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2 February 2018 / Lesezeit: 5 minuten

Stressbewältigung im Studium

Stress im Studium: Mach mal eine Pause

Gut lernen, leben und sich engagieren – für viele Studierende kaum noch möglich. Was muss sich an den Unis ändern?

Titelbild: Becca Tapert / Unsplash

Gut lernen, leben und sich engagieren – unter den universitären Bedingungen im Zeitalter von Bachelor und Master funktioniert das häufig nicht. Über das, was sich an den Unis ändern müsste, wird jetzt endlich diskutiert

Im Sommer, bei gutem Wetter, flattern zwischen den schönen alten Bäumen grasgrüne Hängematten. „Hang Up“ nennt sich der Hängemattenpark, eine kleine Oase. Ist es draußen zu frisch, wartet drinnen in der „Snoozle Area“, ein mit rasenähnlichem Teppich ausgeschlagener Raum, in dem Sitzsäcke und Liegestühle zu lockeren Sitzgruppen verteilt sind, dezent beleuchtet von bunten Kugellampen. Wem all das zu sehr Chillen ist und zu wenig Bewegung, meldet sich in der „Knetstation“ zur Massage an oder begibt sich auf den hauseigenen Trimm-dich-Pfad, ein Kilometer, fünf Stationen.

Wellness für Studis

Ein Luxushotel? Nein, ganz anders: Dieses Wellness-Programm ist für die Studierenden der Bergischen Universität Wuppertal gemacht. Die 1972 gegründete Hochschule mit mehr als 20.000 Studierenden hat den klassischen Hochschulsport um ein ausführliches Gesundheitsangebot ergänzt. Morgens um acht kann man auf dem Campus schon den ersten Yoga-Sonnengruß machen, später gibt es Entspannungskurse und den Pausen-Express, bei dem Trainer durch Seminarräume und Vorlesungsräume gehen und jeweils fünf Minuten Lockerungsübungen anbieten. Wer nun denkt: „Student müsste man sein!“, macht es sich zu einfach. Denn das ganze Ausgleichs-Curriculum gibt es, weil es den Studierenden in Deutschland schlecht geht.

Ziemlich vielen zumindest. Seit Jahren kehrt das Thema Stress unter Studierenden regelmäßig in der Presse wieder, mit Schlagzeilen wie „Wenn das Studium blanker Horror wird“ oder „Studenten am Rande des Nervenzusammenbruchs“.

Befragungen zeigen tatsächlich: Ein großer Teil der Hochschüler empfindet sich als überdurchschnittlich gestresst – und das zu einem höheren Prozentsatz als Menschen, die bereits im Berufsleben stehen. Was die Studierenden betrifft, werden die Untersuchungsergebnisse meistens der Bologna-Reform von 1999 in die Schuhe geschoben, also der europaweiten Studienreform zur Vereinheitlichung der Abschlüsse. Die Anforderungen, die Prüfungen, das Pensum und somit der Stress seien viel größer geworden, heißt es, seit Studierende nicht mehr wie vor der Reform einen Magister oder Diplom machen, sondern Bachelor und Master.

Zuletzt hat der Bundesverband der gesetzlichen Krankenkasse AOK im Jahr 2016 Zahlen dazu geliefert. Mit mehr als 18.000 Befragten ist die von der AOK beauftragte und von den Universitäten Potsdam und Hohenheim durchgeführte Studie die größte Erhebung, die in Deutschland zu dieser Fragestellung durchgeführt wurde. Ihr Ergebnis: 53 Prozent der befragten Studierenden bezeichnen ihr persönliches Stresslevel als hoch. Frauen fühlen sich gestresster als Männer. Fachhochschüler geraten unter größeren Druck als Studierende von Universitäten und Dualen Hochschulen. Lernende an staatlichen Unis fühlen sich mehr belastet als die privater Hochschulen. Und: Es scheint sich in Schleswig-Holstein, Brandenburg oder Rheinland-Pfalz etwas entspannter zu studieren als in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen. So weit, so klar.

„Keine Frage, Stress ist gesellschaftlich gerade in“, sagt Martin Litsch, Vorsitzender des AOK-Bundesverbands. „Aber Stress ist auch real. Burnout, Depression und innere Leere. Das sind Reflexe auf einen steigende Belastungskurve, die immer mehr Menschen überfordert.“ Bei den befragten Studierenden äußert er sich noch in milderen Symptomen, sie klagen am häufigsten über Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Lustlosigkeit.

Interessanter Befund der AOK-Studie: Die jungen Leute haben in der Regel ein gutes Gespür dafür, wann ihnen der Stress auf die Gesundheit schlägt. 68 Prozent von ihnen finden dann selbst Lösungen. Der andere Teil schafft das nicht – und sucht externe Hilfe.

Rat auf dem Psycho-Sofa

Zum Beispiel bei Bernd Nixdorff, der in einem hellen Neubaubüro einige Gehminuten vom Campus der Hamburger Universität entfernt sitzt und im Auftrag der Hochschule eine kostenlose psychologische Beratung anbietet. Der ruhige und erfahrene Diplom-Psychologe hat schon viele gestresste Studierende auf seinem Sofa sitzen gehabt. Man muss nicht lange auf einen Termin bei ihm warten, in knapp zwei Wochen ist man dran.

Einem Viertel seiner Klienten attestieren Nixdorff und sein Kollege eine depressive Verstimmung, knapp 10 Prozent leiden unter Ängsten oder gar Panikattacken, 20 Prozent haben Probleme mit Identität und Selbstwertgefühl, etwas mehr als 9 Prozent drückt die Prüfungsangst. Aber, das muss man auch dazu sagen, der Prozentsatz derer, die überhaupt zur Beratung kommen, ist gering: Im Jahr 2016 gab es rund 700 Neuanmeldungen für eine psychologische Beratung in der Uni, bei rund 40.000 eingeschriebenen Studenten. Ein Drittel der Ratsuchenden wird anschließend an einen niedergelassenen Therapeuten überwiesen.

„Die objektive Zeitbelastung ist meistens nicht das Problem“, sagt Nixdorff. „mehr das subjektive Empfinden.“ Besonders heftig belasten viele Studierende die so genannten „internen Stressoren“, nämlich ihre hohen Erwartungen an sich selbst. Ist also doch nicht die Bologna-Reform schuld? Psychologe Nixdorff glaubt: „Das kommt ganz auf die Individuen an. Wer eine feste Struktur braucht, der ist in einem Bachelor-Studiengang gut aufgehoben.“ Nixdorff sieht bei vielen Hochschülern die Prüfungsängste seit der Reform eher geringer werden – eben weil so viele Prüfungen geschrieben würden und man eine gewisse Routine bekomme. „Freigeister allerdings, die weniger Vorgaben wollen und ein individuelleres Studium, haben ihre Probleme mit Bachelor und Master.“

Fehlende Stress-Resilienz

Warum trifft der Stress Studierende gefühlt härter als andere Bevölkerungsgruppen? Der Begriff Resilienz ist ein vieldiskutierter, ganze Bücher beschäftigen sich mit der Frage, warum die einen mit Druck oder Krisen besser umgehen können als andere. Psychologen verstehen unter Stress- Resilienz „die persönlichen Ressourcen, um Probleme auszugleichen“. Fehlen sie den Studierenden, also jungen Leuten, die sich nach der Schule in einer Art Umbruchphase befinden und ihren Platz in Gesellschaft und Leben suchen?

„Man darf da nicht pauschalieren“, sagt Ute Sonntag, stellvertretende Geschäftsführerin der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachen. „Es kommt darauf an, zu welchem Zeitpunkt man fragt. Es gibt Semester mit einem sehr hohen Workload, sprich: in denen besonders viel verlangt wird. Dann kommt es auch darauf an, wie stark jemand zusätzlich belastet ist – zum Beispiel, wenn er oder sie schon Familie haben oder viel nebenbei arbeiten müssen, um das Studium zu finanzieren.“

Gesunder Campus

Sonntag koordiniert seit Jahren den „Arbeitskreis Gesunde Hochschule“, der sich 1995 in Hannover gründete und in dem bundesweit mehr als 80 Hochschulen und andere Institutionen organisiert sind. Die Vision der Diplompsychologin und ihrer Kollegen ist ein „Campus als gesundheitsfördernder Arbeits-, Lern- und Lebensraum“ – ein hehres Ziel. „Es geht ums Ganze, ja“, sagt Sonntag, „von der Gestaltung der Gebäude über ein gutes Hochschulsportangebot bis zur Kinderbetreuung. Jahrelang stand die Gruppe der nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Universitäten im Fokus. Jetzt richtet er sich auf die Studierenden. Was sie brauchen, ist natürlich von ihrer Lebenssituation abhängig. Sie müssen sagen, was ihnen fehlt.“

Zum Beispiel Seminare zum Umgang mit Stress. Die Mannheimer Diplom-Psychologin Marcia Duriska hat vor einigen Jahren am Karlsruher Institut für Technologie in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse das Seminar „Stressbewältigung für Studierende“ entwickelt. Duriska, gerade in Elternzeit, hat den Block-Workshop auch an den Unis in Mannheim und Landau gehalten. Er umfasste drei Termine am Wochenende, in den Sitzungen ging es um Themen wie Zeitmanagement, den Umgang mit Prüfungsängsten, um Entspannungstechniken. Und um die persönliche Ebene, sprich, die Fragen: Was erwarte ich von mir selbst? Und warum versetzt mich das so in Stress? Die Kurse waren von Anfang an gut belegt, von Studierenden aller Fachrichtungen.

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Gestiegene Belastungen im Studium

Duriska hat sich schon 2009 in ihrer Diplomarbeit mit dem Thema Stress bei Studierenden beschäftigt – und das Magister-Diplom-System mit dem von Bachelor und Master verglichen. Für sie ist klar: Heute sind die Belastungen wesentlich höher. Sie hat viele Studierende erlebt, die keine Regenerationsphasen mehr haben. Die „immer in die Vollen gehen müssen, die abends nicht mehr abschalten können. Die das Gefühl haben: Pausen sind Zeitverschwendung“. In Seminaren wie ihrem, das in ähnlichen Formen inzwischen an einigen Unis angeboten wird, müssen sie erst wieder lernen, dass es auch im Studium so etwas wie einen Feierabend gibt. Zudem mache das gehetzte Auswendiglernen vor zu vielen Prüfungen doch eine „echte inhaltliche Auseinandersetzung gar nicht mehr möglich“. In ihren Seminaren sei sie am häufigsten nach effektiven Auswendiglernen-Techniken gefragt worden.

Das Studium als eine möglichst schnell und mit Bestnoten zu absolvierende Rushhour? Dozentin Duriska sieht in erster Linie die Universitäten in der Pflicht, krankmachende Rahmenbedingungen an den Hochschulen zu ändern. „Es ist ihre Aufgabe, das System zu überprüfen – und gleichzeitig Angebote für den Umgang mit Stress zu machen“, sagt Duriska. Nicht nur, weil viele der Absolventen zu den Führungskräften der Zukunft gehören werden und als gutes Vorbild raus in die Gesellschaft gehen sollten. Sondern auch, „weil sie junge Menschen sind, die es noch nicht gelernt haben, sich gegen das System aufzulehnen. Viele von ihnen nabeln sich ja gerade erst einmal vom Elternhaus ab.“

Duriska plädiert dafür, Stressbewältigungs-Seminare ins Pflichtprogramm des Curriculums aufzunehmen. Denn wenn man Punkte für ein solches Seminar bekomme, steige die Bereitschaft, teilzunehmen. Das mache selbstbewusster im Umgang mit Druck von innen und von außen. Und um sich im System und gegen das System zu behaupten.

Profitieren würden davon nicht nur die Studierenden selbst. Das Schlusswort soll die Hamburger Studentin Stefanie Reiter bekommen, die gerade einen Master im Bereich Sozialökonomie macht, genauer gesagt im Studiengang „Interdisziplinäre Public und Nonprofit Studien“. Sie erlebt viele gestresste Kommilitonen um sich herum, spürt selbst deutlich den Konkurrenzdruck, findet die Anforderungen sehr hoch. „Wir brauchen mehr Freiraum“, sagt Reiter. Nicht nur zum Lernen. „Sondern auch, weil sich viele von uns schon im Studium engagieren. Und zwar für die Gesellschaft.“