Nur Abbaubares ist Wahres

Cradle to Cradle ist eine geniale Idee. Nur bei der Umsetzung hapert es noch. Das will ein Verein nun am kommenden Wochenende mit einem Kongress ändern

Text: Shila Meyer-Behjat Fotos:
Cradle to Cradle e.V., Freitag, Heunec, Puma
Cradle to Cradle Verein, Tim Janssen, Nora Griefhahn
Tim Janssen und Nora Griefhahn vom Cradle to Cradle e.V.

Die Hoffnung vieler Eltern hat einen orange-rot gestreiften Schal und treue schwarze Augen. Gustav ist eine kleine Verheißung. Denn er ist nicht nur unschädlich für den Nachwuchs, er ist auch für die Natur nicht giftig. Wenn seine Zeit als Plüschhund vorbei ist, dann kann aus ihm etwas Neues entstehen. Gustav ist ein Produkt der Kreislaufwirtschaft, oder: Cradle to Cradle. 

Die Idee ist genial:  Ein Produkt entsteht, wird benutzt, getragen oder gefahren, und dann, wenn wir es nicht mehr brauchen, verschwindet es einfach wieder. Es gibt keine Überreste, keinen Müll, sondern im Gegenteil: aus dem Alten entsteht wieder etwas Neues. Man müsse es sich vorstellen wie einen Kirschbaum, der seine Blüten in Massen fallen lässt und damit den Nährboden für andere Organismen schafft, heißt es. 

Doch das Konzept scheint Produzenten in der Praxis vor riesige Herausforderungen zu stellen. In der offziellen Liste der Cradle-to-Cradle-zertifizierten Produkte ist Gustav das einzige Spielzeug. Die Produktpalette reicht vom Shampoo über Betten, Teppiche und Bauelemente bis hin zu, ja eben: Gustav.

Insgesamt 1000 Produkte, so gibt der Verein Cradle to Cradle e.V. an, seien mittlerweile zertifiziert. Ist das nicht zu wenig? Oder doch schon viel angesichts der in der Praxis nun doch recht schweren Aufgabenstellung für Produzenten, in einer Kreislaufwirtschaft zu denken und zu fertigen? 

Für Nora Griefhahn ist es vor allem eine Art Systemfehler: „Es gibt eine C2C-Zertifizierung, jedoch gibt es auch unzählige Produkte, die nicht zertifiziert sind und unseren Ansprüchen an eine Cradle-to-Cradle-Produktionsweise voll entsprechen." Griefhahn ist eine, die die Idee des Cradle to Cradle sprichwörtlich in die Wiege gelegt bekommen haben muss. Denn sie ist die Tochter von Michael Braungart, jenem deutschen Chemiker, der gemeinsam mit dem US-Architekten Bill McDonough das Konzept des „von der Wiege zur Wiege"-Konsums entwickelt hat. Das war vor fast 25 Jahren. Nun scheint die Tochter die Dinge in die Hand zu nehmen, oder sie zumindest realitätsnäher und realistischer gestalten zu wollen. 

Es gehe ihr darum, dass in der Gesellschaft umgedacht wird, sagt sie. „Abfall soll nicht als gesetzt verstanden werden." Man muss sich diese Aussage einmal auf der Zunge zergehen lassen, dann versteht man die Dimension, das Potential, das Cradle to Cradle in sich birgt. Konsum muss nicht per se schlecht sein, er kann sogar Gutes bringen. Nämlich dann, wenn dabei nicht Müll entsteht, sondern immer wieder neue Rohstoffe. Bei Cradle to Cradle bleiben Materialien Nährstoffe innerhalb von zwei definierten Kreisläufen: im biologischen Kreislauf aus Stoffen, die abbaubar sind, und im technischen, bei dem die Materialien nach der Nutzung wieder vollständig verwendet werden. Dafür müssen jedoch die Produkte von vorneherein dementsprechend konzipiert werden was Auswahl von Materialien, Verarbeitung oder Verbindung angeht. 

Nora Griefhahn und Tim Janssen, mit dem sie den Verein Cradle to Cradle e.V betreibt und am kommenden Wochenende den C2C-Kongress in Lüneburg unter Schirmherrschaft der Bundesumweltministerin bestreitet, geht es noch mehr darum, das Thema „aus dem Elfenbeinturm in die Praxis" zu holen. Ein Produzent müsse sich schon in der Phase des Produktdesigns dazu entschließen, gar keinen Abfall zu produzieren, „alle Materialien positiv zu definieren. Am Ende ist klar, was drin ist und was sich damit nach der Nutzung anfangen lässt. Dann wird der Mensch zum Nützling und Stoffe gehen in biologische und technische Kreisläufe zurück."

Die Wirtschaft, die Konsumenten, aber auch die Politik sei hier gefragt. „Es kann nicht sein, dass wir teilweise primitivste Materialien in den Handel bringen, Menschen schon bei der Produktion der Dinge von giftigen Stoffen krank werden und wir beim Kauf von Sondermüll, nämlich unrecyclebaren Produkten, von Wertschöpfung sprechen", so Griefhahns Plädoyer. „Es fehlt aber an politischen Rahmenbedingungen, um diese Transformation zu unterstützen." Es gehe nicht um Verbote, sondern um Alternativen. 

Dabei sind es mittlerweile nicht mehr nur anspruchsvolle Designprodukte wie Möbel-Unikate, die nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entstehen. Erst kürzlich stellten die Brüder Markus und Daniel Freitag, bekannt durch ihre Taschen aus recycelten LKW-Planen, eine kompostierbare Jeans vor. Puma präsentierte im vergangenen Jahr eine ganze abbaubare Kollektion, sogar inklusive Rucksack. Beim Hamburger Hersteller Auping gibt es abbaubare Betten. Und Trigema punktet schon des Längeren mit seiner Kleidung, die sich selbst zersetzt. 

Aber trotzdem bleiben alle hinter dem Potential zurück, meint Griefhahn: „Es ist wirklich möglich, alle Produkte so herzustellen. Cradle to Cradle ist weit entfernt von Rocket Science wie wir an vielen Beispielen sehen. Viele Lösungen sind schon längst bekannt."

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