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29 Juni 2022 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne Histourismus

Schwangere aus den USA werden in Lateinamerika abtreiben

Demonstrantin in Kolumbien: 2022 wurde die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen im südamerikanischen Land durchgesetzt.

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Während in den Vereinigten Staaten das Recht auf Schwangerschaftsabbruch gekippt wurde, sehen wir südlich der US-Grenze einen historischen Gegentrend: Immer mehr Länder in Lateinamerika haben Abtreibung legalisiert – und wollen US-Amerikaner:innen Zugang dazu verschaffen.

Seit vergangenem Freitag, dem 24. Juni, schwanken meine Eierstöcke und ich permanent zwischen lähmender Fassungslosigkeit und gleißender Wut. Mit dem Sturz des historischen Urteils Roe vs. Wade durch den US Supreme Court können die einzelnen Bundesstaaten Abtreibung ab sofort verbieten und unter Strafe stellen: auch in Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder einer Bedrohung des Lebens der Mutter. In Oklahoma ist das Verbot bereits umgesetzt worden. Die Folgen: Reiche Schwangere werden in Highend-Hinterzimmern blütenweißer Privatpraxen für Tausende Dollar abtreiben oder für die Operation ins Ausland geflogen. Ärmere Frauen oder Trans-Personen, insbesondere solche, die nicht weiß sind (die meisten Menschen in den USA, die von Armut betroffen sind, sind of color), werden hingegen entweder gezwungen sein, ein ungewolltes Kind auf die Welt zu bringen oder ihr Leben bei einer illegalen Abtreibung zu gefährden. An den Folgen einer illegalen Abtreibung sterben laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation und dem Guttmacher Institut pro Jahr weltweit etwa mindestens 23.000 Frauen. Zwei bis sieben Millionen leiden nach solchen Eingriffen unter einer Sepsis oder permanenten Schäden.

Ja, als Person mit Eierstöcken möchte ich schreien und toben. Als Person mit lateinamerikanischen Wurzeln möchte ich trösten. Immer wenn es in den USA  menschenrechtlich den Bach runter geht, neigen wir in der westlichen Welt dazu zu glauben, dass alles überall den Bach runtergeht. Doch im südlichen Teil des amerikanischen Doppelkontinents passiert gerade genau das Gegenteil.

Abtreibung in Lateinamerika war noch nie so gesellschaftlich und politisch akzeptiert

Bis 2012 war Abtreibung nur in Guyana und Kuba  legal. Im Jahr 2022 ist Abtreibung auch in Uruguay, Argentinien, Kolumbien, Puerto Rico* und Teilen von Mexiko entkriminalisiert und teilweise bis zur 22. Woche oder gar bis zum sechsten Monat erlaubt. Ein echtes Wunder in einem so stark christlich geprägten Raum wie Lateinamerika. Im Vergleich: In Deutschland bleibt eine Abtreibung nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei. Legal ist sie juristisch nie.

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Auch auf enorm: Latinx in den USA: Die Unsichtbaren

Erklären können die Kehrtwende in Lateinamerika zwei Entwicklungen: Immer mehr linke Regierungen kommen in der Region an die Macht, darunter auch immer mehr Frauen in den Kabinetten. Vor allem auch indigene oder Schwarze Frauen, die wissen, dass Abtreibungsverbote fast immer nur marginalisierte Schwangere treffen. Dazu kommt eine unglaublich starke zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich für Feminismus und LGBTIQ-Rechte und gegen häusliche Gewalt, Vergewaltigung und Frauenhass von Argentinien bis Kolumbien stark macht. Denn natürlich gilt auch in Lateinamerika: Es gibt noch viel zu tun. Auch muss genau beobachtet werden, inwiefern die neuen Gesetze auch umgesetzt werden.

Auch in Chile und Brasilien gibt es Hoffnung auf eine Legalisierung von Abtreibung

In Chile wird diesen September über eine neue Verfassung abgestimmt, die das Recht auf Abtreibung institutionell verankern soll. Zur Erinnerung: 2013 sprach sich Ex-Präsident Sebastián Pinera dort noch öffentlich dafür aus, ein durch Vergewaltigung schwanger gewordenes elfjähriges Mädchen solle seine Mutterrolle annehmen. 

In Brasilien wird dieses Jahr ebenfalls eine neue Regierung gewählt: Sollte der momentan in den Umfragen, Stand Juni, deutlich führende linke Kandidat Luiz Inácio Lula da Silva gewinnen, ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich ebenfalls für eine Legalisierung von Abtreibung einsetzen wird. Lula hat sich bereits öffentlich dafür ausgesprochen.

Was hat das nun mit den Schwangeren in den USA zu tun? In der mexikanischen Stadt Tijuana gibt es eine NGO namens Colectiva Bloodys. Seit Jahren berät sie Frauen in Mexiko und den USA kostenlos und schickt ihnen Medikamente, um zuhause eine sichere Abtreibung durchzuführen. Sie unterstützen auch Frauen in Bundestaaten wie Kalifornien. Denn auch wenn ein Schwangerschaftsabbruch dort legal ist, bleibt der Eingriff teuer und oft Reichen vorbehalten. In denjenigen Regionen und Staaten Lateinamerikas, in denen Abtreibung legal ist, ist sie auch kostenlos. Im Januar 2022 hat sich ein Netzwerk aus mehr als 30 mexikanischen und US-amerikanischen feministischen NGOs gegründet, das sich Red Transfronteriza nennt und das Modell von Colectiva Bloodys national ausbauen will.

Noch bis vor einigen Jahren war diese historische Umkehrung der Verhältnisse undenkbar. Die politische Umwälzung in Lateinamerika ist ein Beweis dafür, dass Gesellschaften es schaffen können, sich von fundamentalistischem Christentum und patriarchaler Politik zu lösen. Auch für die US-amerikanische Gesellschaft habe ich diese Hoffnung. 

So hat der US-Staat Colorado bereits ein staatliches Recht auf Abtreibung festgelegt. Kalifornien bereitet Aufnahmestationen für Schwangere vor, die aus anderen Bundesstaaten fliehen und richtet Fonds ein, um ihnen Reisekosten und Unterkunft zu finanzieren. Auch Dutzende Unternehmen wie Google oder Disney haben angekündigt, ihren Mitarbeitenden einen Schwangerschaftsabbruch zum Teil oder vollständig finanzieren zu wollen.

Und auch wenn man den Rest der Welt betrachtet, haben wir allen Grund zur Hoffnung: 

Allein seit dem Jahr 2000 haben 37 Länder weltweit den Zugang zu Abtreibung legalisiert oder ihn erweitert. Ein volles Recht auf Schwangerschaftsabbruch gibt es seit der Jahrtausendwende unter anderem in Thailand, Benin, Irland und Mozambique. 

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*Puerto Rico ist ein Incorporated Territory der USA, das heißt, das Gebiet gehört den USA, ist aber nicht Teil der USA. Puertoricaner:innen haben eine lateinamerikanische Identität, und werden auch innerhalb von Lateinamerika als Teil der Region verstanden. Mehr dazu auf: Kampf für die Dekolonialisierung Puerto Ricos: „Wir wollen unsere Zukunft selbst bestimmen“

Kolumne Histourismus

In der Kolumne Histourismus wirft unsere Redakteurin Morgane Llanque einen feministischen und postkolonialen Blick auf Geschichte. Sie erscheint auch in jeder neuen Ausgabe des enorm Magazins.