Startseite/Gesellschaft/Bildung & Lehre
6 Dezember 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Debatte um die deutsche Erinnerungskultur

Mehr Verantwortung, nicht weniger

Eine rote Kerze auf einer Stele des Holocaust Mahnmals in Berlin erinnert an die ermordeten Juden und Jüdinnen Europas bei einer Gedenkveranstaltung zum 76. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.

Bild: IMAGO / IPON

Bild: IMAGO / IPON

Seit Monaten tobt in den Feuilletons eine Debatte um deutsche Erinnerungskultur – wie gedenken wir des Holocaust, wie der deutschen Kolonialgeschichte? Der Historiker Gil Shohat plädiert für ein vielfältiges Erinnern, bei dem die Einzigartigkeit der Shoah* nicht aus dem Blick gerät. Ein Gespräch.

*Der Begriff Shoah bezeichnet  den Völkermord an Juden und Jüdinnen. Der Begriff Holocaust dagegen bezieht oft auch die Ermordung anderer im Nationalsozialismus verfolgter Gruppen mit ein.

Herr Shohat, der Artikel im Zentrum der Debatte ist der „Katechismus der Deutschen“ des australischen Historikers Dirk Moses. Seine These ist, dass wir uns in Deutschland hinter einer Art pseudoreligiösen Primär-Erinnerungskultur des Holocaust verstecken, um unsere kolonialen Verbrechen nicht aufarbeiten zu müssen. Manche werfen Moses Holocaustrelativierung vor. Was meinen Sie?

Ich teile seine These so nicht. Die deutsche Erinnerungskultur wurde keineswegs „kultartig“ von oben diktiert, sondern es gab eine Bewegung von unten. Vor allem die Geschichtswerkstätten in den 80er-Jahren, in denen Menschen angefangen haben die Nazivergangenheit aufzuarbeiten, waren ein Durchbruch. Zuvor stießen viele Juden und Jüdinnen, etwa der Shoah-Überlebende und Historiker Joseph Wulf, meist auf taube Ohren. Gleichzeitig ist es selbstverständlich richtig, dass es andere Opfergruppen gibt, die unter anderem in der europäischen Kolonialzeit, aber auch in der NS-Zeit schreckliche Gewalt erfahren haben, über die erst seit relativ kurzer Zeit gesprochen wird. Die Shoah und der Kolonialismus stehen wiederum in zeitlicher Kontinuität und in einem räumlichen Verhältnis zueinander. Die Frage des direkten Vergleichs dieser Phänomene ist im deutschen Kontext sehr umstritten, weil natürlich jede Form der Kontextualisierung auch eine Form der Relativierung darstellen kann. In der historischen Genozidforschung ist es jedoch längst Praxis, Dinge aufeinander zu beziehen, nicht um sie gleichzumachen, sondern um sie in ihrer Bedeutung zu schärfen. Wir können ja auch nur sagen, dass die Shoah einzigartig ist, weil das erst im Vergleich zu anderen Genoziden sichtbar wird. Indem wir vergleichen, können wir Spezifika herausarbeiten. Indem wir gleichsetzen, berauben wir Phänomene ihrer Bedeutung.

Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

Der Historiker Jürgen Zimmerer hat etwa vor zehn Jahren einen Sammelband herausgegeben mit dem Titel Von Windhuk nach Auschwitz?. Dort geht es unter anderem um die Konzentrationslager in Namibia, in denen deutsche Kolonialsoldaten Ovaherero und Nama internierten und verhungern ließen. Das Fragezeichen am Ende des Titels ist wichtig, dennoch suggeriert der Titel eine Kausalitätslinie, die es in dieser Form nicht gab. Wir wissen aus der Forschung, dass es zwischen deutschen Kolonialverbrechen und der Shoah gravierende Unterschiede gab. Anders als in der NS-Diktatur gab es in den Kolonien keine Vernichtungslager. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und europäischen Kolonialismus und dem Nationalsozialismus, etwa die Existenz von Konzentrations- und Arbeitslagern in beiden Unrechtskontexten. Wir wissen zudem, dass die Rassentheorie und die Abwertung von Minderheiten in der NS-Zeit zum Teil auf Theorien basieren, die ihren Ursprung in der Zeit des europäischen Kolonialismus und der Sklaverei in den USA haben, etwa in der sogenannten „Theorie von der Ungleichheit der Menschenrassen“ von Arthur de Gobineau. Beschreibt man diese Kontinuitäten, nicht Kausalitäten, darf das aber keine Gleichsetzung sein.

Newsletter-Banner-4

Zimmerer plädiert für mehr deutsche Verantwortung, nicht weniger. Auch der jüdische Holocaust-Forscher Michael Rothberg setzt sich für eine „multidirektionale“, also eine pluralistische Erinnerungskultur ein. Wie können wir uns einer solchen Erinnerungskultur annähern?

Indem wir uns der vielfältigen Berührungspunkte bewusst werden. Ich forsche selbst über antikolonialen, panafrikanischen Widerstand gegen den Kolonialismus im Großbritannien der 1930er- und 1940er-Jahre. Dieser Widerstand hat sich immer wieder mit den Juden und Jüdinnen solidarisiert, die im Nationalsozialismus in Europa verfolgt wurden, noch bevor die Verfolgung in der Shoah kulminierte. Die Aktivist:innen waren überzeugt, dass man den Faschismus in Europa nicht glaubwürdig bekämpfen könne, wenn man nicht gleichzeitig den „kolonialen Faschismus“ im Empire bekämpfe. Dem stimmten jüdische Aktivist:innen in Großbritannien zu. Überdies sind dem Vernichtungswahn der Nazis neben den Juden und Jüdinnen auch zum Beispiel Hunderttausende Sinti:ze und Rom:nja zum Opfer gefallen. Da gibt es klar eine rassistische Kontinuität in die heutige Zeit, die dazu führt, dass wir der Verbrechen an ihnen oder an den Ovaherero und Nama nicht so gedenken, wie wir das sollten. Das ist aber ja keine Kritik an den Opfern der Shoah, es ist keine Relativierung der Shoah, sondern es beschreibt eine mangelnde Verantwortung post-nazistischer und post-imperialer Gesellschaften.

Auch auf enorm: Tschüss, Kolonialismus: Durch Widerstand unser koloniales Erbe überwinden

An unseren Schulen wird wenig über den Kolonialismus gesprochen. Weder über die Verbrechen in den Übersee-Territorien, noch über den NS-Kolonialismus in Osteuropa, der den jahrhundertealten Antislawismus in Deutschland fortführte. Hitler begründete die Ostbesatzung mit der „Primitivität“ der Slaw:innen, die er mit den Indigenen Nordamerikas verglich.

In der Tat ist unser deutsches koloniales Erbe sehr komplex. Auch die postkoloniale Bewegung hat Probleme damit, es gänzlich aufzuarbeiten. Der Antislawismus ist ein Rassismus, der von Vertreter:innen der postkolonialen Theorie teilweise nicht gesehen wird, weil es sich nach heutigem Verständnis um einen Rassismus von Weißen gegen Weiße handelt. Doch rassistische Kategorien waren immer historisch wandelbar. Wir können daher postkoloniale Denkfiguren aus den USA eben nicht eins zu eins auf den deutschen Kontext anwenden, denn wir haben eine andere Vergangenheit. Wir brauchen eine Erinnerungskultur, die all diese Facetten herausarbeitet.

Es fällt in diesem Zusammenhang oft der Begriff der Opferkonkurrenz. Gibt es keine Opfersolidarität? 

Mein Eindruck ist, dass ein Teil der Generation, die sich der Aufklärung über die Shoah verschrieben und dabei zweifellos unheimlich viel erreicht hat, nun um ihr historisches Erbe bangt, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Wie bei allen Meinungskämpfen geht es um Repräsentationsansprüche und Deutungsmacht. Darin reflektieren sich Veränderungen in der deutschen Gesellschaft, deren Vielfalt heutzutage sichtbarer ist als noch vor dreißig Jahren. Ich habe etwa mehrmals einen israelisch-stämmigen und einen palästinensisch-stämmigen Konfliktpädagogen in Schulen begleitet. Gemeinsam geben sie Workshops über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Viele der Schüler:innen hatten dabei einen libanesischen oder palästinensischen Hintergrund. Sie tragen ganz andere Erinnerungsmomente, etwa in Bezug auf die Geschichte des Nahostkonflikts, in sich als die sogenannte weiße Mehrheitsgesellschaft. In den Workshops hatten die Schüler:innen erstmals das Gefühl, dass ihnen zugehört wird. Ihre Perspektiven sind aber in der politischen und wissenschaftlichen Debatte nicht präsent und finden in unserer Erinnerungskultur zu wenig Gehör. Es ist unsere Aufgabe, dieser Pluralität noch mehr Raum zu geben.

Vor der Debatte um Moses gab es 2020 die Diskussion um Achille Mbembe, einen der wichtigsten afrikanischen Kolonialismus-Experten. Der Vorwurf: Er sei Antisemit, weil er die Siedlungspolitik Israels in Palästina als eines der schlimmsten Verbrechen unserer Zeit bezeichnete und sie mit der Apartheid in Südafrika verglich.

Ich finde es einerseits durchaus unglücklich, wie arglos Mbembe – an einigen wenigen Stellen seines umfangreichen und teilweise schwer zugänglichen Werkes – über die Situation in Israel und Palästina schrieb. Aber die Art und Weise, wie er dann diskreditiert wurde, steht dazu in keinem Verhältnis. In seinem politischen und intellektuellen Umfeld, nämlich in der Anti-Apartheid-Bewegung, ist Solidarität mit der palästinensischen Sache völlig normal und verbreitet. Es ist eine andere Sichtweise auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, weit entfernt vom deutschen Standpunkt. Man muss diese Position nicht teilen, sollte sich jedoch mit ihr auseinandersetzen. Das bedeutet gleichzeitig natürlich nicht, dass damit antisemitische Muster, die auch in einer Kritik der israelischen Politik vorkommen können, normalisiert werden sollen. Es geht dabei auch um die sehr umstrittene und emotional aufgeladene Frage, was als antisemitisch gedeutet werden soll und was nicht.

Die Debatte ist offenbar auf allen Seiten vergiftet.

Ja, und leider nutzen das konservative Kreise in Deutschland, etwa die Springer-Presse, um uns zu spalten. Die Entwicklungen rund um die zuvor erwähnte Causa Mbembe ist ja nur eines der Beispiele dafür. Zum Glück versuchen einige antirassistische Bündnisse, diese Opferkonkurrenz unter Minderheiten zu überwinden. Wir brauchen dafür etwa Safe Spaces für den respektvollen Austausch unterschiedlicher Geschichten. Ich selbst wirke gerade bei dem Projekt StreitRaum mit. Das ist eine Kooperation des Kompetenzzentrums Prävention und Empowerment, einer Initiative der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, mit Each One Teach One, einem Empowerment-Projekt für Schwarze und afrodiasporische Menschen, und dem Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk. Hier schaffen wir für Schwarze und jüdische Akteur:innen einen Raum, in dem sie sich über das teilweise schwierige Verhältnis von anti-Schwarzem Rassismus und Antisemitismus austauschen können. Des Weiteren hat sich in diesem Jahr auch die Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD) gegründet, ein von der Stiftung Dialogperspektiven initiierter Zusammenschluss von Intellektuellen, Forscher:innen und Künstler:innen, um öffentlichkeitswirksam für eine pluralistische Erinnerungskultur zu streiten. Diese und andere Initiativen setzen sich dafür ein, eine Vielzahl an Erinnerungsmomenten und ihre Verflechtungen der Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen. Glücklicherweise wächst das Interesse an solchen Projekten, das zeigen nicht zuletzt die höheren Fördermittel. Aber es ist noch ein weiter Weg. 

Dieser Text erschien in der Ausgabe Oktober/November 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Tschüss, Kolonialismus“.

Hilf enorm!

Unterstütze konstruktiven Journalismus

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, möchten wir die Inhalte auf enorm-magazin.de frei zugänglich halten und auf Bezahlschranken verzichten. Hilf uns mit deinem Beitrag dabei!

Hilf enorm!