„Ich nenne es Blumengraffiti“

Maurice Maggi verstreut in Zürich seit 30 Jahren Malvensamen. Erst hat er heimlich gesät. Inzwischen sind seine Pflanzen aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken

Text: Christiane Langrock-Kögel Fotos:

Geri Krischker

Maurice Maggi in Zürich
Maurice Maggi in Zürich

Herr Maggi, vor 30 Jahren haben Sie angefangen, heimlich Malvensamen auf öffentlichem Züricher Grund zu verteilen. Würden Sie sich als Guerillagärtner bezeichnen?

Ich nenne meine Aktionen Blumengraffiti. Ich finde, sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Graffiti-Kunst. Anstelle von Farben verwende ich eben Blumen.

Als Sie in den 80er-Jahren die ersten Samen warfen, wie grau war Zürich da?

Jedes Grün, das einfach so spross, wurde gerupft oder mit Unkrautvernichtungsmittel besprüht. So war einfach das Grünpflege-Konzept. Die Malve steht im Juni, wenn die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei anrücken, kurz vor der Blüte. Ich habe gehofft, dass die Gärtner es dann nicht übers Herz bringen, sie auszureißen. Und so war es auch. Zumindest vereinzelt blieben meine Malven stehen.

Fiel den Zürichern die neue Blumenpracht auf?

Die Leute waren angetan, ja. Sie dachten, die Stadt sei dafür verantwortlich. Und schrieben Dankesbriefe. Allein das weichte das strenge Pflegekonzept schon ein wenig auf. Später hat die Stadt dann selbst angefangen, rund um die Alleebäume Blumen zu pflanzen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie enttarnt wurden?

Ganz offiziell habe ich mich erst 2004 mit einer Ausstellung zu meinen Aktionen bekannt.

Und inoffiziell?

Gegenüber der Stadt habe ich mich schon vorher geoutet. Ich hatte wegen eines anderen Projekts mit der Stadtgärtnerei zu tun. Da wurde über das Thema Stadtbegrünung diskutiert. Und ich habe erzählt, dass ich das mit den Malven war.

Damit eine große Stadt erkennbar blumiger wird, muss man viele Nächte heimlich säen, oder?

Ja, ich war viel unterwegs. Und bin es noch. Aber säen kann man zu jeder Tageszeit. Es ist ja nur ein Handgriff, den man unbemerkt im Vorbeigehen erledigt.

Wo haben Sie angefangen?

In der Umgebung meiner Wohung. Und entlang meiner Arbeitswege. Dann da, wo Freunde und Familie leben. Später habe ich bemerkt, dass es dieses oder jenes Quartier auch nötig hätte.

Die Malven sind heute eine Art Markenzeichen für Zürich. Warum haben Sie sich gerade für diese Blume entschieden?

Dank ihrer Pfahlwurzeln holt sie sich ihr Wasser in einer Tiefe von 1,50 Metern und ist sehr resistent, auch im Sommer. Und sie blüht auf Augenhöhe – von Ende Mai bis zum ersten Frost.

Sehen Sie oft Malven, die Sie gar nicht gesät haben?

Ja, es gibt immer mehr Nachahmer. Letzten Herbst habe ich einen Banker vor einer Malve stehen sehen. Erst hat er sie betrachtet und sich dann aus einer vertrockneten Blüte Samen herausgenommen. Er sah so aus, als wisse er genau, wo er ihn verteilen wollte. Ich denke, ich habe ein paar Menschen motiviert, ihre persönliche Umgebung zu gestalten.

Sie haben immer in der Stadt gelebt. Wie viel grüner sind die Städte heute?

In den 80er-Jahren durfte man kaum einen Rasen betreten. Es fand wenig Leben draußen statt. Heute sind die Gehwege voller Café-Tische. Je enger wir in der Stadt leben, desto wichtiger wird der öffentliche Raum. Also muss man ihn auch neu gestalten.

Was ist Ihr Ziel? Mehr Lebensqualität?

Ich sehe meine Aufgabe eher als eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Wir müssen Raum schaffen, der allen gerecht wird. Obstbäume pflanzen. Und die versiegelten Flächen aufbrechen. Aber in der Schweiz und in Deutschland nennt man Stadtpflanzen offiziell immer noch „Verkehrsbegleitgrün“. Das sagt doch alles.

Haben Sie einen Gegenvorschlag?

Stadtnatur. Wenn ich Frauen als „Männerbegleitwesen“ bezeichnen würde, bekäme ich schließlich auch Ärger.

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