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5 Juli 2021 / Lesezeit: 5 minuten

„Gunda“, „Wer wir waren“ und „Nebenan“

Besondere Kinostarts im Sommer

Der preisgekrönte Film Gunda von Victor Kossakovsky porträtiert ein Hausschwein in schwarz-weiß. Er ist ein poetisches Plädoyer für das Recht auf Leben der Lebewesen, die wir sonst nur als „Nutztiere“ wahrnehmen.

Gunda Movie, Filmwelt Verleihagentur

Gunda Movie, Filmwelt Verleihagentur

Eigentlich sollten Werke wie „Wer wir waren“ und „Gunda“ schon im Frühjahr 2021 in die deutschen Kinos kommen, die Dreharbeiten zu „Nebenan“ verzögerten sich um fast ein Jahr. Nun hat das Warten ein Ende: Wer wir waren startet am 8. Juli, Nebenan am 15. Juli. Gunda ist ab dem 19. August in Deutschland zu sehen.

Gunda: Ganz nah dran

Eine Sau gebärt ihre Ferkel und zieht sie alleine groß ohne menschlichen Einfluss. Der Film Gunda ist eine Liebeserklärung an all jene Lebewesen, die meist auf unserem Teller landen. Filmstart: 19.08.2021

Ein Schwein liegt auf einem Haufen Stroh. Nur sein Kopf ist sichtbar, der Rest des Körpers wird von einer Stallwand aus Holz verdeckt. Minutenlang geschieht nichts. Die Kamera steht still, das Schwein scheint zu schlafen. Dann plötzlich kriecht ein Ferkel hervor, viel kleiner als das ausgewachsene Tier. Dann ein zweites und drittes. Ein Schnitt ins Innere des Stalls zeigt etwa ein Dutzend kleiner Ferkel, die Milch von den Zitzen ihrer Mutter saugen. Sie sind noch ganz jung. Gunda hat sie gerade erst geboren.

Der Name der Sau ist auch der Titel des Films, den Regisseur Victor Kossakovsky den Tieren widmet und der am 25. April 2021 in den deutschen Kinos erscheinen soll. 90 Minuten lang begleitet er die Mutter und ihre Ferkel im Stall und auf der Wiese, beim Spielen und Heranwachsen. Zwischendurch widmet er sich einigen durchs Wildgras stacksenden Hähnen sowie einer Herde grasender Rinder. Menschen sind nirgends zu sehen. In poetischen, einfühlsamen Bildern zeigt er die Nutztiere von einer natürlichen Unberührtheit, wie sie heutzutage kaum noch vorstellbar ist: Schweine, Hähne und Kühe, die in Ställen und auf Weiden in Ruhe leben und ihren freien Weg gehen können. Gunda zieht ihre Jungen ganz ungestört auf. 

Die Kamera schmeichelt den Tieren mit gestochen scharfen Detailaufnahmen: die schuppigen Krallen eines Hahnenfußes. Der ehrliche Blick eines Rindes. Die feinen, hell erleuchten Fellhaare eines Ferkels, das zum ersten Mal in seinem Leben in das Licht der Sonne tritt. Untermalt werden die Bilder mit einem bunten Geräuschteppich, der sich aus dem fröhlichen Quietschen und Fiepen der jungen Ferkel zusammensetzt. Gunda ist das detailreiche Gemälde eines Urzustandes, der heute einer Utopie zu gleichen scheint.

Kossakovsky vermittelt den Zuschauer:innen ein Gefühl für eine ethisch korrekte Nutztierhaltung, ohne dabei auf Schreckensbilder zurück zu greifen oder eine vorwurfsvolle Botschaft der Schuld auszusenden. Wenn der Regisseur mit erhobenem Finger auf jemanden zeigt, so tut er dies subtil.

Dennoch ist der Film auf seine Art eine Zumutung. Die Bilder sind schwarz-weiß, die Kamera bewegt sich nur langsam und manchmal minutenlang gar nicht, ein gesprochenes Wort gibt es nicht. All diese Elemente sind heutzutage ungewohnt für Kinobesucher:innen, die an bunte Bilder, schnelle Cuts und eine überladene Geräuschkulisse gewöhnt sind. Doch genau dieser Kontrast macht Gunda besonders. Denn wir haben uns weit weg bewegt von natürlich, langsam und ruhig. Es ist an der Zeit, dass wir zu diesem Zustand zurückkehren – zumindest in der Tierhaltung. 

Auch auf enorm: Fleisch aus dem Labor: Warten auf die Proteinwende

Wer wir waren: Appell an die Vernunft

Wer wir waren basiert auf dem gleichnamigen Essay des 2016 verstorbenen Moderators und Publizisten Roger Willemsen. Das Narrativ ist bild- und tongewaltig, dystopisch, episch. Wie gemacht für die Leinwand und die ganz großen Emotionen. Filmstart: 08.07.2021

Polarlichter, unendliche Schwärze, Stille. Wir befinden uns im Weltraum, in der International Space Station (ISS). Aus dem Off ertönt es: Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden. Randvoll mit Wissen aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns selbst.“ Dann: Eine Frau in einem weißen Schutzanzug vor verlassenen Häuserruinen. Nur Windböen unterbrechen die unheimliche Stille, die Protagonistin bewegt sich lautlos durch die unheimliche Szenerie. „Es gibt viel ungeheuerliches, aber das ungeheuerlichste ist der Mensch“, sagt sie. Erst später wird klar: Sie streift gerade durch die kontaminierte Landschaft und zerstörten Ruinen Fukushimas, wo sich 2011 Natur- und Nuklearkatastrophen ereigneten.

Sowohl die Orte, die in dem Werk von Regisseur und Drehbuchautor Marc Bauder auftauchen, als auch die sechs Protagonist:innen, sind bekannt. Sie stehen sinnbildlich für das, was im Anthropozän (oder wie es im Film betitelt wird: Kapitalozän) von Menschenhand geschaffen oder versäumt wurde. Sylvia Earle, eine Pionierin der Ozeanforschung, spricht über unsere „Ignoranz“ gegenüber den Weltmeeren – die Lunge der Erde. „Wir investieren so viel Geld in Raumfahrt und keines in Meeresforschung“, die uns dabei helfen würde, unsere Bedeutung ins Verhältnis zu setzen.

Sylvia Earle ist eine US-amerikanische Ozeanografin und Umweltaktivistin. Die 85-Jährige leitete 1970 das erste Frauenteam beim amerikanischen Unterwasser-Forschungsprojekt Tektite, bei dem sie mehrere Tage unter Wasser verbrachte. 1979 stellte sie mit einem Tauchgang zum Meeresgrund in 381 Metern Tiefe einen Weltrekord auf. Sie plädiert immer wieder dafür, die Tiefsee besser zu erforschen. Bis zum heutigen Tag waren nur drei Menschen in elf Kilometern Tiefe – im Weltall waren bislang 550 Personen.
Foto: X Verleih AG

Der deutsche ESA-Astronaut und Geophysiker Alexander Gerst berichtet von seiner Zeit in der ISS, die Erde immer im Blick: „Man sieht Bomben einschlagen, Dörfer brennen. Verrückt ist, man sieht keine Grenzen. Das ist der einzige Planet, den wir kennen, auf dem Menschen leben können, und wir haben nichts Besseres zu tun, als ihn kaputt zu machen.“ Optimismus ziehen die sechs sehr verschiedenen Expert:innen aus der Forschung – Mitgefühl, ähnlich dem Lesen und Schreiben, könne erlernt werden.

Auch auf enorm: Medizinische Forschung im All

Wer wir waren ist ein intensives, berührendes Treffen mit Alexander Gerst (Astronaut), Dennis Snower (Ökonom), Matthieu Ricard (Molekularbiologe und Mönch), Sylvia Earle (Ozeanologin), Felwine Sarr (Ökonom, Soziologe und Philosoph) und Janina Loh (Philosophin und kritische Posthumanistin). Zusammen skizzieren sie eindringlich, welche Krisen die menschliche Hybris auslöst. Offen bleibt, ob wir schnell genug handeln – geschweige denn, wie wir handeln müssten – um mit dem destruktiven Kurs zu brechen. Lösungen werden in dem Film nicht thematisiert. Er soll wachrütteln, Gänsehaut verursachen, Ungläubigkeit, Schuldgefühle und letztlich: Mut zum Wandel; Demut vor dem Ort, der uns Schutz bietet.

Dennis Snower bringt es am Rande eines globalen Wirtschaftsgipfels so auf den Punkt: „We pretend that the economy is like the state of nature – trees grow, mountains exist and so on – so, economics is a system that we simply have to accept. We have lost the idea that economies are here to serve the wellbeing of human beings.“ Anders gesagt: Was Menschen geschaffen haben, kann auch von Menschen verändert werden. Zum Wohle aller.

Nebenan: Die Rache eines Weggentrifizierten

Im Regiedebut von Daniel Brühl liefern sich ein Ostberliner Urgestein und ein arroganter Wessi ein biter-böses Duell. Fimstart: 15.07.2021

Eigentlich ist doch klar, wer hier der Verlierer ist. In einer Kneipe in Berlin-Prenzlauer Berg sitzt der Ostberliner Bruno schon morgens beim zweiten Bier. Seine Tochter ruft die Polizei, wenn er mit ihr reden will, er arbeitet nachts im Bereitschaftsdienst einer Bank, um verzweifelten Menschen aus der Bredouille zu helfen, die beim Suff ihre Geldkarten verloren haben.

Bruno und Daniel sind Gegenteile und gehen doch in dieselbe Berliner Eckkneipe Foto: Imago/ Prod.DB

Zu ihm gesellt sich Daniel, ein zugezogener, reicher Schauspieler aus Köln mit einer bilingualen Vorzeigefamilie, der noch schnell einen Kaffee trinken will, bevor es zum Casting für einen Superheld:innen-Film nach London geht. Als sie miteinander ins Gespräch kommen bröckelt die Fassade von Daniel: Bruno hat nicht nur alle seine Filme gesehen und weiß an jedem einzelnen etwas auszusetzen, sondern scheint auch so ziemlich jedes Detail über Daniels doch nicht so perfektes Leben zu kennen. Das Kammerspiel, dass sich fast ausschließlich in der unscheinbaren Eck-Bar in einem der gentrifiziertesten Viertel der Hauptstadt abspielt, ist das Regie-Debüt des Schauspielers Daniel Brühl, der natürlich nicht zufällig zahlreiche Ähnlichkeiten mit seiner gleichnamigen Figur hat. Beide sind Deutsch-Spanier, stammen aus dem Rheinland, haben aber insbesondere für ihre Darstellungen als Ostdeutsche Preise abgeräumt.

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Das bissige Drehbuch der schwarzen Komödie stammt von Bestseller-Autor Daniel Kehlmann (Die Vermessung der Welt). Leitmotiv ist ein Rachefeldzug in vier Wänden, von einem Wendeverlierer, der die mangelnde Selbstbestimmung in seinem Leben damit kompensiert, dass er den scheinbar Bessergestellten von nebenan ebenfalls die Kontrolle über ihr Leben nimmt. Der Film bewegt sich dabei angenehmerweise jenseits der Kategorien Gut und Böse, in manchen Szenen möchte man Daniel sein Bier ins Gesicht kippen, in anderen Bruno. Es ist ein fieser, feiner  Film, der nicht nur zugezogenen Menschen in Berlin Unwohlsein einjagen wird.