Falsche Freiheit

Wir nutzen unsere Wahlmöglichkeiten bloß, um ein vermeintlich optimales Leben zu führen, sagt Renata Salecl. Die Folgen: Unzufriedenheit und Schuldgefühle

Text: Katrin Zeug Fotos:

PlusONE, privat, Blessing Verlag

Selbstoptimierung - zum Beispiel mit Hilfe der richtigen Einrichtung
Laut Renata Salecl verläuft die Suche nach dem richtigen Partner oft ganz ähnlich wie die Suche nach der richtigen Tapete. Wer äußerlich alles hat, ist deshalb noch lange nicht glücklich.

Frau Salecl, Freiheit ist die Grundlage von Demokratie und Vielfalt, sie gilt gemeinhin als etwas Erstrebenswertes. Sie schreiben in Ihrem Buch, Freiheit sei Tyrannei. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Die Idee der Freiheit hängt natürlich ganz grundsätzlich mit unserer Vorstellung von Demokratie zusammen. Aber in der postindustriellen Gesellschaft haben viele vergessen, dass die freie Wahl ein wichtiger politischer Mechanismus ist – und denken stattdessen hauptsächlich über ganz persönliche Entscheidungen nach. Wir glorifizieren die freie Wahl als ultimatives Instrument zur Gestaltung des eigenen Lebens.

Sie arbeiten an drei verschiedenen Unis, haben einen Sohn, pendeln zwischen Ljubljana, London und New York. Klingt nach Stress, ist aber Ihre persönliche Entscheidung. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen sinnvoller und schädlicher Wahlfreiheit?

Das ist eine schwere Frage. Ich möchte auch nicht die Idee der Wahl aufgeben, denn ohne sie gibt es keine Veränderung. Das Problem ist vielmehr, dass wir glauben, unsere Entscheidungen seien rational. Dass wir die perfekte Wahl treffen und glücklich werden können, wenn wir nur lange und hart genug nachdenken. Aber das ist ein Trugschluss. Aus der Psychoanalyse wissen wir, dass sich der Mensch längst nicht immer für das entscheidet, was das Beste für ihn wäre. Stattdessen leiten uns unbewusste Mechanismen. Wir orientieren uns zum Beispiel an dem, was andere tun.

Meinen Sie nicht, dass wir unser Glück mitbestimmen können?

Unser Leben ist viel weniger kontrollierbar, als wir uns das vorstellen. Eine Freundin, Psychotherapeutin aus London, erzählt mir oft von Frauen, die zu ihr kommen. Sie waren auf den besten Schulen, ernähren und kleiden sich gut, haben einen interessanten Job und einen netten Mann. Und sie fragen sich: Warum bin ich trotzdem nicht glücklich? Die Antwort ist: Weil es ein Irrglaube ist zu denken, dass am Ende einer Reihe richtiger Entscheidungen auch zwangsläufig das Glück steht.

Es gibt Regalreihen voller Ratgeber, die erklären, wie Glück machbar ist.

Ja, das ist eine wahre Obsession geworden. Wir sehen das Glück als etwas, auf das wir hinarbeiten können. Aber realistischerweise sind es nur Momente. Und die kommen oft, wenn wir sie am wenigsten erwarten, und nicht als Ergebnis eines Masterplans.

Sie schreiben, dass wir Lebensentscheidungen wie Konsumentscheidungen treffen. Die Suche nach dem richtigen Partner etwa verlaufe ähnlich wie die nach der richtigen Tapete. Haben wir die Relationen verloren?

Das Problem ist, dass wir in allen Bereichen als Konsumenten angesprochen werden: Wohnen, Urlaub, Lifestyle, unser Körper, unsere Launen. Das ganze Leben ist zu einem Produkt geworden, das wir angeblich optimieren können, wenn wir uns nur richtig entscheiden. Werden wir Eltern, melden wir unsere Kinder zu unzähligen Aktivitäten an, in der Hoffnung, als Resultat das perfekte Kind zu bekommen. Das uns dann hoffentlich glücklich und zufrieden macht. Der Gipfel dieser Idee, alles bestimmen zu können, ist die Theorie des positiven Denkens. Sie besagt, dass  glücklich wird, wer richtig denkt. Im Umkehrschluss heißt das: Unglück begründet sich in falschen Gedanken. So bringt man Menschen dazu, ständig in sich hineinzublicken, anstatt sich sozial und kritisch in die Gesellschaft einzubringen. 

„Wenn die Massen glücklich wären, würde das den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern.“ Für die Philosophin Renata Salecl ist Angst der größte Antrieb unserer Konsumgesellschaft 

Viele haben ja sowieso nicht die Freiheit, sich irgendetwas auszusuchen, weder die Tapete noch die Klavierstunde fürs Kind – weil sie zu arm sind. Wer hat denn schon wirklich freie Wahl?

Im Grunde haben wir alle nicht so viele Gestaltungsmöglichkeiten, wie uns der Kapitalismus glauben macht. Je nach Klasse, Geschlecht, Sexualität oder Rasse sind Menschen mal mehr, mal weniger limitiert. Wählen kann in der Realität nur, wer genug Geld und Zeit hat. Genau diesen Widerspruch meine ich mit „Tyrannei der Freiheit“: Wir bilden uns ein, aus den unendlichen Möglichkeiten optimal wählen zu müssen und enden in Beklemmung, weil das gar nicht geht. Und dann fühlen wir uns schuldig, weil wir nicht das Beste aus unserem Leben gemacht haben.

Sie sind in Jugoslawien aufgewachsen, haben den Kommunismus erlebt, in dem es in vielen Bereichen keine Auswahl gab. Sind Menschen Ihrer Erfahrung nach glücklicher, wenn sie weniger Möglichkeiten haben?

Das ist sehr schwer zu sagen. Ich selbst blicke gerne zurück auf diese Beschränkungen. Als Kinder hatten wir dadurch eine ganz intensive Freude am Konsum. Die Grenzen waren klar gesteckt und keiner überlegte, ob es an seinem eigenen Versagen liegen könnte, wenn er nichts hatte. Wir waren sehr kreativ und ich glaube, ich habe nie etwas mehr gewollt als die erste Jeans, die mir meine Mutter aus Italien mitbrachte. Dieses Verlangen und diese Freude werde ich nie vergessen. Im Postsozialismus hat sich das dann sehr schnell gedreht, hin zum Massenkonsum. Viele verschwenden ihr ganzes Geld und ihre Freizeit beim Shopping. Sie verschulden sich, können aber nicht mit dem Einkaufen aufhören.

Trotzdem, es sind sehr viele Menschen ausgeschlossen vom Konsum. Warum rebellieren sie nicht dagegen?

Es gibt ja Aufstände gegen unzureichende Lebensbedingungen. In meiner Heimat Slowenien zum Beispiel vor einem guten Jahr. Aber der Protest war kurzlebig. Ich glaube, ein Grund ist die Idee des Selfmademan, die sehr tief in unserem Denken verwurzelt ist: Durch reine Willenskraft und harte Arbeit könne sich jeder emporarbeiten. In der Realität findet man aber sehr wenige Menschen, die es aus der Armut heraus zu etwas bringen. Trotzdem hält sich der Glaube, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich nur anstrengt. Arme Menschen fühlen sich dadurch für ihre Armut schuldig – sie glauben, nicht die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Und sei es, dass sie es verpasst haben, sich bei einer Casting-Show anzumelden. Oder: Wird jemand gekündigt, hinterfragt und kritisiert er sich selbst anstatt seinen Chef. Wir haben uns angewöhnt, uns für die Unzufriedenheit in unserem Leben schuldig zu fühlen. Statt Kritik am System zu üben, versuchen wir selber immer besser zu werden.

Sie beschreiben die Idee der Wahl als eines der mächtigsten Instrumente der Konsumgesellschaft.

Wahlmöglichkeiten bringen ein enormes Verantwortungsgefühl mit sich – und das ist untrennbar mit Schuldgefühlen und Versagensängsten verbunden. Diese Angst treibt die Konsumgesellschaft an, bringt uns dazu, schneller und mehr zu arbeiten, damit wir unseren Job und die finanzielle Sicherheit nicht verlieren. Angst treibt uns auch an, das verdiente Geld wieder auszugeben, um unser Leben optimal zu gestalten. Wenn die Massen wirklich glücklich wären, würde das den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttern.

Warum können wir uns so schwer von diesen Mechanismen befreien?

Weil Freiheit nicht unbedingt befreiend wirkt. Sie kann im Gegenteil für den Einzelnen sehr beklemmend sein. Die deutschen Philosophen von Kant bis Hegel schrieben: Das Subjekt kommt nur zur wahren Freiheit, wenn es seinen Geist diszipliniert. Hegel war der Meinung, dass Kinder Latein lernen müssen. Nicht weil sie es später bräuchten, sondern weil dieser Drill sie dazu befähigen würde, als Erwachsene mit der Freiheit umzugehen.

Das heißt, wir brauchen klare Regeln, um nicht an unserer Freiheit zu scheitern?

Zumindest verlangen wir danach. Selbst wenn wir uns gegen Auswahl entscheiden und Verzicht üben wollen, suchen wir nach einer Anleitung. Wir lesen auf Internetseiten, wie wir unser Leben vereinfachen. Wir kaufen Bücher über Menschen, die ohne Konsum zurechtkommen. Oder wir bezahlen Coaches, um unser Leben auszumisten. Auch die Selbstbegrenzung ist zu einem Produkt geworden, das es zu optimieren gilt. Das ist doch paradox: Wir konsumieren, also bezahlen wir dafür, dass wir lernen, unseren Konsum zu limitieren.

Was können wir tun, um dieser Tyrannei der Freiheit zu entkommen?

Wir dürfen Konsumentscheidungen nicht so ernst nehmen und sollten möglichst wenig Zeit mit ihnen verschwenden. Aber dafür müssen wir erst einmal aufhören, das Individuum als Meister seines Lebens zu sehen. Alles geht nicht – schon gar nicht, weil jeder Entscheidung auch ein Verlust innewohnt. Wenn ich eine Richtung wähle, verliere ich eine andere. Unzufriedenheit wird also immer Teil unserer Entscheidungsprozesse sein. Wir dürfen nicht unsere Energie damit verschwenden, Ärger und Unglück wegzutherapieren und uns selbst zu optimieren. Lieber sollten wir uns in irgendeiner Form an einer gesellschaftlichen Veränderung beteiligen. Weg von der individuellen, hin zu mehr politischer Wahlmöglichkeit. /

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