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10 July 2018 / Lesezeit: 4 minuten

Bestandsaufnahme

Wie digital ist Deutschland?

Digitalisierung ist eine riesige Chance für einen nachhaltigen Planeten, das predigte schon Al Gore. Aber dafür braucht es die richtigen Voraussetzungen: eine moderne Infrastruktur und eine Gesellschaft, die Lust auf den Fortschritt hat. Wie sieht es da bei uns aus? Eine Bestandsaufnahme

Von Mai bis Oktober 2017 wurden in Brandenburg 23.000 Funklöcher gemeldet. Knapp 3000 sind es bis jetzt beim Funklochmelder der CDU in Thüringen. Und selbst in Bayern, das sich gern als Hochtechnologie-Land präsentiert, herrscht auf dem Land oft kein Empfang. 99 Prozent der Haushalte seien laut Telekom und Vodafone abgedeckt – für ländliche Gebiete gilt das oft aber nicht. Sieht man sich Karten an, auf denen Funklöcher in Deutschland visualisiert sind, zieht man unweigerlich den Vergleich mit dem berühmten Schweizer Käse. Ein Grund für die löchrige Netzabdeckung: Der Ausbau etwa von Handymasten ist abhängig von der Rentabilität der Mobilfunkunternehmen. Und in kleinen Orten oder auf dem Land lohnen sich Investitionen für sie einfach nicht.

Schlecht ist es auch um den Ausbau von Glasfaserkabeln für schnelles Internet bestellt. Vor allem im Osten gibt es überwiegend nur sehr langsame Leitungen – oder gar keine. Hinkt Deutschland wirklich so dermaßen hinterher? „Das Land hat auf fast jeder Ebene das gesamte Thema der Digitalisierung verpennt und befindet sich auf Entwicklungsland-Niveau“, schimpft Thomas Knüwer, Gründer der digitalen Strategieberatung Kpunktnull in Düsseldorf. Er bescheinigt Politik und Industrie eine „merkwürdige Mischung aus Larmoyanz und Arroganz.

Die Frage ist nicht, wann wir vielleicht zu anderen Nationen aufholen, sondern ob wir das überhaupt noch schaffen.“ Knüwers harsche Kritik belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: 2017 verfügten nur 42 Prozent aller Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten über einen Breitbandanschluss mit einer Datenübertragungsrate von mindestens 30 Megabit pro Sekunde. Das sind zwar vier Prozent mehr als noch 2016 – doch der EU-weite Durchschnitt stieg im gleichen Zeitraum um sechs Prozent. Die Spitzenplätze belegten im vergangenen Jahr Dänemark, in dem 73 Prozent aller Unternehmen über schnelles Internet verfügten, es folgen die Niederlande (65 Prozent) und Schweden (64 Prozent). Fatal: Gerade für junge Unternehmen ist die Digitalisierung lebenswichtig, das haben 80 Prozent von ihnen bei einer Umfrage des Start-up-Verbands angegeben.

Angst vor der Digitalisierung geht um

Im privaten Bereich sieht es nicht besser aus: Nur 6,6 Prozent aller deutschen Haushalte hatten 2017 Zugang zu einem schnellen Glasfaseranschluss, auf dem Land waren es sogar nur 1,4 Prozent. Damit lag Deutschland 2017 im OECD-Vergleich auf Platz 28 von 32 Nationen. Die Deutschen scheinen außerdem mit der Digitalisierung zu fremdeln, das zeigt eine neue Studie der Initiative D21, die durch das Bundeswirtschaftsministerium gefördert wurde. 32 Prozent der Teilnehmer gaben in der Befragung an, dass sie die Dynamik und Komplexität der Digitalisierung überfordere. Bei den über 50-Jährigen waren es sogar 42 Prozent.

Zwar zählt die Studie 34 Prozent der Deutschen zu digitalen Vorreitern und immerhin 41 Prozent zu digitalen Mithaltenden. 25 Prozent der Befragten – also hochgerechnet immerhin 16 Millionen Menschen – ordnet sie jedoch in die Kategorie „digital Abseitsstehende“ ein. Sie partizipierten gar nicht oder nur in sehr geringem Umfang an der digitalen Welt, heißt es in der Studie. Das schlägt sich auch im Nutzungsverhalten nieder. Laut der Connected Consumer Survey 2015/2016 von Google antworteten 82 Prozent der Deutschen bei der Frage „Haben Sie im letzten Monat das Internet privat genutzt?“ mit Ja. Spitzenreiter Schweden kam auf 94 Prozent, dicht gefolgt von den Niederlanden mit 93 Prozent.

Die Angst vor der Digitalisierung scheint umzugehen im Land: Der Branchenverband Bitkom rechnet schon für die nächsten fünf Jahre mit einem Verlust von 3,4 Millionen Stellen in Deutschland – im Zuge der Digitalisierung würden diese Arbeitsplätze durch Roboter und Computeralgorithmen ersetzt. Jedes vierte Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern sieht sich durch die Digitalisierung in seiner Existenz bedroht, so lautet das Ergebnis einer Umfrage von Bitkom aus dem Jahr 2017.

Reicht ein „Zukunftsentwurf“ der Regierung?

Auf einen Zeitraum von fünf Jahren will sich Digitalexperte Knüwer nicht festlegen. „Fakt ist, dass die Kombination aus Roboterisierung und künstlicher Intelligenz eine Situation schaffen wird, in der Massen von Arbeitsplätzen, wie wir sie heute kennen, wegfallen werden.“ Das offensichtlichste Beispiel seien Taxifahrer, Busfahrer, Lkw-Fahrer – ihre Jobs fallen durch das autonome Fahren ersatzlos weg. Und zum Computerfachmann ließe sich kaum einer aus diesen Berufsgruppen umschulen.

Böse, Jobs vernichtende Digitalisierung? Unter der Überschrift „Zukunftsentwurf“ soll das laut Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung nicht passieren. „Den digitalen Wandel von Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft werden wir so gestalten, dass alle davon profitieren“ steht darin unter anderem zu lesen. Klappen soll das zum Beispiel durch den sogenannten Gigabit-Ausbau bis 2025 – mit „höchster Priorität“. Und die Sache wird nicht wie bisher den Internet- und Mobilfunkunternehmen überlassen.

Zehn bis zwölf Milliarden Euro sollen dafür bereitgestellt werden, finanziert durch den Erlös bei der Vergabe der UMTS- und 5G-Lizenzen. Die neue 5G-Technik für Smartphones soll allerdings erst 2020 marktreif sein. „Es ist gut, dass man endlich die Wichtigkeit des Themas erkannt hat“, sagt Key Pousttchi zum Koalitionsvertrag. Der Professor für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Universität Potsdam glaubt nicht, dass die neue Bundesregierung in Sachen Digitalisierung auf dem richtigen Weg ist. „Für mich klingt es eher nach ‚Wir schaffen das‘ als nach Systemverständnis für die digitale Transformation.“

Robotersteuer und bedingungsloses Grundeinkommen

Der Europe’s Digital Progress Report der EU-Kommission von 2017 stellt Deutschland ein nicht ganz so vernichtendes Urteil aus. Der Report stellt den Digitalisierungsfortschritt der Mitgliedstaaten der Europäischen Union dar. Deutschland nimmt unter den 28 EU-Ländern zwar nur den elften Platz ein. Es sei aber führend in der Frequenzzuteilung, wodurch die Entwicklung moderner Mobilfunktechnik im ländlichen Raum begünstigt werde. Die Deutschen verfügten zudem über gute digitale Kompetenzen und seien beim Online-Einkauf besonders aktiv. Deutsche Unternehmen nutzten zudem die Möglichkeiten der digitalen Wirtschaft.

Grundsätzlich kann die Digitalisierung ein Segen sein. Künstliche Intelligenz etwa werde den Menschen künftig 80 bis 90 Prozent ihrer ohnehin lästigen Tätigkeiten abnehmen, sagt Chris Boos, Pionier auf diesem Feld. „Wir haben also viel mehr Zeit, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Auch Richard David Precht sieht nicht nur Negatives. Die Digitalisierung führe langfristig zu einer Stärkung der inneren, aus sich selbst entstehenden Motivation, so äußerte sich der Philosoph unter anderem in der Phoenix-Sendung „Im Dialog“.

Die Selbstverwirklichung endet aber doch spätestens dann, wenn wegen Arbeitslosigkeit das Geld nicht fürs Leben reicht. „Digitalisierung bedeutet nicht, dass es eine ökonomische Not gibt“, sagt Thomas Knüwer. „Der Staat muss aber handeln. Das heißt, man muss über Modelle wie etwa eine Robotersteuer nachdenken.“ Und der abzusehende gesellschaftliche Wandel durch die Digitalisierung führt sogar dazu, dass aus unerwarteten Ecken Vorschläge kommen, für die Vordenker lange als Utopisten verlacht wurden. Bitkom-Präsident Achim Berg etwa spricht sich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dafür aus, man müsse unbedingt das bedingungslose Grundeinkommen ausprobieren.

Auch Knüwer sagt: „Ich bin als studierter BWLer kein Freund des bedingungslosen Grundeinkommens. Aber ich sehe auch keine Alternative.“ Er selbst plagt sich seit zehn Jahren mit einer relativ langsamen Datenleitung herum – mitten in Düsseldorf. Seit der Anschluss von der Deutschen Telekom auf IP-Telefonie umgestellt wurde, bekommt er sogar ein Drittel weniger Bandbreite. „Das ist ein Treppenwitz, typisch für Deutschland.“