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22 January 2018 / Lesezeit: 5 minuten

Gründen im Studium

Startschuss am Campus

Wir stellen zwei erfolgreiche, grüne Start-ups vor: ins Leben gerufen von Studenten

Titelbild: UNU

„Ein Roller mit mobilem Akku, überall aufladbar. Günstig und gutaussehend. Der bei Bedarf autonom zum Kunden fährt? Das muss doch funktionieren!“, dachte Pascal Blum. Und gründete sein Start-up

Begonnen hat das Ganze 2013 in Peking. Damals studierte Pascal Blum Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der Zeppelin Universität am Bodensee, sein Schulfreund Elias Atahi Elektro- und Informationstechnik an der Technischen Universität (TU) München. Beide machten gleichzeitig, kurz vor Ende ihres Bachelorstudiums, ein Auslandssemester in Asien und erlebten dort die Probleme einer asiatischen Großstadt: Smog, Gestank, Stau, überfüllter Nahverkehr. Und mit den Problemen auch die Lösung: Elektroroller. Um die Luftqualität zu verbessern, hat die chinesische Regierung die benzinbetriebenen Flitzer verboten. Noch in Peking kauften sich Pascal und Elias einen gebrauchten E-Roller. Von einem Moment auf den anderen wurde „Mobilität von einer Beschränkung zu einer Freiheit“, wie Blum sagt.

„Plötzlich konnten wir uns in der gesamten Stadt schnell bewegen und viel mehr erledigen, als vorher.“ In den Köpfen der beiden Freunde reifte die Idee von einem elektrischen Roller für Deutschland heran, der nicht nur seinen Zweck erfüllt, sondern auch noch hip und salonfähig ist. Die Modelle, die es zu Hause bis dato zu kaufen gab, waren zu teuer, zu hässlich. Außerdem fehlte es an Ladesäulen, so Pascal. Die Idee war geboren – warum also nicht gleich starten?

Schon während des Studium ein eigenes Start-up gründen?

Studenten, die noch vor dem Abschluss ein eigenes Unternehmen gründen – langsam werden es immer mehr. Auch weil Universitäten zunehmend Studenten beim Gründen unterstützen. Derzeit gibt es mehr als 100 Gründerlehrstühle in Deutschland, allen voran in München und Berlin. Zudem bietet fast jede Universität Beratung an oder wenigstens Seminare zum Thema Gründen. Die Vorteile von jungen Gründern liegen auf der Hand: Sie sind risikobereiter, schon weil sie weniger zu verlieren haben. Feste Stelle, sicheres Einkommen, hoher Lebensstandard, ein abbezahltes Haus – nichts von alldem steht auf dem Spiel. Sie sind es gewohnt, mit wenig Geld auszukommen, insbesondere für die Startphase nicht unwichtig. Und sie haben oft ein gutes Gespür für zukunftsträchtige Themen. Mobilität ist eines davon.

Zurück in Deutschland entwarfen Pascal Blum und Elias Atahi „Unu“, einen Roller, der durch drei Punkte besticht: Er braucht keine Ladesäulen, der Akku ist mobil und kann an jeder beliebigen Steckdose aufgeladen werden. Er ist günstiger, Unu verkauft direkt an den Kunden, ohne Zwischenhändler. Und er sieht gut aus, ein Lifestyleprodukt eben, kein Klotz unter dem Hintern. Das Konzept hat auch Mathieu Caudal überzeugt, der zuvor in der Automobilindustrie tätig war und daher wusste, wie aus einem Prototyp ein Serienmodell zu machen ist. Blum: „Wir haben uns perfekt ergänzt“.

Junge Studenten mit guten Ideen für eigene Unternehmen erhalten oft viel Unterstützung

Ein guter Schuss Selbstverwirklichung war schon dabei, sagt Blum. Vom ersten Semester seines Studiums an wollte er Veränderungen anstoßen. Er begann sich für Social Entrepreneurship zu interessieren und arbeitete in den Semesterferien bei SEKEM in Ägypten, einer Initiative, die sich für nachhaltige Landwirtschaft in Ägypten einsetzt. Dabei hat Blum gemerkt, dass unternehmerisches Denken und soziale Werte hervorragend zusammen passen. Mittlerweile arbeiten 45 Leute bei ihm und tüfteln bereits an einer neuen Vision: Weg von Kaufen und Besitzen, bei Bedarf soll ein Roller autonom zum Kunden gefahren kommen. „Mobility as a Service“ lautet das Motto.

Dass die Idee der drei Unu-Jungs gezündet hat, wundert Günter Faltin nicht. „Günstige Preise und Nachhaltigkeit sind die modernen Innovationstrends“, meint der Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität (FU) Berlin. Nicht nur die Gründer wollen etwas Gutes tun, sondern auch die Kunden. Viel dafür bezahlen aber nicht. Deshalb ist Faltin überzeugt vom Direkteinkauf und -vertrieb ohne viel Drumherum, ohne Einzelhandel. So gut oder sozial eine Idee auch sein mag, ein Selbstläufer ist sie nicht. Auch das Unu-Trio hat die Gründung nicht alleine auf die Beine gestellt. „Vor allem die TU München und die LMU haben uns bei der Gründung total weitergeholfen“, so Blum.

„Für die Entwicklung der Akkus, das Herz unseres Produkts, mussten wir viele Tests machen, erstmal die Hardware entwickeln.“ Die drei bekamen einen Platz am Center for Digital Technology & Management (CDMT), ein Zentrum in München, das besonders begabte Studenten neben ihrem normalen Studium in aktuelle Forschungsprojekte einbezieht, eng mit der Wirtschaft zusammenarbeitet und sich zum Ziel gesetzt hat, Innovatoren auszubilden. Dort konnten Blum und Atahi während des Studiums ihr Produkt entwickeln, Kontakte knüpfen und einen Businessplan aufstellen.

Erst Start-up, dann Master

Richtig Gas gegeben haben Blum und Atahi dann aber doch erst, als sie ihren Bachelor in der Tasche hatten und die Entscheidung gefallen war: Master – erstmal nicht! Die freien Stunden, die der vollgestopfte Unialltag einem lässt, hätten nicht gereicht. Ungewöhnlich ist das nicht. Die meisten jungen Gründer kommen irgendwann an dem Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen. In Teilzeit ein Unternehmen aufbauen ist schwer. Bereut hat Blum die Entscheidung nicht. „Ich habe durch die Gründung so viel gelernt. Ich glaube nicht, dass mir ein Master genauso viel gebracht hätte.“

Mobilität ist für Studierende ein wichtiges Thema

900 Kilometer entfernt, im österreichischen Villach, schwingt sich Fabian Gutbrod auf sein Fahrrad. Der Gründer von Add-e stellt kleine Elektromotoren her, mit denen aus jedem beliebigen Fahrrad im Handumdrehen ein E-Bike wird. Mountain-Bike, Rennrad, Klapprad – egal. Am Anfang stand nicht Idealismus, sondern Pragmatismus: „Ich war einfach ein fauler Hund“, sagt Gutbrod. Als er im Bachelor studierte, musste er drei Kilometer stramm bergauf zur Uni fahren, ein Auto konnte er sich nicht leisten – da pimpte er sein Fahrrad kurzerhand mit dem Elektromotor aus einem Roller auf. Coole E-Bikes habe es damals noch nicht gegeben, deshalb baute er sich selbst eins zusammen.

Als der Akku irgendwann kaputtging, entwickelte der damalige System-Engineering-Student einen eigenen Antrieb. Die Fachhochschule stellte die nötigen Maschinen dafür zur Verfügung und sein Freund Thomas Pucher half ihm beim Fräsen. Im Master bekamen die beiden Unterstützung von einem Inkubator, dem „build! Gründerzentrum Kärnten“, das speziell jungen Akademikern in der Frühestphase einer Gründung unter die Arme greift. So auch bei Add-e. Das 2013 mit 12 000 Euro Startkapital gegründete Unternehmen ging an den Markt, blieb aber vorerst relativ klein und regional.

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Mit Crowdfunding zum Durchbruch

Die Wende kam 2015. Ein Fotograf, den sie für einen kurzen Werbefilm beauftragten, empfahl ihnen stattdessen eine Crowdfundingaktion – zu gut erschien ihm das Produkt. Den Antrieb klickt man sich ans Hinterrad, der Akku sieht aus wie eine Trinkflasche und landet im Getränkehalter. Gutbrod ließ sich überzeugen, spätestens da kam auch bei ihm Idealismus dazu. Add-e war keine Spielerei mehr für ihn und seine Freunde. Es ging um grüne Mobilität und weniger Konsum. Statt eines neuen E-Bikes kann man sein geliebtes Fahrrad behalten.

Gutbrod begann, in Pedelec-Online-Foren von Add-e zu erzählen. Zuerst waren die meisten Reaktionen skeptisch. Aber er antwortete auf jede Frage. Ja, man muss trotzdem treten, Add-e ist nur ein Hilfsantrieb. Nein, der E-Antrieb muss nicht immer de- montiert werden, wenn man normal Fahrrad fahren möchte. Mit einer Akku-Ladung kommt man etwa 50 Kilometer weit, eine Vollladung dauert eine Stunde. „Ohne dieses Forum hätte unserer Kampagne bestimmt nicht so viel Erfolg gehabt“, sagt Gutbrod. „Die Leute fanden mich als Gründer sympathisch. Und ich konnte sie überzeugen, dass das Produkt gut ist.“

Dann war da natürlich noch die „grüne Welle“, wie Gutbrod sagt. Plötzlich hätten alle angefangen, grün zu denken, nachhaltig leben zu wollen, gut zu der Natur zu sein. „Wir hatten schon auch Glück, es war der richtige Zeitpunkt.“ 410.875 Euro hat die Crowdfunding-Aktion eingebracht, mehr als das Vierfache des ursprünglichen Ziels. Mittlerweile verschicken die Villacher ihre Antriebe weltweit.