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27 Januar 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Billie Eilish bricht Grammy-Rekorde

Die komplexere Avril

Die 18-jährige Sängerin Billie Eilish performt auf einem Konzert in Mexiko-Stadt im November 2019.

BILD: Imago Images/ ZUMA Press

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Die 18-jährige Billie Eilish hat mit fünf gewonnenen Grammys einen Rekord aufgestellt. Zusammen mit Künstlerinnen wie Lizzo steht sie für eine junge US-amerikanische Generation von Frauen, die unangepasst, divers und politisch ist. Und damit einen ermutigenden Kontrast zur Politik ihres Landes bilden.

Billie Eilish ist der Popstar, den ich mit 15 gebraucht hätte. Während ich mir damals begeistert die Initialen ihres Namensvetters „Billie Joe Armstrong“ mit schwarzem Edding auf den Unterarm malte, hatte ich kein weibliches Vorbild, das mir beigebracht hätte, mich für all die Widersprüche zu feiern, für die Billie Eilish steht: selbstbewusst, aber voller Selbstzweifel, androgyn und feminin, finster und verspielt, punkig und poppig, hedonistisch und aktivistisch, clever und naiv. Eine Teenagerin in einer Dekade, in der sich junge Frauen durch Pop-Figuren wie Meghan Trainor und Lizzo, Filmemacherinnen wie Greta Gerwig und Awkwafina, aber auch durch eine Alexandria Ocasio-Cortez und eine Greta Thunberg in ihrer Komplexität ernst genommen und repräsentiert fühlen.

Als Eilish selbst 15 war, nahm sie gemeinsam mit ihrem Bruder Finneas einen Song unter der Bettdecke auf und lud ihn auf Soundcloud hoch. Hunderttausende Klicks später schaffte sie ihren Durchbruch. Nun hat die mittlerweile 18-jährige Kalifornierin mit ihrem ebenfalls im Kinderzimmerbett entstandenen Album „When we all fall asleep, where do we go?“ fünf Grammys auf einmal abgeräumt: Sie ist die erste Frau in der Geschichte der Preisverleihung, die die vier Hauptpreise „Best New Artist“, „Best Record of the Year“, „Album of the New Year“ und „Bestes Album“ gleichzeitig gewonnen hat. Und: Sie ist die jüngste Preisträgerin der letztgenannten Kategorie überhaupt.

Nicht so berechenbar wie Avril Lavigne, nicht so perfekt wie Taylor Swift

Billie Eilish ist nicht so berechenbar wie Avril Lavigne, nicht so perfekt wie Taylor Swift und Ariana Grande, nicht ganz so abgedreht, wie Lady Gaga. Dafür ist sie vielleicht die erste Künstlerin, die es schafft, mit mehr als 50 Millionen Instagram-Follower*innen die digitale Einheitsästhetik ihrer Generation glaubwürdig auf die Schippe zu nehmen und sich somit jeder Schublade zu entziehen: Sie mischt in ihren Outfits und Musikvideos Horrorfilmoptik und weiße, verdrehte Augäpfel mit knalligen Cartoon-Filtern und den klassischen Skater-Styles. Ihre Nägel sind aber mindestens sechs Zentimeter lang und perfekt manikürt.

Eilish singt in ihren Songs mal über albtraumhafte Psychosen, mal über die Vereinbarkeit von sexueller Unterwerfung mit dem Leben als emanzipierte Frau („I like it when you take control, even if you know that you don’t own me“) wechselt dabei nahtlos zwischen biografischen Erzählungen und solchen, die ihrer Fantasie entspringen. Die Amerikanerin ist aber alles andere als ein klassischer„bad guy“, wie sie sich selbst in ihrem berühmtesten Hit nennt: Sie lebt immer noch bei ihren Eltern und konsumiert nach eigenen Aussagen weder Alkohol noch andere Drogen. Als einziges Laster nennt sie ihre Liebe zu Burritos („I don’t need a xanny to feel better“). Dennoch trägt sie einen Vokuhila, färbt sich die Haare vorzugsweise giftgrün oder blau, läuft in Baggie-Klamotten herum, damit niemand die Chance hat, sie für irgendetwas anderes zu bewerten als für ihre Stimme und ihre Persönlichkeit, und macht trotzdem klar, dass jede Frau sich genauso zeigen und kleiden kann, wie sie es will, ohne dafür objektiviert oder kritisiert zu werden. Als die deutsche Modezeitschrift Nylon sie mit 17 ungefragt zu einem sexy Roboter photoshoppte, machte sie ihrem Ärger über Twitter Luft.

Die vegane Anti-Trump

In einer Zeit, in der in den USA ein Präsident an der Macht ist, der gegen das Recht auf Abtreibung wettert, von zahlreichen Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigt wird und sich für die Kohle- und Waffenindustrie starkmacht, ist die Rekord-Auszeichnung einer 18-Jährigen Balsam für eine Generation von Frauen, die sich nicht an eine Männerwelt anpassen will, sondern laut und umweltbewusst und unbequem ist.

Billie Eilish ist vegetarisch aufgewachsen und seit einiger Zeit lebt sie vegan. Mit Videobotschaften klärt sie ihre Fans regelmäßig über die Folgen des Klimawandels, die Arbeit von Greenpeace und Tierschutzrechte auf. Für ihre Welttour 2020 hat die Musikerin sich mit der Umweltschutzorganisation Reverb zusammen getan, um die Tournee so „grün wie möglich” zu gestalten: Die Fans müssen ihre Wasserflaschen selbst zu den Konzerten mitbringen und es sollen keine Plastikstrohhalme erlaubt sein. Außerdem soll vor jedem Konzert ein Billie-Eilish-Öko-Dorf aufgebaut werden, in dem sich die Besucher*innen über Umweltschutz informieren können.

Natürlich kann man Billie Eilish auch eine gewisse Doppelmoral unterstellen: Teil ihres schrillen Kleidungsstils ist es schließlich auch, dass sie Adidas-Spezialanfertigungen und Gucci-Schuhe trägt. Für H&M hat sie dieses Jahr eine nachhaltige Kollektion herausgebracht, die man als Teil der Greenwashing-Strategie eines Unternehmens begreifen kann, das immer noch unter teils elenden Bedingungen Fast-Fashion im Globalen Süden herstellen lässt.

Klimaaktivismus ohne grundsätzliche Kapitalismus-Kritik ist immer fragwürdig, und für jemanden wie mich, der die Teenagerjahre hinter sich hat, auch nicht mehr genug. Aber Eilishs Musik und ihre Appelle sind ein mächtiger Anstoß für ihre überwiegend weiblichen und jungen Fans, sich überhaupt mit diesen Themen zu beschäftigen.

Die Grammys haben eine schwierige Historie, wenn es um Frauen geht

Billies großer Triumph bei den Grammys erinnert gerade durch seinen Ausnahmecharakter auch daran, wie zentriert die Grammys immer noch auf die weiße und männliche Welt sind. Zwar wurde auch Lizzo mit drei Grammys ausgezeichnet, zahlreiche andere Künstlerinnen kamen jedoch wesentlich schlechter weg: So durfte etwa die britisch-jamaikanisch-spanische Musikerin FKA Twiggs, die bei der diesjährigen Grammy-Verleihung laut eigener Aussage „gerne gesungen“ hätte, nur als Poledancerin die Performance von Usher zieren. Auch die queere R&B-Sängerin Kehlani, die in den Staaten sehr beliebt ist und lateinamerikanische, afroamerikanische und philippinische Wurzeln hat, hat es schwer eine ähnliche Sichtbarkeit zu bekommen, wie Billie, obwohl sie mindestens genauso politisch ist.

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Dennoch ist Billie mit ihren fünf Grammys eine wichtige Pionierin, wenn es um Repräsentanz von Frauen in der Musikwelt und insbesondere bei den Grammys geht: Man darf nicht vergessen, dass es erst zwei Jahre her ist, als bei der 60. Grammy-Verleihung 2018 der Hashtag #GrammysSoMale bei Twitter trendete: Nur eine einzige Frau hatte damals einen der Hauptpreise gewonnen.