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15 Juli 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Südafrikanisches Projekt SuperScientists

Mit Superheld:innen-Karten für die Wissenschaft begeistern

Die Sammelkarten der südafrikanischen Initiative „SuperScientists“ sollen jungen Menschen Vorbilder geben.

Bild: SuperScientists / Curtis Bonhomme

Bild: SuperScientists / Curtis Bonhomme

Ein Bildungsprojekt in Südafrika möchte junge Menschen mit Sammelkarten im Superheld:innenstyle für die Wissenschaft begeistern.

Ihre Hände greifen in die Wellen, wirbeln das Wasser nach oben: Nitro! So heißt die Superheldin im grau-goldenen Anzug. In der Zeichnung auf der kleinen rechteckigen Sammelkarte lächelt sie, auf ihrer Brust prangt 15N, die Bezeichnung für Stickstoff-15.

Dieses Isotop beschäftigt Kolisa Yola Sinyanya in ihrer Doktorarbeit, die sie am Institut für Ozeanforschung der Universität Kapstadt schreibt. Und deshalb gibt es Nitro. Vor gut einem Jahr wurde Sinyanya zur Super-Wissenschaftlerin – SuperScientist. Das gleichnamige südafrikanische Projekt inszeniert afrikanische Forscher:innen als Comic-Superheld:innen, um junge Menschen für Naturwissenschaften zu begeistern. Denn in Südafrika ist das Bildungssystem noch immer von rassistischen Strukturen geprägt: Nur 9 Prozent der Schwarzen machen einen weiterführenden Abschluss, etwa an der Uni, nur 8 Prozent der „Coloureds“ (Selbstbezeichnung einer südafrikanischen Ethnie). Bei weißen Südafrikaner:innen sind es hingegen 38 Prozent.

Die Sammelkarte der „SuperScientist“ Kolisa Yola Sinyanya: Die 15N, die auf ihrem Kostüm prangt ist die Bezeichnung für Stickstoff-15. Mit diesem Isotop beschäftigt sich die Wissenschaftlerin in ihrer Doktorarbeit.
Bild: SuperScientists / Curtis Bonhomme

Ungerechte Realität

Der gebürtige US-Amerikaner Justin Yarrow lebt seit zehn Jahren in der südafrikanischen Küstenstadt Durban und kennt diese ungerechte Realität, seit einigen Jahren arbeitet er im Bildungsbereich. Mit seiner Non-Profit-Organisation CodeMakers brachte er von 2015 bis 2019 Kindern aus finanziell schlecht ausgestatteten Gemeinden Programmieren bei. Er sah, wie prekär die Situation vieler war – und wie gering ihre Chance auf weiterführende Bildung. An einer Supermarktkasse kam ihm die Idee für die SuperScientists. Dort lagen Sammelbilder von Tieren oder Sportler:innen. „Junge Leute können ausführlich über ihre Fußballhelden sprechen, aber wenn sie nach Wissenschaftler:innen gefragt werden, fällt ihnen höchstens Albert Einstein ein.“ Das möchte Yarrow mit den SuperScientists ändern: „Kinder sollen erfolgreiche Forscher:innen kennenlernen, deren Geschichte ihrer eigenen ähnelt – das kann ihnen einen Zugang zu dem Berufsfeld eröffnen.“

Yarrow, promovierter Zellbiologe, der früher zu HIV arbeitete, hat drei Kinder zwischen drei und zwölf Jahren. Er weiß: „Kinder leben in der Welt der Superheld:innen aus Comics und Marvel-Filmen. Aber die Menschen, die wirklich Superkräfte haben, sind doch Wissenschaftler:innen.“ Im Herbst 2019 brachte er die ersten Sammelkarten heraus. Sie sollen die südafrikanische Bevölkerung abbilden, daher sind die meisten SuperScientists Schwarz oder „coloured“, noch gibt es einen Überhang Schwarzer Frauen.

Eine davon ist Kolisa Yola Sinyanya. Über die Figur Nitro soll ihre Geschichte bald als Comic erzählt werden, um jungen Schwarzen Mut zu machen und ihnen zu zeigen: Ihr könnt das auch.

Als Sinyanya in den 1980ern und 90ern als Teil der Working Class in der Kleinstadt Mthatha in der Provinz Ostkap aufwächst, herrscht in Südafrika das Apartheidsystem. Der Bantu Education Act diskriminiert nicht-weiße Kinder und Jugendliche: Sie erhalten eine schlechtere Schulbildung als weiße. Auch deshalb ist Kolisa Yola Sinyanya, heute 37 Jahre alt, nur eine der wenigen Schwarzen Ozean-Forscherinnen. „Als ich aufwuchs, hatte ich keine Vorbilder“, sagt sie. Mit ihrem rechten Zeigefinger tippt sie auf die dunkle Haut ihres Unterarms, „jetzt möchte ich genau dieses Vorbild für andere sein.“

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Heldin der Ozeanforschung

Die goldene Krone auf Nitros Kopf formt die Worte OceanWomxn. Der Verweis war Sinyanya wichtig. Das Stipendienprogramm OceanWomxn der Universität Kapstadt fördert sie und sieben andere Schwarze Meeresforscherinnen. Im Agulhasstrom des südwestlichen Indischen Ozeans untersucht sie die Konzentration von 15N in Plankton aus Algen, um zu messen, wie viel Kohlenstoff die Einzeller mittels Fotosynthese in Sauerstoff umwandeln. Das gibt Aufschluss über die Auswirkungen der Erderhitzung. Denn die steigenden Wassertemperaturen verändern diese Prozesse. „Ozeane nehmen mehr Kohlenstoff auf als alle Wälder der Welt zusammen“, sagt Sinyanya. Im Hintergrund ihrer Superheld:innen-Karte zeigt eine Mikroskop-Aufnahme Phytoplankton bei der Fotosynthese.

Mittlerweile gibt es Sammelkarten von 41 SuperScientists verschiedener naturwissenschaftlicher Disziplinen, etwa Astrophysik, Immunologie oder Verhaltenswissenschaften, auch Politikberater:innen sind dabei, wie Dorothy Mbori-Ngacha, eine kenianische HIV-Expertin von Unicef. Die meisten arbeiten in Südafrika, andere in Kenia, Uganda oder Botswana. Yarrow ist ein panafrikanischer Ansatz wichtig: „Junge Menschen sollen eine größere Welt sehen.“

An den Supermarktkassen liegen die Karten noch nicht. Zu manchen gibt es Ausmalhefte, Kalender und Unterrichtsmaterial. Schulen oder Eltern bestellen oder downloaden sie kostengünstig, manche sind umsonst. 5.000 Kalender wurden verteilt, zusätzlich 9.000 Karten und Hunderte Poster und Ausmalbücher. Das Projekt stemmt Justin Yarrow fast komplett allein, die Kosten für den Haupt-Illustrator Curtis Bonhomme oder den Druck deckt er über Förderprogramme. Bisher gibt es die Karten auf Englisch, Freiwillige haben ein paar in die Bantusprache isiZulu übersetzt. „Ich möchte die Inhalte noch mehr Menschen zugänglich machen, indem wir sie übersetzen“, sagt Yarrow. Doch finanziell ist es eng. Gerne möchte er weitere SuperScientists malen lassen, 50 neue Forscher:innen haben sich beworben oder wurden von Kolleg:innen oder Freund:innen nominiert.

Internationale Aufmerksamkeit

Was haben die Wissenschaftler:innen davon? Als Yarrow vor gut zwei Jahren bei den ersten anfragte, waren manche zunächst skeptisch. Würden sie als Comicfiguren in hautengen Anzügen ihre Seriosität einbüßen? „Das braucht schon ein gewisses Selbstbewusstsein und man muss über sich lachen können“, sagt Yarrow. Für das erste Kartenset konnte er seine Frau gewinnen, Emily Wong, die zu HIV und Tuberkulose forscht, sowie drei ihrer Kolleg:innen. Sie hatten Spaß – und merkten: Plötzlich wurden sie und ihre Arbeit für jüngere Kolleg:innen und Student:innen interessanter, die sie zu Forschungsfragen ansprachen. Sogar Schüler:innen suchten Rat für eine Karriere als Wissenschaftler:in. Mittlerweile findet Yarrows Projekt international Beachtung: 2020 etwa stellte er die SuperScientists mit seinem damaligen Mitarbeiter Mandisi Heshu beim renommierten Wissenschaftkongress Falling Walls in Berlin vor.

Damit unter den Nachwuchswissenschaftler:innen künftig mehr nicht-weiße Menschen sind, engagiert sich Ozeanforscherin Kolisa Yola Sinyanya auch auf sozialen Medien als Nitro: „SuperScientists will Schwarzen Kindern zeigen, was sie alles werden können.“ Etwa Ozeanforscherin, so wie sie. „Unsere Rolle ist es zu zeigen: Wir sind hier, du kannst das auch. Und noch dazu macht es verdammt viel Spaß.“

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