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28 April 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Digitale Universität für politisch Verfolgte

„Im Internet gibt es keinen Pass oder Zoll – es gibt keine Grenzen“

Studierende organisieren immer wieder Proteste gegen die Einmischung von Staatschef Erdoğan, wie hier am 27. März 2021, nachdem dieser einen Parteikollegen zum neuen Rektor der Bosporus-Universität ernannte.

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Tuba İnal Çekiç ist eine von 25 Gründer:innen der Off-University – eine digitale, unabhängige Bildungsplattform für gefährdete Akademiker:innen, denen das Reisen, Lehren und der Kontakt zu Studierenden von ihren Regierungen untersagt wurde. Hier berichtet Çekiç von der Gründung und Entwicklung des Projekts.

„Die Off-University oder auch ‚Universität ohne Grenzen‘ entstand 2017 in Folge der als ‚Säuberungen‘ betitelten Entlassungen von türkischen Akademiker:innen durch die Regierung. Als „Academics for Peace“ unterzeichneten wir eine Petition, die forderte, den Konflikt mit der kurdischen Minderheit im Osten der Türkei beizulegen – was das türkische Regime als Terrorismus wertete. Tausende wurden drangsaliert und suspendiert, viele verhaftet und inhaftiert. Als vielen schließlich das Reisen, Lehren und der Kontakt zu den Studierenden untersagt wurde, schloss ich mich mit 24 Kolleg:innen in Deutschland und der Türkei zusammen, um eine Internet-Uni zu gründen. Hier erhalten Studierende Zugang zu unabhängiger Lehre und wahren ihre Anonymität, das heißt, es gibt keine Weiterverfolgung von Daten oder IP-Adressen. Im Lehrplan finden sich zahlreiche Veranstaltungen, die in der Türkei als Tabu gelten, zum Beispiel zur Genderforschung.

Wenn die Regierung uns von der Universität verbannt, dann gründen wir eben eine neue
Tuba İnal Çekiç

Die Idee kursierte schon, wir haben sie nur umgesetzt. Einige meiner Kolleg:innen waren genau wie ich bereits in Deutschland, als wir entlassen wurden. Wir konnten nicht mehr reisen, wir konnten unsere Student:innen nicht mehr erreichen und nicht mehr mit unseren Kolleg:innen kollaborieren. Viele von ihnen waren noch im Land und konnten weder ausreisen noch weiter unterrichten. Wir wussten, dass wir uns treffen müssen, etwas unternehmen müssen, um unsere Student:innen wieder zu erreichen und den Unterricht fortzuführen. Als Wissenschaftlerin empfinde ich das Lehren und Forschen als meine verpflichtende Aufgabe. Schließlich kamen wir darauf: Wenn wir nicht mehr reisen dürfen, machen wir das online. Wenn die Regierung uns von der Universität verbannt, gründen wir eben eine neue Universität! Im Endeffekt haben wir diese Zwischenlösung gefunden: eine Universität, die online ist und damit viel liberaler sein kann. Im Internet gibt es keinen Pass oder Zoll – es gibt keine Grenzen. Wir können Student:innen überall auf der Welt erreichen und mit Kolleg:innen überall auf der Welt zusammenarbeiten.

So kam es, dass wir im Mai 2017 die Organisation gegründet und sie im Oktober 2017 mit unserer ersten Online-Konferenz vorgestellt haben. Inzwischen gibt es durch Corona viele Lehrveranstaltungen im Internet, aber damals war das für alle neu und wir konnten viele Menschen erreichen. Für den Auftakt haben wir das Thema Frieden gewählt, weil das unsere zentrale Motivation war.

Tuba İnal Çekiç

Für ihr Sabbatjahr zog Çekiç 2016 nach Deutschland und arbeitete am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Sie war bereits ausgereist, als sie von der Technischen Universität Yildiz in Istanbul verbannt wurde. Inzwischen besitzt die Sozialwissenschaftlerin wieder einen gültigen Reisepass.

Obwohl sich seit damals viel geändert hat, gibt es immer noch Probleme mit der akademischen Freiheit. Viele Wissenschaftler:innen sind gefährdet – Wissen ist gefährdet. Wir arbeiten mit Kolleg:innen aus Syrien, Belarus, Aserbaidschan und der Türkei zusammen. Manche von ihnen sind nach wie vor im Land, andere im Exil. Auch unsere Student:innen brauchen häufig Schutz, da viele von ihnen in Ländern leben, in denen Lehrende als Terrorist:innen bezeichnet werden oder Kursinhalte tabuisiert sind. Zum Beispiel in der Türkei, in China oder Korea. Daher ist unsere Plattform so organisiert, dass Anonymität gewahrt werden kann. Dieser Schutz hat für uns höchste Priorität und ermöglicht uns, kritische Lehre für Student:innen in autoritär regierten Ländern zugänglich zu machen.

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Nicht alle Kurse sind Teil des Angebots deutscher ‚Gastgeber-Universitäten‘. Dennoch erhalten die Teilnehmer:innen Zertifikate, mit denen sie sich die Punkte anrechnen lassen können. Momentan ist das Wintersemester 2021/22 in Planung. Thematisch wird der Fokus auf der Friedens- und Genderwissenschaft und dem Thema ‚Universität neu denken‘ liegen. Außerdem wollen wir mehr Forschung in die Kurse und unsere Arbeit einbauen, wobei wir die Studierenden mit einbeziehen wollen. Wir hoffen, dass die angespannte Situation in der Türkei und die Gefährdung der freien Lehre eine Chance sein kann, die Unabhängigkeit und Strukturen von Universitäten neu zu denken.“