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11 October 2019 / Lesezeit: 6 minuten

Digitalisierung

Alles wird anders. Aber wie?

Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum…Fragen über Fragen zur Digitalisierung – Experten geben Antworten darauf, wie die Digitalisierung uns, unsere Umwelt und unser Leben im positiven wie negativen Sinne beeinflussen als auch verändern kann und was es zu beachten gilt

TITELBILD: CLEM ONOJEGHUO/ UNSPLASH

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Welthunger, Datenschutz, Menschlichkeit: Fünf Experten antworten auf die großen Fragen zur Digitalisierung

1. Wie ändert sich die Rolle des Menschen in einer zunehmend digitalisierten Welt?

„Die Digitalisierung verspricht zwar Freiheit und Demokratie – aber in Wahrheit hat sie uns als Konsumenten im Blick. Sie packt uns bei unserem Wunsch, es möglichst bequem zu haben, obwohl wir wissen, dass wir viel zu viele Daten preisgeben. Es ist verlockend, via Smartphone überall dabei zu sein, für jedes Bedürfnis gibt es inzwischen eine App. Wir haben bei vielen Themen und Dingen eine unglaubliche Auswahl – aber all die Entscheidungen überfordern uns auch. Oft gehen wir nicht in die Tiefe. Wer schaut zum Beispiel bei einer Google-Suche noch auf die zweite oder dritte Ergebnis-Seite?

Allerdings sind wir trotz des Gefühls, überall mitzuspielen, damit noch lange nicht als Bürger aktiv und beteiligt. Demokratie ist ein Aushandeln unterschiedlicher Interessen und Sichtweisen. Man muss Kompromisse finden – und das geht nicht via Klick oder Algorithmus. Die Digitalisierung treibt uns zudem in eine Effizienz-Falle. Es gibt viele Gebiete, auf denen Maschinen uns Arbeit abnehmen werden und sie teilweise auch besser machen. Aber: Wenn Menschen versuchen, in Sachen Effizienz mit Maschinen zu konkurrieren, haben sie schon verloren. Wir müssen uns auf unsere spezifischen Eigenschaften konzentrieren, darauf, was wir gut gut können: Beziehungen pflegen, kreativ sein, ungewohnte Schritte gehen, echte Innovation schaffen.

Das können Maschinen nicht – ihre Algorithmen sind kondensierte Vergangenheit. Sie empfehlen uns Dinge, weil wir sie früher schon gemocht haben und ergänzen sie mit Daten von Ereignissen, die anderswo bereits geschehen sind – aber sie kommen nicht auf Ideen, wie wir uns weiterentwickeln können. Wir müssen also frei bleiben in unserem Denken. Aus vorgezeichneten Wegen ausbrechen. Denn genau das hat in der Vergangenheit zu Entwicklungssprüngen geführt. Sehr viele Erfindungen sind durch Zufälle entstanden – also nicht, weil jemand die Vergangenheit fortgeführt hat, sondern experimentiert.“

Alexandra Borchardt, 52, Direktorin für strategische Entwicklung am Reuters Institute for The Study of Journalism an der Universität Oxford. Ihr Buch „Mensch 4.0“ ist im April 2018 erschienen

2. Können Automatisierung und Digitalisierung den Welthunger besiegen?

„Eine Welt ohne Hunger, dank Digitalisierung? Klingt wunderbar! Natürlich setzen wir beim Thema Welternährung ganz große Hoffnungen auf den digitalen Fortschritt. Zum Beispiel für die weitere Automatisierung und Vernetzung der Bioökonomie, also der Nutzung biologischer Ressourcen nicht nur in der Landwirtschaft und Ernährungsindustrie, sondern auch in der Energie-, Chemie- und Baubranche. Informations- und Kommunikationstechnologie kann dabei die Lebensmittelproduktion ressourceneffizienter machen – und zum Beispiel den Einsatz von Dünger oder Pflanzenschutzmitteln reduzieren.

Die Digitalisierung kann auch die Logistik- und Vermarktungsketten optimieren, dabei helfen, bedarfsgerechter zu produzieren. Es gibt so viele Lebensmittel, die weggeworfen werden oder gar nicht erst in den Handel gelangen – und in vielen Teilen der Welt wird gehungert. Einer der wesentlichen Punkte einer globalen Ernährungssicherung ist die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Wir müssen Verluste reduzieren, die Produktion steigern und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen nachhaltig nutzen. Häufig wird allerdings übersehen, dass nicht nur die Menge an Nahrungsmitteln entscheidend ist, sondern dass die Menschen Zugang zu ihnen haben. Dieser Zugang ist in vielen Krisen- und Entwicklungsregionen der Welt blockiert.

Hinzu kommt, dass vielen Menschen das Geld fehlt, um Lebensmittel zu kaufen. Wenn wir – auch dank der Digitalisierung – immer höherwertigere Produkte in immer größerem Umfang herstellen, wird das den Armen der Welt nicht direkt helfen. Es ist ein bisschen so, als wolle man das Problem der Obdachlosigkeit mit dem Bau von Luxuswohnungen lösen. Als Mittel gegen den Welthunger ist die Digitalisierung also nicht die unmittelbare Lösung, sondern ein Baustein. In den vergangenen Jahren galten neue Technologien als große Hoffnungsträger, aber wegen vieler nicht-technischer Hemmnisse sind sie nicht zu den erwarteten Erfolgsgeschichten geworden.

Eine digitalisierte Landwirtschaft können sich, das darf man nicht vergessen, im Moment nur große Unternehmen leisten – die meisten armen Bauern auf der Welt aber führen Kleinstbetriebe. Entscheidend wird sein, ob es in Politik und Wirtschaft der Industrienationen und der betroffenen Länder den Willen gibt, den Hunger auf der Welt zu beenden.“

Thomas Berger, 51, Agrarwissenschaftler, leitet den Lehrstuhl für Ökonomik der Landnutzung am Hans-Ruthenberg-Institut der Universität Hohenheim

3. Wie sieht der Datenschutz der Zukunft aus?

„Aus meiner Sicht gibt es zu viel Datenschutz nicht. Dabei geht es nicht nur um Privates, sondern um Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. All die Wahlmanipulationen oder Propaganda in sozialen Netzwerken sind erst möglich geworden durch massive Daten, die gesammelt wurden. Natürlich: Ohne Datenschutz würden viele Dienste schneller und einfacher laufen. Die Kernfrage lautet also: Wie können wir die Funktionalität dieser datengetriebenen Dienste nutzen und gleichzeitig den Unternehmen so wenig Details über uns mitteilen wie möglich?

Man kann heute schon einiges für den eigenen Datenschutz tun: Ich persönlich wehre mich dagegen, einfach nur noch OK zu klicken und Kreditkartendaten oder auch nur die E-Mail-Adresse zu hinterlassen. Wir müssen schon in der Schule ein Verantwortungsbewusstsein für Daten erzeugen. Politik und Wissenschaft müssen einfacher, verständlicher erklären, was mangelnder Datenschutz zur Folge hätte. So etwas arbeitet sich dann langsam in die Gesellschaft vor, man denke nur an das wachsende Umweltbewusstsein. Derzeit überlassen wir den Unternehmen zu viel Verantwortung für Datenschutz. Es braucht gesetzliche Regelungen, die diesen Wahnsinn beim Sammeln von Daten stoppen. Die Politik muss auf Datenschutz bestehen.

Da ist natürlich auch die Wissenschaft gefragt. Sie muss bei der Implementierung sicherer Technologien unterstützt werden. Wenn die Verbraucher also mangelnden Datenschutz bestrafen und auch der Gesetzgeber gezielt Regelungen und Strafen festlegt, müssen sich die Unternehmen danach ausrichten. Dann begreifen sie Datenschutz irgendwann auch als Vorteil für ihr Geschäft.“

Ahmad-Reza Sadeghi ist Professor für Computer Science an der TU Darmstadt und Leiter des dortigen System Security Lab. Er ist unter anderem Editor-in-Chief beim IEEE Security and Privacy Magazine.

4. Wird die Digitalisierung dafür sorgen, dass die Welt demokratischer wird?

„Wenn man über mehr Partizipation durch Digitalisierung spricht, muss man immer zwei Seiten betrachten. Zum einen ist Kommunikation natürlich einfacher geworden, es ist schneller und billiger, sich zu organisieren. Auf der anderen Seite lässt sich Kommunikation heute viel stärker überwachen. Die Digitalisierung schafft eine ‚quantifizierte Gesellschaft‘. Das heißt: praktisch alles, was wir tun, hinterlässt eine digitale Spur, die dann von Regierungen und Behörden verfolgt, gespeichert und ausgewertet werden kann. Das ist nicht nur in Diktaturen ein Problem, sondern auch in westlichen Demokratien.

Aus Großbritannien und den USA sind genügend Fälle dokumentiert, wo friedliche politische Aktivisten ausgespäht wurden – beispielsweise bei den Protesten gegen die Dakota Access Pipeline. Ein anderes Problem ist der Einfluss der Technologie-Konzerne auf die Politik. Geht es um Technik oder Digitalisierung, glauben Politiker, die Unternehmen hätten alle Antworten. Der ehemalige EU-Kommissar für die Digitalwirtschaft, Günther Oettinger, hat sich über 500 Mal mit Lobbyisten getroffen, weniger als 50 kamen von zivilgesellschaftlichen Initiativen. Würde das in anderen Bereichen passieren, beispielsweise in Medizin oder Umweltschutz, wäre der Aufschrei riesig. Will man eine demokratische Digitalisierung, muss man auch darüber sprechen, dass die Konzerne viel Platz einnehmen, der sonst der Zivilgesellschaft zugute käme.

Und dafür muss erst einmal Aufmerksamkeit geschaffen werden: Wir müssen uns bewusst machen, wie viel Macht Konzerne und Regierungen in der digitalen Sphäre haben. Dazu gehört auch, Hoheit über die eigenen Daten zu behalten. Dabei hilft beispielsweise unser Data-Detox-Kit, mit dem man die eigenen Datenströme überprüfen und anpassen kann. Man muss sich damit beschäftigen, wo man welche Daten hingibt und was damit passiert. So hat die derzeitige Diskussion um Facebook auch etwas Gutes: Uns wird nicht nur bewusst, wie viele Daten über uns tatsächlich gesammelt werden. Wir merken auch, wie die Digitalisierung unserer Demokratie schaden kann.“

Andrea Figari ist Director for Community Engagement beim Tactical Technology Collective. Die NGO arbeitet an der Schnittstelle zwischen Technologie, Menschenrechten und Politik.

5. Wie sehr schaden uns Smartphone und Co.?

„Natürlich bergen die neuen elektronischen Medien und die ständige Verfügbarkeit des Internets auch Gefahren. Die Zahl der Suchterkrankungen in diesem Bereich ist in den vergangenen 15 Jahren gestiegen. In erster Linie geht es da zwar um das Thema Spielsucht, aber wir erleben auch andere Formen von Abhängigkeit, zum Beispiel von sozialen Netzwerken, Online-Shopping oder -Pornografie. Es gibt auch Menschen, die Stunde um Stunde damit verbringen, sinnlose Informationen im Netz zu recherchieren – auch das ist eine Sucht.

Der Graubereich ist da allerdings groß, solche Verhaltensmuster sind auch schon weit vor einer Suchtdiagnose ungesund und können zu Schlaf- oder Konzentrationsstörungen führen, zu Unruhe, letzten Endes auch zu einer sozialen Vereinsamung. Der größte Teil unserer Patienten ist zwischen 20 und 30 Jahren alt – das ist eine Generation, die nicht schon als Teenager mit dem Smartphone aufgewachsen ist. Daher sorge ich mich um die Kinder und Jugendlichen von heute.

Der Smartphone- und Medienkonsum beginnt immer früher, teilweise bereits im Vorschulalter über sogenannte Lernspiele zur frühkindlichen Förderung. Meine Empfehlung ist, den Zugang zu elektronischen Medien vom Smartphone bis zum PC möglichst spät starten zu lassen. Der beste Schutz für Jugendliche, um nicht abhängig zu werden, ist Konsequenz. Wichtiger als die konkrete Länge der Mediennutzung ist die Frage, ob die festgelegte Zeit auch wirklich eingehalten wird. Und zwar aus eigenem Antrieb, ohne ständige Ermahnung von außen. Genau das fällt natürlich schwer – auch Erwachsenen zunehmend.

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Die wissenschaftliche Datenlage für die sozialen und psychologischen Folgen der Digitalisierung ist leider noch dünn. Man kann ja nicht hundert Menschen ein halbes Jahr ins Labor stecken und sie zehn Stunden am Tag mit dem Handy spielen lassen. Es lässt sich auch schwer prognostizieren, wie resilient unsere Gesellschaft ist und wie gut die Menschen mit den neuen Einflüssen umgehen können. Meine Forderung ist daher: Es muss unbedingt begleitende Forschung zu den Folgen der Digitalisierung geben.“

Klaus Wölfling, 46, ist Diplom-Psychologe und leitet die Ambulanz für Spielsucht der Psychosomatischen Klinik an der Universitätsmedizin Mainz.