Vegan ist auch keine Lösung

Immer mehr Menschen verzichten auf tierische Produkte. Das ist gut, verändert aber kaum etwas. Die vegane Industrie produziert genauso falsch wie das Fleischsystem

Sarah Wiener beim Schwedisch-deutscher Dialog zu gesunder Ernährung und Schulverpflegung am 26. März 2012 in der Schwedischen Botschaft
Sarah Wiener beim Schwedisch-deutscher Dialog zu gesunder Ernährung und Schulverpflegung am 26. März 2012 in der Schwedischen Botschaft

Essen ist etwas Kostbares. Ein Genuss! Allerdings haben heute viele das Genießen verlernt. Weil wir mit unserem Körper, mit unserer Seele nicht mehr verbunden sind, essen wir oft nebenbei. Wir kauen viel zu wenig, wir schlingen. Und denken nicht darüber nach, was wir essen, sondern stopfen uns voll mit hochverarbeitetem Fast Food. So mancher hat zu seinem Auto ein innigeres Verhältnis als zu seinem Körper. Billig-Benzin, das dem Motor schadet, will keiner in sein Fahrzeug pumpen. Aber das Billigindustrieöl im Essen: nur rein damit!

Der nächste Punkt ist: Wir essen zu viel Fleisch. In den Industrieländern ist das die größte Ernährungssünde. Denn dieses Fleisch kommt ganz überwiegend aus tierquälerischer Haltung. Und wir unterstützen so ein Massentierhaltungssystem, das die Würde der Tiere mit Füßen tritt und der Umwelt massiv schadet. Zudem spitzt unser hoher Fleischkonsum die globale Ernährungsungerechtigkeit weiter zu. Die Menschen in Südamerika zum Beispiel leiden unter unserem immensen Fleischhunger – denn die Felder, auf denen Getreide und Früchte wachsen sollten, dienen nur dem Anbau von Futtermittel. Machen wir so weiter mit dem Fleischessen, brauchen wir bald eine zweite Erde.

Wir essen zu viel Fleisch

Und trotzdem wird dieser Gastbeitrag kein Aufruf, sich dem Trend zur veganen Ernährung anzuschließen. Denn leider rettet auch sie nicht die Welt. Sie garantiert noch nicht einmal eine gesunde und nachhaltige Ernährung. In den letzten Monaten habe ich vegetarisch gelebt. Ich esse generell schon wenig Fleisch, aber zuletzt, während einer Auszeit in Südamerika, habe ich ganz auf Tierisches verzichtet. Bis auf den einen oder anderen Milchbrei, den ich mir ab und zu gemacht habe. Und hier und da ein Löffelchen Honig.

Warum mein Verzicht auf Fleisch und Tier-Produkte? Ganz einfach: Ich konnte mir nicht sicher sein, dass die Tiere artgerecht gehalten wurden. Was sie zu fressen bekamen. Bio steckt in Südamerika noch in den Anfangsschühchen, Transparenz in der Lebensmittelkette ist dort noch ein Fremdwort. Für mich ist es kein Genuss, in den Schenkel eines Huhns zu beißen, das weder Sonne noch Wind gespürt hat, dessen Schnabel amputiert wurde und das schon nach wenigen Tagen sein Körpergewicht kaum mehr tragen konnte. In ihrem kurzen Leben bekommen Hähnchen bis zu acht verschiedene Antibiotika – bei einer 40-tägigen Mast also statistisch gesehen jeden vierten Tag! Solches Fleisch will ich nicht essen, aus ethischen Gründen. Und als Köchin würde es mich ekeln, es zuzubereiten.

„Die Sojamilch, die heute in jedem Supermarkt steht, ist ein hochverarbeitetes Industrieprodukt – und in etwa so künstlich wie eine Cola"

Ich habe Hochachtung und Respekt vor Menschen, die aus Achtung vor dem Tier auf Fleisch und alles andere Tierische verzichten. Sie sind zu Recht wütend über die Zustände in der Landwirtschaft. Was mich aber stört, ist die Haltung vieler, die glauben, allein der Verzicht auf alle tierischen Produkte sei die richtige Antwort. Vegane Ernährung ist keine Lösung des Grundproblems! So mancher Veganer baut sich da schlicht eine Parallelwelt auf. Er lässt zwar keine Tiere melken, schreddern oder schlachten. Aber durch seinen Verzicht verbessert er auch nichts an den üblen Verhältnissen in der Nahrungsmittelproduktion. Denn: Vegan zu leben fördert weder die Nachfrage nach Produkten aus einer anständigen Tierhaltung noch die nach natürlichen, ökologisch erzeugten Lebensmitteln aus der eigenen Region. Im Gegenteil: Auch vegane Industrieprodukte lassen Böden erodieren, versauen das Klima und vergiften das Wasser. Das System, in dem sie entstehen, ist ebenso grundlegend falsch wie das System der Fleischproduktion. Natürlich gibt es auch unter Veganern Menschen, die auf Fertigprodukte und industrielle Lebensmittel verzichten, die sich biologisch und regional ernähren. Aber auf dem Trendmarkt Veganismus boomen eben auch all die Kunstprodukte von Seitan-Truthahn bis zum Soja-Hamburger.

Ich glaube, dass sich viel Angst und Unsicherheit in unseren Essgewohnheiten ausdrückt. Nahrung wird uns zur Ersatzreligion. Wir stellen strenge, zum Teil absurde Essensregeln auf, durchleuchten Speisepläne bis ins letzte Molekül, unterwerfen uns Verboten für bestimmte Nahrungsmittelgruppen – nur, um zumindest ein bisschen Kontrolle über unser zunehmend komplexes Leben zu gewinnen. Die Nahrungsmittelindustrie seziert unser Essen wie Frankenstein seine Leichen. Und dann baut sie es wieder zusammen und serviert es als sterilisierte Kunstprodukte, angereichert mit Aromastoffen, Geschmacksstoffen, Farbstoffen und Emulgatoren – um am Ende ein bestimmtes Bissgefühl und den gewünschten Look zu schaffen. Als Beispiel dafür muss man gar nicht so extreme Auswüchse heranziehen wie tierfreie Shrimps oder milchfreien Käse. Es fängt schon bei einer schlichten Sojamilch an. Kochen und drücken Sie Sojabohnen einmal aus – die Brühe ist kaum trinkbar, die möchte sich niemand in seine Latte Macchiato kippen. Die Sojamilch, die heute in jedem Supermarkt steht, ist ein hochverarbeitetes Industrie-Produkt – und in etwa so künstlich wie eine Cola.

Seitan–Truthan und Soja–Hamburger machen es nicht besser

Das Schlimme ist: Vor stark industrialisierten Nahrungsmitteln ist man heute in keinem Supermarkt mehr sicher. Auch bei Bio entdeckt der clevere Stratege, dass man nicht unbedingt Idealist und Überzeugungstäter sein muss, um am Bio-Trend mitzuverdienen. Geld regiert die Welt.

Sicher, in Bio-Lebensmitteln sind immerhin viel weniger Zusatzstoffe erlaubt sowie Pestizide und Mineraldünger verboten. Anbauverbände garantieren hohe Standards. Aber ansonsten: Auch dort steht viel Industrielles in den Regalen. Und im konventionellen Handel? Ein Grauen, das ich nicht als genießbar bezeichnen würde: Eingeschweißte, normierte und schrill verpackte Aufforderungen, die schreien: Kauf mich! Friss mich! Nimm zwei von mir! Vorne drauf ein Bild, das der Realität Hohn spottet. Was wirklich drinsteckt, ist so klein aufgedruckt und ellenlang, dass es kaum zu lesen ist – und wenn doch, versteht man trotzdem nichts.

Geld regiert die Welt

Vegane Ersatzprodukte sind ein Tor für die Nahrungsmittelindustrie, um noch mehr künstliche, stark verarbeitete Lebensmittel minderer Qualität auf den Markt zu werfen. Aber je gezielter und selbstverständlicher wir unsere Nahrungsmittel nach unserer Vorstellung kreieren, desto mehr entfernen wir uns von der Natur – und damit von unseren Wurzeln. Für mich stellt sich durchaus die Frage, ob es nicht unser Schicksal ist, auch Tiere zu essen – weil wir Allesfresser sind, weil wir bestimmte tierische Enzyme brauchen, um gesund zu bleiben und weil der Tierdung unsere Felder düngt. Doch eines muss klar sein: Unsere Bestimmung ist sicher nicht, Tiere wesensfremd zu halten und zu füttern – und ihnen keinen würdevollen Platz als Mitgeschöpfen einzuräumen.

Was will ich damit sagen? Es ist nicht einfach mit der richtigen Ernährung in diesen Zeiten. Wir haben alle schon genug Stress zu Hause und im Job. Wir können nicht alle zu Ernährungsexperten werden. Die Lösung aber ist ganz einfach. Denn die simpelsten Wahrheiten sind immer noch die besten: Kochen Sie selber und mit natürlichen Zutaten. Kaufen Sie saisonal und regional. Und essen Sie nur ab und zu ein Stückchen Fleisch – aus artgerechter Tierhaltung!

Die Antwort von Julia Akra-Laurien – Gründerin von Noveaux, einem Lifestyle-Magazin für vegane Mode und grünen Lifestyle – an Sarah Wiener gibt es hier: Stimmt, Puddingveganer retten die Welt nicht

Profil
Sarah Wiener

Die 52-jährige Köchin wuchs in Wien auf und eröffnete 1999 in Berlin ihr erstes Restaurant. Heute führt sie unter anderem ein Cateringunternehmen und eine Holzofenbäckerei und setzt sich mit ihrer Stiftung für Kochkultur und eine gesunde Ernährung für Kinder ein.

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