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11 August 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Gesprächsöffner

19 Kinder- und Jugendbücher zum Thema Rassismus

Illustration aus dem Kinderbuch „Nelly und die Berlinchen“ von Karin Beese und Mathilde Rousseau. Karin Beese publizierte das interkulturelle und diskriminierungsfreie Buch im Eigenverlag. Mittlerweile gibt es auch einen zweiten Band.

Bild aus „Nelly und die Berlinchen“ © HaWandel Verlag | Illustration: Mathilde Rousseau

Bild aus „Nelly und die Berlinchen“ © HaWandel Verlag | Illustration: Mathilde Rousseau

Um über Rassismus zu sprechen, ist man nicht zu jung. Diese Bücher können Gesprächsöffner sein – für Kinder und Erwachsene.

Seit 2012 bin ich auf der Suche nach progressiven und vielfältigen Kinderbüchern. Für meine Kinder, für meine Schüler*innen und für das Blogkollektiv buuu.ch. Mittlerweile gibt es dort ein umfangreiches Archiv von gendersensiblen, inklusiven, feministischen, intersektionalen, diskriminierungsfreien, klischeearmen und diversen Büchern für junge Leser*innen.

Um es zu erweitern und aktuell zu halten, wühle ich mich jede Saison durch sämtliche Verlagsprogramme. Von den zahlreichen Neuerscheinungen erfüllt allerdings nur ein kleiner Bruchteil unsere Kriterien und kommt für eine Empfehlung in Frage. Die Bücher, die ich vorstellen will, sollen keine Stereotypen und Klischees reproduzieren und marginalisierte Charaktere und Lebensrealitäten nicht ausschließen. In ihnen sollen möglichst viele verschiedene Kinder sich und ihre Wirklichkeit wiederfinden und andere wiederum ihre Perspektive erweitern können.

In den vergangenen Tagen bekam ich unzählige Anfragen zu Kinderbüchern, die sich kritisch und explizit mit Rassismus auseinandersetzen und als Gesprächsanlass für eine notwendige Auseinandersetzung mit Kindern mit dem Thema dienen können. Ich wünschte, ich könnte eine umfangreiche Empfehlungsliste runterrattern. Das kann ich allerdings nicht. Es gibt praktisch keine deutschsprachigen Kinderbücher zu dem Thema. Ich kann dann nur auf englischsprachige Ressourcen verweisen.

Kinder of Color nur in Nebenrollen

Im deutschsprachigen Kinderbuchmarkt hat sich in den vergangenen Jahren im Hinblick auf Diversität durchaus etwas getan. Während 2013 noch ernsthaft kontrovers darüber diskutiert wurde, ob man in Neuauflagen älterer Werke rassistische Begriffe streichen soll, gab es in neueren Kinderbüchern durchaus Kinder of Color zu entdecken. Meistens fungierten sie jedoch nur in Nebenrollen.

Immer wieder erschienen Bücher mit Protagonist*innen, die einer marginalisierten Gruppe angehören, die durch ihr „Anderssein“ definiert werden und eine problematisierende Geschichte erzählen. Rassismus wird dabei allerdings nie konkret benannt.

Gerade in letzter Zeit sind erfreulicherweise einige Werke erschienen, in denen Kinder im Mittelpunkt stehen, deren Vielfaltsmerkmale in der Geschichte keine Rolle spielen, die einfach nur sie selbst sein dürfen. So weit, so erfreulich. Interessant zu beobachten ist dabei allerdings, dass die allerwenigsten Geschichten #ownvoices sind.

#ownvoices

Unter #ownvoices empfehlen sich Menschen auf Twitter Bücher über diverse Charaktere, die von Autor*innen derselben Gruppe geschrieben wurden. Mittlerweile wurde eine Bewegung daraus, die wichtige Sachverhalte ans Tageslicht bringt. Im Hinblick auf das Thema Rassismus zum Beispiel die Tatsache, dass Nicht-Betroffene Geschichten erzählen und illustrieren und Betroffene dadurch selbst nicht zu Wort kommen und ihre wichtige Perspektive präsentieren können und in weiterer Folge auch kein Geld mit diesen Geschichten verdienen. Wem es ein Anliegen ist, das eigene Kinderbuchregal zu diversifizieren, sollte nicht nur darauf achten, wie die Kinder im Buch aussehen, sondern auch im Blick behalten, wie es hinter den Verlagskulissen aussieht.

Ich habe allerdings Hoffnung. Bis vor wenigen Jahren war es superschwer, Kinderbücher mit starken weiblichen Protagonist*innen zu finden. Die „Good Night Stories For Rebel Girls“ haben einen Trend ausgelöst, mittlerweile hat fast jeder Verlag ein ähnliches Werk im Programm. Viele trauen sich immer wieder, neben all dem üblichen Kram, das eine oder andere explizit feministische Buch herauszubringen. Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich dieses Jahr für antirassistische Bücher. Und dann am Besten bitte gleich welche, die auch von Schwarzen Menschen geschrieben und illustriert wurden!

Englischsprachige Kinderbücher zum Thema Antirassismus

„This Book Is Anti-Racist: 20 lessons on how to wake up, take action, and do the work“ von Tiffany Jewell

Was ist Rassismus? Woher kommt er? Warum existiert er? Was kann ich dagegen tun? Wo stehe ich in diesem System? Mit diesen und vielen anderen Fragen setzt sich das Sachbuch auseinander und begleitet junge Leser*innen auf ihrem Weg, zu einer gerechten und freien Welt beizutragen.

„Intersectionallies: We Make Room for All“ von Chelsea Johnson

Das Bilderbuch bricht das den akademischen Begriff Intersektionalität verständlich und für Kinder fassbar herunter. Es zeigt aus unterschiedlichen Gründen marginalisierte Protagonist*innen, die sich gegenseitig unterstützen: Denn Platz ist für alle!

Deutschsprachige Kinderbücher als Gesprächsöffner zum Thema Rassismus

„Das Wort das Bauchschmerzen macht“ von Nancy J. Della

Ein Vorlese- und Selbstlesebuch für ältere Kinder über diskriminierenden Sprachgebrauch. Eines der wenigen deutschsprachigen #ownvoices-Bücher zum Thema, wahrscheinlich das einzige.

„Maya Angelou: Little People, Big Dreams. Deutsche Ausgabe“ von Lisbeth Kaiser

Die Bilderbuchbiografien einiger inspirierender Schwarzer Persönlichkeiten (unter anderen Rosa Parks, Muhammad Ali, Maya Angelou) eignen sich als Einstieg in die Auseinandersetzung mit Rassismus.

„Der Bus von Rosa Parks“ von Fabrizio Silei und Maurizio A. C. Quarello

Die wichtige Episode in der Geschichte der Schwarzen Bevölkerung Amerikas anschaulich und kindgerecht erzählt.

Deutschsprachige Jugendbücher zum Thema Rassismus

„Schamlos“ von Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz

Drei junge norwegische Feministinnen schreiben gegen Rassismus, Patriarchat und soziale Kontrolle an und thematisieren die Zerrissenheit, die sie empfinden, weil sie es weder der norwegischen Mehrheitsgesellschaft noch ihren muslimischen Familien recht machen können.

„The Hate U Give“ von Angie Thomas

DER starke und widerständige Jugendroman über Polizeigewalt und Rassismus in den USA. Ebenso lesenswert auch das zweite Buch der Autorin: On the come up.

Deutschsprachige diverse Kinderbücher

„Ich bin anders als du – Ich bin wie du“ von Constanze von Kitzing

Das Wendepappbilderbuch setzt sich auf kluge Art mit dem Thema „Anders sein“ auseinander. Viele unterschiedliche Kinder können sich und andere Kinder in dieser Lektüre über Individualität und Gemeinschaft wiederfinden.

„Odo“ von Kayan Kodua

„Kinderbücher sollten Spiegel der Welt und Fenster zur Welt zugleich sein. Ein Spiegel, mit dem Kinder lernen können, ihr Leben zu reflektieren, und ein Fenster, welches ihnen die Chance gibt, das Leben eines anderen Kindes kennenzulernen“, sagt Dayan Kodua und erzählt in diesem stimmungsvollen Bilderbuch über eine geborgene ghanaische Kindheit.

„Ich so du so: Alles super normal“ von Labor Ateliergemeinschaft

Ich so, du so ist ein abgefahrenes Sach-, Mitmach,- und Nachdenkbuch zum Thema Normalität. Subversiv, witzig, unaufgeregt aber radikal nähern sich die Autor*innen dem Thema an und und vermitteln: Normalität ist eine Frage der Perspektive!

„Geh weg, Herr Berg!“ von Francesca Sanna

Lily ist ein Schwarzes Mädchen, doch die Tatsache spielt im Buch keine Rolle. Vielmehr geht es die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Kind und einem uralten Berg.

„Warum weint der Papa“ von Kristina Murray Brodin und Bettina Johansson

Eine berührende Geschichte über Empathie aus Schweden. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit denen die Autor*innen Vielfalt auf sämtlichen Ebenen abbilden ist grandios.

„Kalle und Elsa“ von Jenny Westin Verona

Ebenfalls aus Schweden, wunderschön und kommen ohne Klischees aus: Die fantastischen Alltagsabenteuer (mittlerweile gibt es 3 Bände) zweier bester Kindergartenfreund*innen.

„Julian ist eine Meerjungfrau“ von Jessica Love

Ein bemerkenswertes Werk über Individualität und Akzeptanz mit einer Hauptfigur, die fernab von Geschlechterklischees agiert – und agieren darf. Plus: Ausnahmslos alle abgebildeten Personen sind Schwarz.

„Wie siehst du denn aus?: Warum es normal nicht gibt“ von Sonja Eismann

Dieses radikale und gleichzeitig superspannende Sachbuch lädt ein, sich kritisch mit Idealbildern und Schönheitsnormen auseinanderzusetzen, erweitert den Normalitätsbegriff der Leser*innen und empowert.

„Nelly und die Berlinchen: Rettung auf dem Spielplatz“ von Karin Beese

Karin Beese publizierte das interkulturelle und diskriminierungsfreie Buch im Eigenverlag. Mittlerweile gibt es auch einen zweiten Band.

„Akissi: Vorsicht, fliegende Schafe!“ von Marguerite Abouet

Unglaublich schräg und lustig: Marguerite Abouet erzählt in dem teils autobiographischen Comic über eine ganz normalen Kindheit in Abidjan, einer Millionenstadt an der Elfenbeinküste.

„Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky

Dieses stimmungsvolle Musikbilderbuch ist wunderschöne Neuinterpretation des Ballett-Klassikers. Bemerkenswert ist, dass sämtliche Hauptcharaktere (und Ballerinas) Schwarz sind und zur Abwechslung der Bösewicht weiß.

„Mein Weg mit Vanessa“ von Kerascoët

Das textlose Werk eignet sich hervorragend als Gesprächsanlass zu Themen wie Ausgrenzung und Mobbing und darüber, was Empathie und Solidarität bewirken können.

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Dieser Text ist zuerst bei unserem Kooperationspartner EDITION F erschienen.

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