Stoffkreislauf

Das Unternehmen I:CO will eine vollständige Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie schaffen. Die Sammelmengen nehmen stetig zu – aber der Prozentsatz der Kleidung, die tatsächlich hochwertig upgecycelt wird, ist bislang äußerst gering

Text: Daniela Becker Fotos:
I:CO
I:CO Sammelbox
Mit dem Take-Back-System direkt am Verkaufsort will I.CO die Basis für eine echte Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie legen.

Kaufen, anziehen, wegwerfen – dieses Prinzip hat der irische Textildiscounter Primark nach Deutschland gebracht. Bei den überwiegend jungen Konsumenten treffen die Billigangebote einen Nerv. Für kleines Geld bekommen die Teenies eine große Menge T-Shirts, Hosen und Schuhe, die den aktuellsten Modetrends entsprechen. Die Qualität ist bescheiden, aber weil’s so billig war, kann das T-Shirt nach zwei-, dreimaligem Tragen auch im Müll landen.

Ein ganz anderes Modell versucht I:CO  zu etablieren. Der Name steht für „I collect“ – ich sammle. I:CO will mehr sein als ein Textilsammler: nämlich die Basis einer echte Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie schaffen. Hinter I:CO steht die Schweizer I:Collect AG, die zur Soex Group gehört; eine große Unternehmensgruppe, die im Bereich Textilsortierung aktiv ist. Dort habe die Initialzündung stattgefunden: „Es kamen immer mehr Anfragen aus der Industrie und dem Handel nach Ideen, wie man der Produktverantwortung wirklich gerecht werden kann. So ist die Idee entstanden, “ sagt Stephan Wiegand, Geschäftsführer von I:CO.

Aktiv in 64 Ländern

Vor rund sechs Jahren wurde das I:CO- Modell entwickelt. Der allererste Kunde war das deutsche Modeunternehmen Adler; mit ihm wurden die ersten Praxiserfahrungen gesammelt. Inzwischen nehmen an dem Projekt neben Adler 63 Kooperationspartner teil, darunter international bekannte Marken wie H&M, The Northface und Mammut. I:CO ist nach eigenen Angaben in 64 Ländern mit 15.000 Sammelplätzen vertreten. In Deutschland sind es rund 2.500 Sammelplätze. „Das ist natürlich nur ein Anfang“, sagt Wiegand.

Und so funktioniert das System: Der Konsument kann im Laden seine alten Kleidungsstücke abgeben. Die Rückgabe am Verkaufsort ist für den Kunden besonders bequem und schafft für den Händler eine Bindung. Für die abgegebene Kleidung bekommt der Verbraucher eine kleine Gutschrift, im Falle von Adler etwa einen Euro pro Beutel. „Wenn der Kunde ein Rohmaterial zu Hause hat und es in den Kreislauf zurückgibt, dann ist es nur legitim, dass er dafür honoriert wird“, sagt Wiegand.

Für die gesammelte Menge an Textilien erhält das teilnehmende Unternehmen von I:CO - ausgehend von Weltmarktpreisen - einen Betrag auf einem virtuellen Account gutgeschrieben. Von diesem Account wird wiederrum der Logistiker bezahlt, der die volle Box aus dem Laden abholt und in das nahegelegenste Konsolidierungszentrum fährt. Wenn dort genug zusammengekommen ist, geht die Ware in das nächste Sortierwerk. „Wir haben weltweit entsprechende Partnerunternehmen unter Vertrag, die nach den Kriterien sortieren, die wir zusammen mit Industrie und Handel ausgearbeitet haben“, sagt Wiegand. Diese Unternehmen bezahlen für die Ware, weil sie, so Wiegand, wissen, dass sie einen Teil nach I:CO-Kriterien weiterverkaufen können.

Wertschöpfung für alle Beteiligten

Beispiel H&M: Gemeinsam mit dem schwedischen Textilhandelsunternehmen hat I:CO ein Jeansprojekt gestartet. „Dabei ist klar, wenn die Jeans zum Produzenten zurückkommt, erhält der Sortierer dafür Geld“, erläutert Wiegand. Dies ist der springende Punkt des Systems: An jeder Stelle des Kreislaufes muss eine Wertschöpfung entstehen. Die erlöste Summe muss also ausreichen für die Bezahlung der Logistik, dafür dass ein weiteres Unternehmen die Knöpfe und Nähte entfernt, für ein Unternehmen, das diese Jeans reißt und wieder zu neuen Fasern spinnt, die der Produzent wieder verwenden kann. Auf diese Weise wird ein Rohmaterial geschaffen – sowie Umsatz und Arbeitsplätze. H&M verwendet einen Teil der so gewonnenen Sekundärrohstoffe für eine neue Jeans-Kollektion.

Auch mit dem Schuhhändler Reno kooperiert I:CO. „Schuhrecycling ist die größte Herausforderung in unserem Modell“, sagt Wiegand. Denn bisher ist es technisch lediglich möglich, die Gummisohle vom Rest des Schuhs abzutrennen und in einem speziellen Verfahren weiterzuverarbeiten. Der Rest der Schuhe ist nicht wiederverwertbar. Gemeinsam mit der Soex Group und Partnern auf europäischer Ebene unterstützt I:CO deswegen derzeit eine Pilotanlage zum industriellen Schuh-Upcycling in Wolfen, Sachsen-Anhalt.

Über die gesammelten Mengen von Kleidung und Schuhen möchte Wiegand keine Angaben in absoluten Zahlen machen. Die Menge habe sich aber bisher jedes Jahr verdoppelt. „Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden, der Konsument nimmt das Konzept gut an.“ Auch über Umsatzzahlen will der I:CO-Geschäftsführer nicht sprechen. „Es war schon sehr anspruchsvoll die ersten Jahre, so langsam sind wir aber in der Gewinnzone und werden das auch dieses Jahr wieder ausbauen können.“

Echtes Upcycling erfolgt bislang kaum

Tatsächlich herrscht im Alttextilmarkt eine heftige Konkurrenz. Eine Tonne alter Kleidung ist derzeit etwa 350 Euro wert. In vielen Städten finden sich illegale Sammelcontainer von dubiosen Firmen. Karitative Unternehmen fürchten um ihre Einnahmen, die sie zu einem großen Teil aus dem verkauf von Second Hand-Ware erwirtschaften. "Deren Fokus liegt auf der tragbaren Ware. Unser Fokus sind aber die rund 40 Prozent nicht mehr tragbare Ware. Aus diesem Teil wollen wir eine Gewinnsituation für alle am Recyclingprozess beteiligten Firmen generieren," sagt Wiegand.

Doch wieviel Kreislauf steckt nun wirklich in I:CO? Auch hier will Wiegand keine absoluten Zahlen nennen. Setze man die Unmengen an weggeworfenen Kleidern und Schuhen ins Verhältnis zu den tatsächlich upgecycelten Materialien, sei die Menge sehr gering, gibt Wiegand unverhohlen zu. Aber: „Ich bin glücklich und zufrieden über jedes einzelne Kilo, das erfolgreich durch unsere Struktur läuft. Und es ist jetzt schon absehbar, dass wir auch hier jedes Jahr verdoppeln.“

Wenn Wiegand über das Ziel – ein 100-Prozent-Upcycling – spricht, wird er richtig leidenschaftlich. „Das ist anspruchsvoll und weltweit fehlt bei vielen Unternehmen noch die Überzeugung, dass dies flächendeckend möglich ist. Textilrecycling bedeutet heute: aus einem alten T-Shirt entsteht zum Beispiel eine Malerdecke oder ein Putztuch, die jedoch nach Gebrauch weggeworfen werden und dadurch als Rohmaterial verloren gehen. Das ist uns lange nicht genug.“

Immer wieder betont er, wie wichtig es sei, dass ein Umdenken bereits bei der Produktion einsetzen muss. Dazu gehöre die Bereitschaft der Industrie und des Handels, zum einen gut recycelbare Materialien zu verwenden und zum anderen, die Information, aus welchen Komponenten ein Produkt bestehe, zu teilen. „Das ist ein Kernpunkt unserer Arbeit: die Kommunikation zwischen den Designern und den Recyclingunternehmen.“

Ein wichtiges Element dieser Arbeit: Die Closed Loop Alliance, eine weltweite Handels-und Wissensplattform, die Kommunikation zwischen den einzelnen I:CO-Partnern ermöglichen soll, sodass sie sich gegenseitig Waren und Dienstleistungen verkaufen und Informationen über Produkte mitteilen können. I:CO versucht dort Geschäfte zu ermöglichen, wo sie zuvor nicht lukrativ waren.

Angenommen, ein Textilsortierer der fokussiert ist auf den Wiederverkauf noch tragbarer Kleidung, hat nach Ende des üblichen Sortierprozesses 40 Prozent nicht mehr tragbare Ware. Die lässt sich nicht mehr verkaufen, also muss er sie in der Müllverbrennung kostenpflichtig entsorgen lassen. „Über den Location Scout der Closed Loop Alliance wird er in die Lage versetzt, bestimmte Artikel wie zum Beispiel Denim doch noch profitabel zu vermarkten. Dadurch entsteht für ihn ein Anreiz, in einem weiteren Schritt diese Ware nochmals zu sortieren und den Anteil der nicht mehr verwertbaren Ware deutlich zu reduzieren“, erklärt Wiegand.

Nur ein Marketinginstrument?

Das Konzept hat in Deutschland bereits seine erste Klage überstanden. Das Bayrische Landesamt für Umwelt hatte von Adler verlangt, nur selbst produzierte Kleidung anzunehmen. Würde es auch Kleidung anderer Marken annehmen, müsste das Unternehmen eine so genannte gewerbliche Sammlung anmelden, weil es wie ein Müllunternehmen agiere, so die Behörde. Das wollte Adler nicht hinnehmen, klagte vor Gericht und bekam Recht. Das Unternehmen darf nun weiterhin Altkleider aller Marken annehmen und dafür Gutscheine verteilen. Der Dachverband Fairwertung, der sich nach eigenem Verständnis für ein faires Sammeln und Verwerten von Altkleidern einsetzt, kritisiert, dass in dem Urteil betont wurde, dass Adler Produktverantwortung übernehme. Das Argument suggeriere, dass ein Unternehmen sich besonders um das von ihm erzeugte Produkt kümmere, so der Verband. Das Sammelsystem sei aber vielmehr ein Marketinginstrument, um den Verkauf neuer Kleidung ankurbeln zu können.

Bei I:CO hingegen fühlt man sich bestätigt. Sein Sammelsystem will das Unternehmen weltweit aufbauen. „Alles was hier funktioniert, muss auch in den Schwellenländern passieren. Dafür versuchen wir auch unsere Partner zu begeistern, “ sagt Wiegand. Deswegen hat das Unternehmen eine Stiftung gegründet, über die Gelder eingesammelt und entsprechende Projekte unterstützt werden. In Nairobi, Kenia, sei man bislang am weitesten. Dort werde nicht im Laden, sondern direkt in den Haushalten gesammelt. Sortierwerke und Recyclingwerke müssen im nächsten Schritt folgen. „Wenn in diesem Ländern die Möglichkeiten geschaffen werden, neue Rohmaterialien zu genieren, entstehen völlig neue Strukturen. Das schafft richtig Arbeitsplätze, “ ist Wiegand überzeugt.

Er glaubt an den Erfolg des Modells. „Wir können uns Müllproduktion als Gesellschaft nicht mehr leisten.“ Sowohl der Handel als auch eine Vielzahl der Konsumenten sei interessiert. „Der Kunde wird immer sensibler und möchte gern umweltbewusst und ressourcenschonend konsumieren. Eine Tendenz, die sich meiner Meinung nach in Zukunft noch verstärken wird,“sagt Wiegand.

Ganz so weit sind viele Primark-Kunden wohl noch nicht.

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