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8 September 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Schwarze Geschäftsfrauen wandern aus

„Ich habe mehr Chancen in Ghana als in den USA“

Lauren Goodwin glaubt, dass sie als junge Schwarze Entrepreneurin in Accra bessere Chancen hat als in den USA.

Bild: Kelvin Amartey

Bild: Kelvin Amartey

Die afroamerikanischen Unternehmerinnen Lakeshia Ford und Lauren Goodwin haben die Vereinigten Staaten verlassen, um in Ghana zu leben und zu arbeiten. Im Land am Golf von Guinea haben sie bessere ökonomische Perspektiven. Sie ermutigen andere, ihnen zu folgen.

Als Lauren Goodwin 2008 das erste Mal Fuß auf ghanaischen Boden setzte, kam die Afroamerikanerin frisch vom College und hatte jede Menge Warnungen im Gepäck. „Seien Sie nicht alarmiert, wenn Sie Menschen sehen, die verhungern oder betteln“, hieß es in den Broschüren ihres Freiwilligendienstes. Die 32-Jährige lacht heute, wenn sie sich daran erinnert. Die in den USA wie überall im Westen verbreiteten Vorstellungen, dass es in afrikanischen Ländern nichts als prekäre Lebensbedingungen gäbe, bezeichnet sie mittlerweile als Propaganda: Für sie ist ihre neue Heimat ein Land der Chancen. Mit seinen etwa 30 Millionen Einwohner*innen ist Ghana eine der wichtigsten Volkswirtschaften Westafrikas. Der Bevölkerungs-Durchschnitt ist extrem jung, viele Menschen gründen und in Accra boomen die Start-ups. Nach ihrem Freiwilligendienst hatte sich Goodwin in Ghana verliebt. Nach mehreren Aufenthalten kehrte sie in die USA zurück, als sie schwanger wurde. Sie arbeitete als unabhängige Künstlerin und machte in Washington D.C. einen Abschluss in nachhaltiger Landwirtschaft. Während ihrer Schwangerschaft wurde der Afroamerikaner Michael Brown von einem weißen Polizisten in Ferguson, Missouri, erschossen. Auch deshalb beschloss Goodwin sich nach der Geburt ihres Kindes dauerhaft in Ghana niederzulassen. „Ich wollte meinen Sohn nicht in Amerika großziehen“, sagt sie. „Ich weiß, wie es ist, dort als Schwarze Person aufzuwachsen, und ich wollte nicht, dass er dieselben Dinge erleben muss wie ich.“

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2017 ließ sie sich endgültig in Ghana nieder und gründete das Unternehmen Wild Lavender Ghana, das sich mit ökologischer Weiterbildung  beschäftigt und nachhaltige Produkte vertreibt. In ihrem „Under the Mango Tree Camp“ bringt Goodwin Kindern ökologische Landwirtschaft, einen Zero-Waste-Lifestyle und gesunde Ernährung näher. „Für mich, als junge, Schwarze Frau, sind die ökonomischen Möglichkeiten hier besser als in den USA“, urteilt sie. In ihrer Heimat hätte sie hohe Kredite aufnehmen und zahlreiche bürokratische Hürden bewältigen müssen, um ein solches Unternehmen zu gründen. In Accra ging sie einfach auf lokale Farmer*innen zu und legte los.

Etwa 3000 Afroamerikaner*innen leben in Ghana

Goodwin ist nicht die einzige Afroamerikanerin, die sich entschieden hat, nach Ghana auszuwandern: Laut Steven J. L. Taylor, Autor des Buches African-Americans in Ghana und Professor für Politikwissenschaft, leben derzeit etwa 3000 von ihnen vor allem in der Hauptstadt Accra, damit bilden sie neben Südafrika die größte afroamerikanische Gemeinde in Afrika. Die Beziehungen zwischen Ghana und den USA reichen bis ins Jahr 1957, als die ehemalige Kolonie Großbritanniens zur ersten unabhängigen Republik in Subsahara-Afrika wurde. Der erste Präsident dieser Republik, Kwame Nkrumah, wollte einen vereinten afrikanischen Kontinent, der auch die Nachkömmlinge derer umfasste, die im transatlantischen Sklavenhandel nach Nordamerika, in die Karibik und nach Lateinamerika verschleppt worden waren: das pan-afrikanische Ideal. Auf öffentliche Einladung Nkrumahs hin, zu einer Zeit, als Schwarze Menschen vor allem im Süden der USA systematisch und brutal von der weißen Bevölkerung segregiert wurden, kamen zahlreiche Afroamerikaner*innen nach Ghana, führende Figuren aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wie Martin Luther King und Malcom X besuchten den Küstenstaat mehrfach. Die berühmte afroamerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Maya Angelou lebte für einige Jahre hier.

Heute wandern Afroamerikaner*innen vor allem nach Ghana aus, um als Entrepreneur*innen zu arbeiten. Manche haben ghanaischen Hintergrund, viele jedoch, so wie Goodwin, können ihre afrikanischen Wurzeln nicht nachverfolgen. Sie bezeichnen sich als „Repatriates“: Rückkehrer*innen. 2019 rief Ghana das offizielle „Jahr der Rückkehr“ aus: 400 Jahre, nachdem die ersten versklavten Westafrikaner*innen amerikanischen Boden betraten, sollten nun ein Jahr lang Veranstaltungen stattfinden, die die Nachfahr*innen dieser Menschen dazu einluden, Ghana zu erkunden. Ausgerichtet wurde das Projekt von der Ghana Tourism Authority (GTA) unter der Schirmherrschaft des ghanaischen Ministeriums für Tourismus. Aus der offiziellen Website geht klar hervor, dass es bei dem Programm im Wesentlichen darum geht, Ghana als Reiseziel zu etablieren und dadurch wirtschaftlich zu stärken – ein Fokus, den Lauren Goodwin kritisch betrachtet: „All diese Schwarzen Hollywoodstars sind nach Ghana gekommen und alle fanden es toll. Yeah, wir sind im Heimatland Ghana! Dann gehen diese Leute wieder zurück, aber ich sehe nichts von dem Geld dieser Stars, das bei uns angekommen wäre. Stattdessen kam es zu viel Müll, Verkehr und steigenden Preisen.“

Afrikanische Diaspora: Keine Hilfe von der Regierung

Ende 2019 gab die Regierung bekannt, in einer Nachfolge-Initiative namens „Beyond the Return“ Angehörige der afrikanischen Diaspora dabei unterstützen zu wollen, in Ghana zu investieren oder sich dort anzusiedeln. Mehrere Mitglieder des ghanaischen Parlamentes forderten Afroamerikaner*innen nach dem Tod von George Floyd und Breonna Taylor auf, den USA den Rücken zu kehren und nach Ghana zu ziehen. Konkrete Hilfen für Rückkehrer*innen gibt es jedoch bislang nicht. Auf Anfrage von enorm, wie genau die Unterstützung für Afroamerikaner*innen aussehen solle, antwortete das ghanaische Tourismusministerium nicht. Ein Statement des CEO der Ghana Tourism Authority, Akwasi Agyeman, gegenüber dem afroamerikanischen Wirtschaftsmagazin Black Enterprise macht jedoch deutlich, dass sich Ghana vor allem für wohlhabende Afroamerikaner*innen interessiert. Agyeman sagte dem Magazin: „Wir finden (…), dass Schwarze Amerikaner*innen in Anbetracht ihres Wohlstands dahin reisen sollten, woher sie stammen, statt sich anderen Zielen zuzuwenden.“ Lauren Goodwin hat bis heute keinerlei Unterstützung erhalten.

Lakeshia Ford ist US-Amerikanerin mit jamaikanischen Wurzeln. Sie hat in Accra eine eigene Kommunikations-Agentur aufgebaut und vernetzt afrikanische Firmen mit internationalen Kunden und umgekehrt. Bild: Nii Okai Djarbeng

Auch Lakeshia Ford, eine jamaikanisch-amerikanische Unternehmerin, die eine PR-Firma in Accra gegründet hat, findet die Romantisierung von Ghana als eine „Zuflucht“ für Afroamerikaner*innen problematisch. Es reduziere zum einen die Vielfältigkeit der ghanaischen Realität und kaschiere andererseits die Hindernisse, die man als zugezogene Geschäftsfrau erlebe. „Ich befinde mich hier im ständigen Dazwischen. Ich höre: Es gibt hier Fördergelder für Entrepreneur*innen aus Ghana, und es gibt es Fördergelder für Schwarze Entrepreneur*innen in den USA, aber auf beides kann ich mich nicht bewerben. Es ist hart.“

Ford kam 2008 als Studentin nach Ghana, sie hatte in den USA International Studies und Wirtschaftswissenschaften studiert und verbrachte ihr Auslandssemester in Accra. Zuvor hatte sie bereits während eines Aufenthaltes in China über chinesische Investitionen in Subsahara-Afrika geforscht. Nach mehreren Jahren beschloss sie, eine eigene Kommunikations-Agentur in Ghana zu gründen. Ihr Ziel ist es, die afrikanische Diaspora nachhaltig mit dem Kontinent zu verbinden. „Wir unterstützen internationale Firmen, die sich mit den afrikanischen Märkten verbinden wollen, und wir unterstützen Firmen in Ghana, die Anschluss an den internationalen Markt suchen.“ Die Coronakrise traf Ford wirtschaftlich hart, sie nutze sie jedoch, um eine digitale, internationale Konferenz namens „Africa beyond Travel“ auf die Beine zu stellen, die sich auf Geschäftsbeziehungen, Umweltaktivismus und auch Kunst in Ghana konzentrieren und im September dieses Jahres stattfinden soll. In ihrer Freizeit unterhält Ford einen Podcast namens „Yard Abroad“, in dem sie gemeinsam mit einer Freundin über die Tech- und Startup-Szene in Accra und ihren Alltag als Rückkehrerin aufklärt.

Nicht „Nach Afrika geflohen“

Als im Zuge des „Jahres der Rückkehr“ mehrere US-amerikanische Medien auf Ford aufmerksam wurden, freute sie sich über die mediale Aufmerksamkeit, die Ghana zuteil wurde. Dann jedoch sah sie die Überschriften der Artikel, in denen sie selbst vorkam: „Lernen Sie die Afroamerikaner*innen kennen, die vor dem Rassismus in den USA nach Afrika geflohen sind.“ „Fliehen? Ich?“, sagt Ford fassungslos. Journalist*innen hätten Teile ihre Geschichte einem „Opfer-Narrativ“ angepasst. Sie sei nach Ghana gekommen, weil sie sich selbst und andere Menschen empowern wollte. „Unsere Geschichte einseitig zu erzählen, ist eine Fortsetzung des rassistischen Narrativs, denn es stellt die Unterdrücker*innen ins Zentrum der Geschichte, nicht die Möglichkeiten und das Wachstum innerhalb der afrikanischen Staaten, nicht die Arbeit der Individuen, die hier leben.“ Beide Frauen, Ford und Goodwin, verstehen sich als Botschafterinnen des pan-afrikanischen Gedankens und wünschen sich eine vernetzte Diaspora. Goodwin ist aber wichtig, dass man sich auch als Schwarze Person, die in den USA finanziell vielleicht nicht gut aufgestellt war und alltäglichen Rassismus erlebt hat, klarmacht, dass man nach einem Umzug nach Ghana auf einmal auch bestimmte Privilegien genießt. „Ich habe eine hellere Hautfarbe als die meisten Ghanaer*innen und erfahre dadurch manchmal eine Bevorzugung, weil in Ghana, genau wie überall auf der Welt, Colorism sehr verbreitet ist.“

Auch sei sie in Ghana schon oft Zeugin von willkürlicher Polizeigewalt geworden, die sich statt gegen eine bestimmte Hautfarbe zum Beispiel gegen arme Menschen richte. „Klassismus, Ungerechtigkeit und Patriarchat gibt es überall, auch hier“, sagt sie. Im Alltag kämpfe sie unter anderem damit, dass sie in Ghana innerhalb der Landwirtschaftsbranche oft die einzige Frau sei. Auch Ford sagt: „Man muss sich an eine neue Businesskultur anpassen, in der völlig andere Regeln gelten als in den USA.“

Afrikanische Diaspora: Einen Weg für Andere ebnen

Beide Unternehmerinnen vermissen die USA manchmal, vor allem ihre Familien und ihre Freund*innen. Aber sie sind stolz auf die Brücken, die sie zwischen ihren beiden Welten bauen. „Ich habe Kolleg*innen im Bereich der ökologischen Landwirtschaft, die sehr interessiert daran sind, sich ebenfalls in Ghana niederzulassen“, erzählt Goodwin. Und Ford hat eine Freundin aus den USA dazu inspiriert, nach Südafrika auszuwandern. Auf die Frage, ob es in Zeiten der erstarkenden Black-Lives-Matter-Bewegung manchmal schwierig sei, nicht in den USA zu sein, schweigt Goodwin ein paar Sekunden, bevor sie antwortet. „Ich konnte nicht da sein, um zu protestieren. Die Grenzen von Ghana sind wegen der Pandemie geschlossen. Was sollte ich tun? Aber dann dachte ich: Ich baue ein Leben hier auf, nach dem auch andere Schwarze Menschen streben, und ich ebne einen Weg für diese Menschen. Ich kann hier meinen Teil tun.“ Unterdessen merkt sie, dass auch die Coronakrise den amerikanischen Blick auf Afrika verändere: „Meine Mutter hat mir vor einiger Zeit einen Zeitungsartikel geschickt, der Ghanas Umgang mit der Pandemie im Vergleich zu den USA lobte. Vor der Krise hätte sie mir so etwas nie geschickt.“

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Dieser Text ist Teil der aktuellen enorm-Ausgabe „Vereinigt die Vielfalt“, in der wir uns ausführlich mit den USA beschäftigen