„Endlich mal einer, dem der Kragen platzt“

Mitte Januar hat ein Landwirt, der sich nur Bauer Willi nennt, in einem offenen Brief mit der Ahnungslosigkeit der Verbraucher abgerechnet. Als Reaktion entspann sich eine heftige Debatte. Bei einem Teil seiner Adressaten hat sich Willi mittlerweile entschuldigt. Im Interview erklärt er, warum er grundsätzlich dennoch bei seiner Kritik bleibt und wie andere Landwirte auf seinen Brief reagiert haben

Kühe Allgäu, Landwirtschaft, Verbraucher
Zufriedene Kühe im Stillachtal im Allgäu. Bei 97 Prozent der deutschen Bauern sieht der Alltag allerdings anders aus

Die Reaktionen auf den offenen Brief, den Sie auf der Seite Fragdenlandwirt.de veröffentlicht haben, waren zum Teil sehr heftig. Bereuen Sie, den Beitrag geschrieben zu haben?

Nein. Jetzt kann man wenigstens darüber sprechen. Und wenn mir jemand jetzt mit schlauen Tipps kommt, wie: Verkauf doch im eigenen Hofladen, kann ich antworten: Wie soll ich 200 Tonnen Getreide im Hofladen verkaufen? Und brauchen wir wirklich 300.000 Hofläden, so viele Betriebe wie es eben gibt?

Woher denken Sie, kommt diese Entrücktheit der Verbraucher von den Lebensmitteln?

Naja, sehen Sie: Wer heute einen Joghurt oder einen Liter Milch kauft, sieht auf der Packung Bilder von grünen Wiesen und weidenden Kühen. Und dann fährt man ins Allgäu zum Urlaub und da sieht es tatsächlich so aus. Aber dass das nur drei Prozent der Betriebe ausmacht, die so existieren können, das weiß keiner. Man ist geblendet von diesem Idyll. Aber die Realität ist nicht so, die besteht aus riesigen Mastbetrieben oder mehreren Hektar Getreide, Kartoffeln, Mais. Wer einen Bauern in schmutzigen Hosen sieht, findet ihn sympathisch. Aber wenn ich mit meinem Traktor und Anhänger an Spaziergängern vorbeifahre, zeigen die mir einen Vogel.

„Endlich mal einer, dem der Kragen platzt

Wie haben andere Landwirte darauf reagiert?

Mit Zustimmung: Endlich mal einer, dem der Kragen platzt! Sie meinten, ich hätte zwar überzeichnet, sehen es aber inhaltlich sehr ähnlich.

Warum hatten Sie dennoch das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen?

Weil Kommentare kamen, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Vor allem die von Hartz IV-Empfängern. Die haben keine andere Wahl. Und da fand ich die Pauschalisierung aller Verbraucher dann doch unfair und ungerecht.

Aufgehängt hat sich alles ja an der Pommeskartoffel...

Ja, sehen Sie, die Kartoffel ist ein gutes Beispiel. Ich habe selbst sechs Jahre lang Kartoffeln angebaut. In ertragreichen Jahren wie es 2014 eines war, hat man da wirklich ein Problem. Denn man kann ja nicht drosseln, was da wächst. Und man kann es auch nicht auf dem Feld liegen lassen. Und so kommt man von einer an sich komfortablen Situation, nämlich, dass es gut wächst und die Erde fruchtbar ist, in die Zwangslage, dass man die Dinger loswerden muss. Und deshalb muss man sie dann verramschen. Und in der Erde lassen kann man sie auch nicht. Denn wenn die Kartoffel nicht erfrieren keimen die alle wieder.

„Den Bio-Bauern geht es nicht anders

Und Bio nervt Sie so richtig, oder?

Ich habe wirklich keine kritische Haltung zu Bio. Ich habe selber überlegt, auf Bio umzustellen. Das würde aber bedeuten: Einstellung von Fremdarbeitskräften (im Umland von Köln und Düsseldorf schwierig), Investitionen in neue Maschinen, neue Vermarktungsschienen aufbauen und so weiter. Ich bin gerade 60 geworden und zunehmend risikoscheuer. Vielleicht macht es unser Sohn, der ist 25 und studiert auch Agrarwissenschaften. Aber die Bio-Bauern sehen sich mittlerweile dem gleichen Preisdruck unterworfen. Übrigens habe ich auch von denen Zustimmung erfahren.

Was kann denn der Einzelne tun? Was muss sich ändern?

Nein! Falsch! Ich bin kein Moralapostel. Ich will den Menschen nicht sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Es geht mir darum, dass wir alle bewusster werden. Und ich wollte einmal unsere Seite der Geschichte erzählen. Das wird auch nicht häufig genug getan. Eigentlich handeln 80 Prozent der Presseberichte über die Landwirtschaft von Skandalen. Oft können wir Bauern gar nichts dafür, beim Gammelfleisch zum Beispiel. Das ist nicht fair!

Bauer Willi ist ein deutscher Landwirt. Seinen vollständigen Namen möchte er nicht nennen.

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