Nachhaltige Dreifaltigkeit

In Berlin soll ein gemeinsames Gebetshaus für Juden, Christen und Muslime entstehen, per Crowdfunding. Das Vorhaben ist weltweit einmalig

Text: Jonathan Widder Fotos:

Lia Darjes; Modell: KuehnMalvezzi

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Modell des House of One am Petriplatz in Berlin-Mitte

Man mag zu Gott stehen, wie man will, aber falls Er doch noch nicht tot ist, dann dürfte Er bei diesem Vorhaben seine Finger im Spiel haben: Auf dem Petriplatz in Berlin-Mitte soll ein Lehr- und Gebetshaus errichtet werden, in dem Juden, Christen und Muslime unter einem Dach zusammenkommen, ihrer Religion nachgehen und sich austauschen können. Ein „House of One“. Die Idee ist weltweit einmalig. Und sie erzeugt Resonanz rund um den Globus. 

Von der BBC bis zur Kuweit Times haben Zeitungen berichtet und scheinen beeindruckt zu sein von der Idee, dass ausgerechnet in Berlin, der Stadt der Mauer und der Schaltzentrale der Judenvernichtung, ein interreligiöser Ort mit Vorbildcharakter entstehen könnte. 

„Jeder ist willkommen“

 Zwar wird es auch innerhalb des „House of One“ verschiedene Räumlichkeiten für jede Religion geben, so dass Christen, Juden und Muslime stets auch allein ihre Zeremonien abhalten können. Daneben gibt es jedoch auch gemeinsame Räume für Begegnung und Austausch. „Die Grundidee des House of One ist es, Menschen zusammenzubringen, die wenig voneinander wissen. Denn: Unwissen ist häufig die Basis für Ablehnung“, erklärt der Rabbiner Tovia Ben-Chorin, der gemeinsam mit dem Pfarrer Gregor Hohberg und dem Imam Kadir Sanci den Trägerverein des House of One leitet. Letzterer ergänzt: „Mit unserem Bau wollen wir bewusst den gewaltfreien und offenen Dialog der Religionen und Kulturen fördern. Jeder ist willkommen und eingeladen, ihm bislang unbekannte Seiten der fremden Religion zu entdecken.“

Entstanden ist die Idee zu einem gemeinsamen religiösen Ort im Rahmen der Planungen für die Neubebauung des Petriplatzes in Berlin. Der Ort war einst das historische Zentrum Berlins; die Petrikirche, erbaut um 1230, gehörte zu den ältesten Kirchen der Stadt. Das 20. Jahrhundert ließ davon nicht viel übrig. Neue Ideologien vereinnahmten die Stadt, mit ihnen kamen neue Zentren. 1964 wurde die Petrikirche abgerissen, heute ist die Gegend eine der hässlichsten Berlins, ein Niemandsland zwischen Brücken, Straßen und Plattenbauten, etwa in der Mitte zwischen dem kalt-protzigen Axel-Springer-Gebäude und dem ebenfalls historischen Nicolai-Viertel, das heute nur noch mit dem Charme eines überkommenen Bouletten-Tourismus glänzt.

Nicht noch eine Kirche

Um zumindest ein Stück der historischen Wurzeln zurückzuerlangen, ließ  die Stadt Berlin 2007 bis 2009 archäologische Ausgrabungen am Petriplatz durchgeführen, bei der auch die Fundamente der Petrikirche freigelegt wurden. Da diese Jahrhunderte lang zur Evangelischen Kirchengemeinde St.Petri-St.Marien gehört hatte, bot die Stadt Berlin zuerst ihr an,  die Fläche zu nutzen, zum Beispiel um die Kirche wieder aufzubauen. Eine neue Kirche habe die allerdings nicht gewollt, so Anna Poeschel vom Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin e. V., da mit der St. Marien- und der Parochialkriche bereits zwei Kirchen zur Gemeinde  gehörten. Stattdessen wollte man ein interreligiöses Projekt. Und landete nach langen Überlegungen beim House of One.

In dessen Trägerverein sind drei großen monotheistischen Religionen nun paritätisch vertreten. Gregor Hohberg, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien vertritt die Christen, Tovia Ben-Chorin, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die Juden, und der Imam Kadir Sanci vom muslimischen Verein „Forum für Interkulturellen Dialog“ (FID) die Muslime.

Dass diese Vertreter nicht alle Gläubigen im gleichen Maß repräsentieren, ist klar. Die Katholiken begrüßen zwar das Vorhaben, sind aber nicht direkt im Trägerverein vertreten. Der muslimische Verein FID wiederum repräsentiert vor allem sunnitische, türkischsprachige Muslime und verfügt mit Fethullah Gülen zudem über einen Ehrenvorsitzenden, der immer wieder für Kritik sorgt.

Überwinden statt Verharren

Gülen selbst ist an der Planung des House of One allerdings nicht beteiligt und auch sonst scheint es den Machern des Projekts mehr darum zu gehen, zukünftige Gemeinsamkeiten zu entdecken, als in vergangenen Konflikten zu verharren. So äußert sich auch Maya Zehden, neben Rabbiner Ben-Chorin die zweite jüdische Vertreterin im Vorstand des Bethaus-Vereins. "Es gab von unserer Seite durchaus Überlegungen, wie wir mit der Beziehung des FID zu Gülen umgehen. Allerdings gibt es wenige muslimische Gruppen, die für eine Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde offen sind. Deshalb haben wir entschieden, die Zusammenarbeit nicht von der Figur des Ehrenvorsitzenden abhängig zu machen. Es geht um die Zukunft und um den Dialog – und den führen wir mit den Personen, die am Projekt beteiligt sind."

Der Wille zu Verständigung dürfte also stabil genug sein, um das ambitionierte Vorhaben zum Erfolg werden zu lassen. Woran das House of One schon eher scheitern könnte, ist seine ambitioniertes und leicht idealistisches Finanzierungsmodell. Das sieht nämlich vor, dass die Versammlungsstätte nicht nur von möglichst vielen Menschen besucht, sondern auch von möglichst vielen Menschen finanziert werden soll. Und so wurde aus dem House of One auch ein soziales Crowdfunding-Projekt.

Finanzierung nur mit Hilfe von oben

Eigentlich macht es das nur interessanter. Denn so lässt sich schon bei der Errichtung des Gebäudes beobachten, wie populär es bei den Massen einmal werden könnte. Der mögliche Haken ist allerdings das durchaus transzendente Funding-Ziel. Während die angestrebten Fördersummen vieler anderer Projekte im fünfstelligen Bereich liegen, und Wind- oder Solarenergie-Projekte mit einer Fördersumme von ein paar Millionen schon als Crowdfunding-Riesen gelten können, braucht das House of One nicht weniger als 43,5 Millionen Euro.

Das ist dann doch sehr viel. Vor allem wenn man bedenkt, dass es willige reiche Sponsoren gar nicht alleine richten dürfen, denn pro Person werden nur Spenden von maximal 435.000 Euro akzeptiert. Gestartet ist die Spendenphase am 6. Juni. Zurzeit weist die Website des Projekts einen Spendenstand von knapp 27.000 Euro aus.

Das ist nicht schlecht für eine Crowdfunding-Kampagne, allerdings sind es nur 0,06 Prozent des nötigen Gesamtbetrags. Wenn es in dem Tempo weitergehen würde, würde es noch gut 130 Jahre dauern, bis das House of One gebaut werden könnte. Aber vielleicht lässt Er sich ja bis dahin noch etwas einfallen und leistet zwischendurch noch ein wenig unsichtbare Hilfe von oben.

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