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7 März 2022 / Lesezeit: 2 minuten

Von Parvati bis Paulita Pappel

Die Geschichte des weiblichen Begehrens

An der Fassade der Hinduistisch-jainaistischen Khajuraho Tempel in Indien sind zahlreiche Szenen aus dem Kamasutra abgebildet. 

Bild: IMAGO / YAY Images

Bild: IMAGO / YAY Images

Viele Menschen glauben, feministische Pornographie gibt es erst seit den 1960er Jahren. Aber schon seit der Antike schaffen Frauen mit Erotika einen Raum für Selbstbestimmung.

In den vorchristlichen Mythologien wimmelt es nur so von sexpositiven Göttinnen. Meine Lieblingsgeschichte ist die der Inka-Göttin Mama Kuka. Einst war sie eine Sterbliche und hatte so viel Sex, dass sie sich eines Tages in zwei Hälften teilte. Aus diesen Hälften spross die erste Kokapflanze. Ein Mann durfte diese Pflanze nur dann verzehren, wenn er vorher eine Frau zum Orgasmus gebracht hatte. In Griechenland war unterdessen der Gott Hephaistos regelmäßig mit den Nerven am Ende, weil seine Frau Aphrodite, Göttin der Liebe, ihre Zwangsehe nicht akzeptierte und schlief, mit wem sie wollte. Bis heute kann man an den Wänden der Hinduistisch-jainaistischen Khajuraho Tempel in Indien riesige Reliefs und Statuen bestaunen, auf denen Männer und Frauen sich in Orgien gegenseitig befriedigen. Sex und Lebensfreude – personifiziert durch die Gottheiten Kama und Parvati – galten als heilig.

Feministische Pornographie: Die Macht der sexuellen Vorstellungskraft

Spricht man heute von Pornographie, so kommen den meisten Menschen Frauen vor allem als Objekte erotischer Darstellungen in den Sinn. Doch sie waren stets auch Schöpferinnen von Erotika. Das berühmteste Beispiel ist die antike Dichterin Sappho, die auf der griechischen Insel Lesbos explizite Gedichte über Frauenliebe schrieb. Platon schätzte die Qualität ihrer Verse so sehr, dass er sie als zehnte Muse bezeichnete. Benannt nach Sapphos Heimat heißen Frauen, die Frauen lieben, bis heute Lesben. Legendär geworden ist auch die französische Autorin Anne Desclos, die mit „Geschichte der O“ den erfolgreichsten erotischen Roman des 20. Jahrhunderts verfasste – vor allem, um ihren Liebhaber zu ärgern, der behauptet hatte, keine Frau könne je einen erotischen Roman schreiben. Susan Sontag, die große US-amerikanische Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, nahm den Roman von Desclos zum Anlass, um einen Essay über das revolutionäre Potenzial der sexuellen Vorstellungskraft zu schreiben: „Diese spektakulär überfüllte Form der menschlichen Imagination besitzt ihren besonderen Zugang zu mancher Wahrheit. Diese Wahrheit – über Empfinden, über Sex, über die individuelle Persönlichkeit, über Verzweiflung, über Grenzen – kann mitgeteilt werden, wenn sie in Kunst überführt wird.“ 

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Auch auf enorm: Warum finden wir weibliche Körperhaare eklig?

Anlässlich des Weltfrauentags hat das feministische Sex-Start-up Lustery eine sehr sehenswerte Kurzdokumentation namens „PornograHERs“ veröffentlicht, die die Geschichte der weiblichen Sex-Content-Maker würdigt. Dabei werden Frauen wie Lavinia Fontana portraitiert, die gegen die Gesetze ihrer Zeit Nacktheit und Erotik in ihren Bildern zeigte, bis zu den zeitgenössischen Porno-Ikonen Erika Lust und Shine Louise Houston, eine afroamerikanische Porno-Regisseurin, die eine der ersten inklusiven Pornoplattformen schuf, auf der sich auch queere, nicht-weiße und Menschen mit Fetischen zuhause fühlen konnten. So sagte Paulita Pappel, die Gründerin von Lustery, in einem Interview mit enorm, dass die letztendlich wichtigste Funktion von sexpositiver Pornographie die Bekämpfung der Scham sei. „Denn Scham führt dazu, dass man sich nicht traut offen zu kommunizieren. Kommunikation aber ist die Basis von Konsens.“

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In der Kolumne Historismus wirft unsere Autorin Morgane Llanque einen intersektionalen Blick auf die menschliche Geschichte. Sie erscheint in jeder neuen Ausgabe des enorm Magazins.