleichen Komplex einzusperren, wo sie kaum Chancen haben, enge Beziehungen aufzubauen. Entsprechende Bewegungen gibt es bisher in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Portugal, Norwegen und Brasilien.

Veronique Aïcha Achoui war sechs Jahre alt, als sie ein Polizeibeamter mit diesem Satz zu trösten glaubte: „Mach dir keine Sorgen, dein Vater kommt an einen Ort fernab von der Gesellschaft.“ Sie verstand nicht, wo und was das sein sollte. „Als Kind sah ich eine Art Kugel vor mir, von der man herunterfallen kann.“ Später studierte sie soziale Psychologie und gab Philosophie-Kurse in Gefängnissen. Heute koordiniert sie die Projekte von Rescaled in den Niederlanden. „Wir wollen die Gefängnisse ersetzen“, sagt sie kämpferisch.

Rescaled wirbt für kleinere Haftanstalten, die in den Kiezen einer Stadt verwurzelt sind. Je nach Sicherheitsgrad der Einrichtung dürfen Inhaftierte am Leben um sie herum teilnehmen – im Supermarkt um die Ecke einkaufen, den Sportplatz nutzen oder zum Hausarzt gehen. Und andersherum: Lokale Betriebe können etwa den Konferenzraum der Haftanstalt nutzen. In den Wohngemeinschaften kommen nur 6 bis 30 Menschen unter. So können die Betreuer:innen auf individuelle Bedürfnisse eingehen, gemäß der Schwere der Taten. Achoui nennt das „zirkuläre Gerechtigkeit“ im Rahmen einer nachhaltigen Stadt. In den Niederlanden ist sie gerade damit beschäftigt, bestehende Einrichtungen zu inventarisieren, in denen Ex-Häftlinge untergebracht werden könnten. An 200 Orten ist das bereits geschehen, darunter auch Pflegeeinrichtungen. „Wir wollen eine Art Airbnb-Plattform aufbauen, wo Mitarbeitenden des Justizsystems Plätze angezeigt werden, die je nach Bedürfnissen passen könnten.“

Um die Idee der Community-Haftanstalten durchzusetzen, bedarf es neben politischem Willen vor allem gesellschaftlichen Umdenkens. Eine Abkehr von der kategorischen Einteilung in Täter:innen und Opfer, wie sie in Mediendarstellungen oft stattfindet, so Achoui und Lanio. Mit einem Podcast versucht Ex-Gefängnisdirektor Frans Douw, die Grenzen aufzuweichen: Prisonshow gibt Straffälligen, Opfern, Hinterbliebenen und Aktivist:innen eine Stimme. Gestartet hat er ihn mit Toon Walravens, einem ehemaligen Häftling. Zudem organisieren sie persönliche Treffen zur kollektiven Trauma-Verarbeitung. Denn, so Douw: „Alle Täter:innen waren meist auch mal Opfer.“

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*Namen von der Redaktion geändert