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3 January 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Studieren mit Sinn

Ihr habt mehr Macht, als ihr denkt

Erst nach dem Studium die Welt verbessern? Claus Dierksmeier plädiert schon an der Uni die Welt zum besseren Ort zu machen

Titelbild: Faustin Tuyambaze / Unsplash

Titelbild: Faustin Tuyambaze / Unsplash

Claus Dierksmeier, Professor für Globalisierungs- und Wirtschaftsethik und Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen, über den Sinn des Studierens heute

Professor Dierksmeier, früher warfen Studierende Steine, wenn sie die Weltverändern wollten. Heute gründen sie Start-ups. Was ist besser?

Das Zweite. Aber: Studenten sollen sich nicht damit zufriedengeben, neben dem Studium die Welt verbessern zu wollen, sie sollten es auch im Studium tun.

Mit vorgegebenem Lehrplan im Bologna-Korsett?

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Aus dem 19. Jahrhundert stammt die Forderung, man solle nicht ein „Brotgelehrter“ sein, der nur um des später damit zu verdienenden Geldes willen lernt. Die Studierenden, die ich erlebe, teilen dieses Ideal. Sie möchten studieren, um die Welt zu verstehen und zu verbessern. Sie wollen an der Uni etwa lernen, wie sie ökologische und soziale Nachhaltigkeit in ihrem Fach und in ihrem späteren Beruf fördern können.

Also braucht es zusätzliche Lehrveranstaltungen?

Die Ergänzung des Curriculums um soziale, ethische und ökologische Belange kann nur ein erster Schritt sein. Wir sollten nicht nur frische Pflaster auf eine unbehandelt bleibende Wunde kleben. Nehmen wir als Beispiel die Wirtschaftswissenschaften. Alle Standardkurse beruhen auf dem gleichen materialistischen Menschen- und Weltbild. Um der studentischen Nachfrage willen aber setzt man an den Rand des Curriculums dann bisweilen noch einen Kurs in Corporate Responsibility oder Business Ethics. Das führt zu intellektueller Schizophrenie: Alle lehren das rationale Verfolgen von Eigeninteresse, ein einziger Kurs dagegen Verantwortung und Moral. Besser wäre die Querintegration von Wertfragen in alle Fächer.

Die Ökonomik – ein typisches oder ein abschreckendes Beispiel?

Die Ökonomik ist stellvertretend und trendstiftend für die Sozialwissenschaften. Aber auch und gerade in den MINT-Fächern tut man sich schwer im Umgang mit Wert- und Orientierungsfragen. Vom humanistischen Bildungsideal hört man da wenig. In vielen Fächern wird so getan, als gäbe es ein festes Set an Methoden, das nicht hinterfragt werden kann. Kritisches Denken und selbständiges Urteilen fördert man so nicht gerade.

Früher war alles besser?

Früher war es auf jeden Fall üblich, Studierenden zu zeigen, mit welchen Methoden, je nach Frage- und Problemstellung, man forscht und „Wissen schafft“. Seit Bologna aber stehen solche Themen nicht mehr hoch im Kurs und man achtet eher darauf, viel prüfungsrelevantes Wissen einzutrichtern. Für eine Ausbildung der Studierenden zu verantwortungsbewussten Weltbürgern wäre es hingegen wichtiger, ihnen zu zeigen, wie sie aus einer Pluralität von Sichtweisen und Methoden die für ihre Belange jeweils angemessene ermitteln sowie einsetzen.

Inwiefern können Studierende dazu beitragen, dass Universitäten sich auf eine bessere Lehre besinnen?

Studierende können entweder mit den Füßen abstimmen und zu Unis mit pluralistischen Angeboten wechseln oder sich in Initiativen organisieren, um eigene Lehrveranstaltungen aufzugleisen und Druck auf die Hochschulleitung auszuüben. Das wirkt. Studierende haben deutlich mehr Macht als viele von ihnen glauben. Aber: In den Studierendeninitiativen muss oft immer wieder ganz von vorn angefangen werden, weil die Gründergeneration mit dem Studium fertig ist oder ein Auslandssemester macht. Für nachhaltigen Erfolg brauchen die Initiativen ein institutionalisiertes Gedächtnis davon, wie man Funding, Werbung, Stakeholder Management und Ähnliches meistert. Vernetzung ist wichtig: Vermutlich stehen andere Studierendengruppen oft vor den gleichen Herausforderungen wie man selbst. Aber wenn die Organisationen nichts voneinander wissen, macht jeder sein Mini-Event, anstatt zusammen etwas Größeres zu stemmen.

Und wer vernetzt? Wer erinnert?

Am Weltethos-Institut in Tübingen haben wir dafür die World Citizen School eingerichtet. Sie dient als Hub für Studentenorganisationen, welche die Uni im Kleinen oder die Welt im Großen verändern wollen. Wir fördern diese Gruppen ideell, logistisch und im Rahmen unserer Möglichkeiten auch finanziell. Die World Citizen School hilft zum Beispiel dabei, den Generationenübergang zu organisieren und stärkt die Synergien zwischen den Initiativen. In Tübingen war dieser Ansatz von Anfang an ein heller Erfolg, und wir sind gerade dabei, ihn auf andere Universitäten auszuweiten.

Woran erkennen Sie, ob ein Studierender Potenzial hat? Wem geben Sie persönlich Mentoring?

Brillanz ist ein wichtiges, aber kein hinreichendes Kriterium. Wenn wir Studierende nicht nur benoten, sondern als Mentor begleiten sollen, müssen wir uns selbst für sie und ihre Anliegen begeistern. Dafür ist die intrinsische Motivation der Studierenden sehr wichtig: Also Lernen nicht nur um des späteren Einkommens, sondern um der Sache selbst und der Erkenntnis willen. Das ist ansteckend und überträgt sich auf uns Dozenten.

Und das spüren Professoren?

In der Regel schon. Wer den harten Weg zur Lebenszeitprofessur auf sich nimmt, setzt sich lange Jahre großer beruflicher wie finanzieller Unsicherheit aus. Das macht nur, wer von starken intrinsischen Motiven getrieben ist. Und diesen Geist erkennen wir dann auch an unseren Studenten wieder. Wer begeistert studiert, hat eine relativ große Chance, Professoren für sich zu interessieren.

Zum Schluss: Haben Sie noch einen Tipp, was man am besten studieren sollte?

Nicht studieren, was der Arbeitsmarkt im Moment gerade nachfragt. Das ändert sich sowieso, bis man fertig ist. Sondern das, wofür man Leidenschaft empfindet. Leidenschaft spornt an und führt zu überdurchschnittlichen Leistungen. Zudem ist sie eben jene Begeisterung, nach der Dozenten Ausschau halten.