Es langsam angehen

Kate Fletcher gilt als Begründerin der Slow Fashion. Sie ist Professorin für Nachhaltigkeit, Buchautorin, Consultant. Und eine Frau, mit deren Ansichten man sich unbedingt mal auseinandersetzen sollte

Text: Rebecca Espenschied Fotos:

Stefan Rother

Kate Fletcher, Begründerin der Slow Fashion
Kate Fletcher ist Professorin für Nachhaltigkeit, Buchautorin, Consultant - eine Vordenkerin der Slow Fashion. Foto: Stefan Rother

Zu verstehen, dass Ressourcen begrenzt sind und dass man als Verbraucher Verantwortungsbewusstsein entwickeln muss – das sind die beiden Hauptanliegen von Kate Fletcher. Klingt erst mal recht einleuchtend. Und im Grunde einfach. Doch Kate Fletcher, die sich mit Nachhaltigkeit im Mode-Business seit über 15 Jahren wissenschaftlich beschäftigt, weiß, dass es das Gegenteil von einfach ist, die Trendwende hinzubekommen.

„Es gibt nur noch eine Geschwindigkeit in der Modeindustrie, und die heißt fast“, so definiert Kate das größte Problem, „Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter – das System der zwei Saisons – das war einmal. Jetzt geht es um kontinuierlichen Nachschub. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, immer schneller zu konsumieren.“ Das untermauert die 44-Jährige auch mit Zahlen: In den letzten zehn Jahren wurde Kleidung in der EU um 25 Prozent billiger, auch dadurch wird der Konsum angeheizt. „Den wahren Wert eines Kleidungsstücks weiß niemand mehr zu schätzen.“ Deshalb zielt ihr Lebenswerk vor allem darauf ab, Bewusstsein zu schaffen. Neben ihrer Beratertätigkeit für Firmen, ihrem 2008 erschienenen Buch „Sustainable Fashion and Textiles: Design Jouneys“ und ihren über 50 Fachpublikationen, initiiert sie auch Projekte, welche die Konsumenten da draußen zum Umdenken bewegen sollen.

Eines davon ist „Local Wisdom“, eine Website, die sie zusammen mit ihren Studenten ins Leben rief. Es ist ein Streetstyle-Blog anderer Art, bei dem es darum geht, die Story hinter den Kleidungsstücken zu erzählen. Die Leute und ihre Kleidung wieder in engeren Bezug zu setzen und nachzufragen, warum ein bestimmtes Kleidungsstück geliebt wird, was es schon erlebt hat. Kate entschlüsselt den Sinn dieses Projekts so: „Viele sagen, der Antrieb von Mode wäre die Erneuerung. Menschen würden durch die Mode immer wieder ein neues Bild von sich selbst produzieren. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn jeder hat dieses eine Teil über viele Jahre, die eine Jeans oder Strickjacke, von der er sich niemals trennen würde. In diesem Fall ist ständige Erneuerung nicht der Treiber. Es bedeutet, dass die Leute einfach die ganze Zeit über die falschen Sachen kaufen. Teile, die ihnen nicht das geben, was sie eigentlich brauchen.“

Diese vermeintlich simplen Erkenntnisse sind es, die Kates „Lehre“ so konstruktiv machen. Konsumenten sollten sich bewusst werden, dass sie von der Modeindustrie manipuliert werden: „All diese Teile werden in Fashion-Show-Spektakeln präsentiert, an Körpern, die niemand außer ein kleine Anzahl von Modelfrauen hat. Es wird all dieser Aufwand betrieben, um ein Trugbild zu kreieren. So dass der Konsument dann denkt, er würde auch so aussehen. Und dass er ständig ein neues Erscheinungsbild haben müsste. Eines, das besser ist als das alte.“

Die Wurzeln dieses Enthusiasmus’, etwas ändern zu wollen, sieht Kate in ihrer Kindheit. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Liverpool auf. Die Großeltern arbeiteten allesamt in Textilfabriken. Kleidung wurde nicht gekauft, da viel zu teuer, sondern selbst genäht. Die Wertschätzung war eine ganz andere. Ihre Eltern waren zwar arm, und trotzdem sehr aktiv auf kommunalpolitischer Ebene, wollten etwas ändern. Als weitere Zutat für den Mix, der sie zu der Aktivistin werden ließ, die sie heute ist, nennt Kate die fehlende Natur: „Es gab kein einziges Fleckchen Grün in der Umgebung des Hauses, in dem ich aufwuchs. Mit zunehmendem Alter wurde mir das bewusst und ich stellte fest, dass es die Natur ist, in der ich mich bewegen und für die ich etwas tun möchte.“

Wie also sieht sie den Status Quo ihrer Mission? Recht realistisch: „Momentan sind die Zeiten schwierig, denn das einzige Rezept, das Regierungen kennen, um ihren Weg aus der Rezession zu finden, ist mehr Konsum. Die Bürger sollen ihre Länder aus den Rezessionen rauskaufen.“ Aber es gibt auch Lichtblicke und die erkennt Kate vor allem beim Essen: „Slow Food ist richtig groß geworden in den letzten Jahren. Davon können wir in der Bekleidungsindustrie viel lernen. Denn auch bei Slow Food geht es darum, wieder auf Qualität zu setzen – und nicht auf schnellen Konsum. Wenn die Menschen das beim Essen begreifen, wird es auch irgendwann bei der Kleidung so weit kommen.“ Bleibt zu hoffen, dass Kate auch hier richtig liegt.

Dieser Text erschien zuerst beim Noveaux-Magazin.

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