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17 Juni 2021 / Lesezeit: 3 minuten

École 42, Agora, Umweltschule & Co

Impulse für ein anderes Bildungssystem

IT-Ausbildung, wenig Konkurrenzdenken und Leistungsdruck, kein Auswendiglernen, sondern Förderung individueller Interessen: Verschiedene alternative Schulprojekte wollen ein Bildungssystem schaffen, das Schüler:innen fit macht für eine grünere, gerechtere Zukunft.

Bild: Lagos Techie / Unsplash

Bild: Lagos Techie / Unsplash

Eine neue Gesellschaft braucht eine neue Bildung. Zukunftsoffen, kreativ, analytisch, lösungsorientiert, ermutigend. Seit den Reformbewegungen der 1920er- und 1970er-Jahre versuchen Reformer:innen das Bildungssystem aus dem Korsett der industriellen Verwertungslogik zu befreien, weg mit Auswendiglernen, 45-Minuten-Häppchen, Notengeben, Konkurrenzsystem. Sie haben dem Schulsystem viele Impulse gegeben, knacken konnten sie es nicht. Zeit also für neue Inspirationen.

Schulaufbruch

Sie gilt als Grande Dame der Bildungsinnovation: Margret Rasfeld. Ihre 2007 gegründete Evangelische Schule Berlin Mitte wurde zum Vorzeigeprojekt einer neuen Lernkultur: selbstorganisiertes Arbeiten in Lernbüros, Lehrkräfte als Lerncoaches; im Peer-Coaching-Projekt „Bildungsbande“ helfen Schüler:innen ein- bis zweimal die Woche Kindern mit Migrationshintergrund beim Lernen, im Pflichtfach „Verantwortung“ engagieren sie sich im Gemeinwesen, von Senior:innenheimen bis zu Ökoprojekten; bei der „Herausforderung“ gehen sie zwei bis drei Wochen lang an ihre Grenzen, ob bei einer Alpenüberquerung oder indem sie ein Buch schreiben; am „Frei Day“ arbeiten sie mit Organisationen vor Ort an Fragen wie Klimakrise oder Armut. Das Netzwerk „Schule im Aufbruch“ trägt die neue Lernkultur in alle Ecken Deutschlands. Gut 40 Schulen sind bislang dabei.  

Auch auf enorm: Margret Rasfeld zur Bildungspolitik: „Die Care-Arbeit für Mensch und Planet muss im Zentrum stehen“

Quinoa

Eine Privatschule für Schüler:innen aus bildungsfernen Familien? Klingt ungewöhnlich und ist doch seit sieben Jahren Alltag im Berliner Brennpunktviertel Wedding. Benannt wurde diese Schule nach der Getreideart Quinoa, die wertvoll, aber immer noch unterschätzt ist – wie so oft die Kinder aus benachteiligten Familien. Die Schule setzt auf Vertrauen, enge Zusammenarbeit mit den Familien, viel Praxis und Fächer wie „Zukunft“ und „interkulturelles Lernen“. Alle Kinder haben individuelle Tutor:innen und werden auch beim Übergang ins Berufsleben begleitet. Finanziert wird das aus Spenden und staatlichen Zuschüssen. 

Zukunftsbauer

In einer Welt, die sich so schnell verändert wie wohl nie zuvor, brauchen Kinder vor allem eines: Zukunftskompetenz, meinen die Macher:innen der Initiative Zukunftsbauer. Sie entwickeln Materialien, Fortbildungen und Projektideen, damit Schüler:innen lernen mit Komplexität und Unsicherheit umzugehen, Selbstwirksamkeit erfahren, eigene Lösungen entwickeln und experimentieren. Die Zukunftsbauer vernetzen Schulen mit Praxis und Berufsleben und begleiten sie bei der Schulentwicklung. 

Umweltschule

Basierend auf der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) und anlässlich des Wettbewerbs „Umweltschule in Europa“ starten immer mehr deutsche Schulen Projekte, die sich mit Themen wie Klimaschutz, regionalem Konsum oder Biodiversität beschäftigen. Schüler:innen entwickeln dabei konkrete Nachhaltigkeitsstrategien für ihre Schule, in Zusammenarbeit mit der Kommune oder lokalen Betrieben. Bislang wurden etwa 1.500 Bildungseinrichtungen in Deutschland mit dem Titel „Umweltschule in Europa – Internationale Nachhaltigkeitsschule“ ausgezeichnet. 

Agora*

Agora ist eine Bildungsphilosophie aus den Niederlanden, bei der vollständig autonomes Lernen und Persönlichkeitsentwicklung im Fokus stehen. In den bisher elf Agora-Schulen arbeiten 12- bis 18-Jährige zusammen, gibt es keine Klassen, keine Lehrer:innen (nur begleitende „Coaches“), kein Lehrmaterial und keine Noten. Schüler:innen entscheiden aus intrinsischer Motivation heraus, was sie wie lernen möchten. Dabei geht es vor allem um nicht-kognitive Fähigkeiten wie Organisation, Gewissenhaftigkeit und Lösungsorientierung. In den wöchentlichen „Inspirations-Sessions“ schildern Gäst:innen ihre Interessen, was die Jugendlichen zu neuen „Challenges“ inspirieren soll: Lernziele, die sie selbst festlegen.

*griechisch für Marktplatz

FilmArche

Die FilmArche ist eine Berliner Hochschule für Filmemacher:innen, die sich in den Bereichen Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt und Produktion weiterentwickeln wollen. Jede Klasse organisiert ihren Unterricht selbst, bestimmt ihren Lehrplan und lädt Expert:innen in den Unterricht ein, die sie spannend findet. Dafür bekommen die Studierenden ab dem zweiten Semester ein Budget, das sich jedes Jahr vergrößert. Dahinter steht ein gemeinnütziger Verein, der sich hauptsächlich über Mitgliedsbeiträge finanziert. 

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École 42

„42“ ist eine private, kostenlose IT-Schule aus Frankreich mit einem einzigen Bewerbungskriterium – dem Alter. Bewerber:innen müssen mindestens 18 Jahre alt sein und ihre Coding-Fähigkeiten in zwei Selektionsphasen unter Beweis stellen. Die anschließende, mehrjährige Ausbildung basiert auf Peer-to-Peer-Learning: Student:innen helfen und testen sich gegenseitig. Partner-Campusse gibt es auf der ganzen Welt, etwa in Marokko, Finnland, Brasilien, Armenien und Japan. Finanziert werden sie durch private Sponsor:innen oder Unternehmen.