„Eklatantes Versagen“

Studenten werden völlig falsch ausgebildet, sagt Holger Rogall, Professor für nachhaltige Ökonomie. Warum das so ist? Weil Volkswirte im veralteten Denken verharren und Studenten keine Zeit mehr zum Aufbegehren haben

Text: Interview: Kristina Läsker Fotos:
Audimax by Marcus Sümnick (https://flic.kr/p/nQCqqq) (CC BY-SA 2.0) (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/), Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (CC-BY-SA-3.0) (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
Audimax der Universität Rostock
Audimax der Universität Rostock

Herr Rogall, Sie halten die wirtschaftswissenschaftliche Lehre im Land für absolut veraltet. Was ist das Kernproblem?

Die Mainstream-Ökonomie, also die neoklassische Ökonomie, basiert auf einem bestimmten Menschenbild, dem Homo Oeconomicus. Der handelt immer zweckrational und zu seinem eigenen Besten in einem vollkommenen Markt. Aber das ist großer Unfug. Es hat mit der Realität nichts zu tun. Weil diese Voraussetzung falsch ist, ist die darauf basierende Ökonomie falsch.

Was stimmt am Menschenbild des Homo Oeconomicus‘ nicht?

Menschen verhalten sich nicht immer zu ihrem eigenen Nutzen. Der Mensch raucht, er trinkt, er schadet seiner Gesundheit und verbraucht zu viele Ressourcen. Menschen sind übrigens auch bereit Rache zu üben, wenn man ihnen schadet. Selbst wenn sie das in hohe Kosten stürzt, das ist völlig irrational. Menschen können bestialisch sein. Wenn sie sich einer Ideologie verschreiben, können sie als KZ-Aufseher foltern oder sich als Selbstmord-Attentäter in die Luft sprengen. Wäre der Mensch so rational, wie es die neoklassische Theorie annimmt, würde er solche Dinge nicht tun.

Sie liefern allerdings nur schlechte Beispiele.

Es gibt auch gute. Ich gehe vom Homo Heterogenus aus. Der Mensch ist demnach ein heterogenes Wesen, er handelt nicht immer gleich. Er kann auch lieben und etwas für andere tun, für das er nicht unmittelbar eine Gegenleistung erwartet. Er ist oft hilfsbereit und fair. Im Wirtschaftsgeschehen zeigt sich das: Der Mensch will seinem Geschäftspartner vertrauen – und wenn er ihm vertraut, dann möchte er gerne viele Jahre mit ihm zusammenarbeiten. Auch wenn das womöglich mehr kostet.

Was bedeutet dieses Menschenbild für das Konzept der nachhaltigen Ökonomie?

Der Mensch ist in der Lage zu sehr guten, nicht eigennützigen Taten. Aber er hat – anders als der roboterhafte Homo Oeconomicus – auch die Neigung, sich manipulieren zu lassen. Deswegen muss sich die Politik laufend in die Wirtschaft einmischen und Leitplanken aufstellen, innerhalb derer sich die Menschen frei bewegen können.

Was wäre eine solche Leitplanke?

Der Deutsche emittiert heute knapp elf Tonnen Treibhausgase pro Jahr. Wenn wir die Erderwärmung stoppen wollen, müsste er runter auf eine Tonne. Dafür muss die Politik eingreifen und für eine hundertprozentige Energieversorgung mit erneuerbaren Energien sorgen!

Was bedeuten solche Ideen für die Lehre an Universitäten?

Die Studenten werden völlig falsch ausgebildet, sie lernen die falschen Konzepte. Ich frage meine Studenten im letzten Semester immer: Wie viele Stunden hatten Sie in ihrem Studium über die ökonomischen Folgen des Klimawandels? Die Antwort ist fast immer: null. Die kommen als frisch ausgebildete Ökonomen in Unternehmen, sollen Abteilungsleiter werden und später den Vorstand beraten. Aber sie haben über die größte Herausforderung der menschlichen Ökonomie gar kein Wissen. Das ist ein eklatantes Versagen der Hochschulen.

Was müssten die Hochschulen ändern?

Wir fordern ein Wahlpflichtfach „Nachhaltige Ökonomie“ in allen Studiengängen. Als nächsten Schritt benötigen wir das Fach „Nachhaltige Wirtschaftslehre“ als Pflichtfach, das zu jedem Studiengang dazu gehört. Und wir brauchen zusätzliche Studiengänge, in denen Studenten sich ganz auf nachhaltige Ökonomie spezialisieren können.

An welchen deutschen Universitäten gelingt das schon ganz gut?

Ökonomen an einigen Universitäten haben einzelne Inseln geschaffen. Dazu gehören die Hochschulen Lüneburg, Oldenburg, Leipzig, Eberswalde, Kassel und eine Handvoll andere. Das Problem ist: Nirgends durchdringt das die ganze Hochschule. Nachhaltige Ökonomen bleiben letztlich Exoten.

Warum beharren so viele Professoren auf alten Lehrplänen?

Ein Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre hat gelernt, dass der Mensch ein Homo Oeconomicus ist und Mikroökonomie die richtige Wirtschaftstheorie. Er hat seine Hausarbeiten und seine Diplomarbeit dazu verfasst, er hat in diesem Sinne promoviert und wurde habilitiert. In all diesen Schriften war die Grundlage nicht korrekt – aber wie soll ein Professor im Alter von 40, 50 oder 60 alles, was er jemals geschrieben hat, rückwirkend für falsch erklären? Das ist eine harte Forderung.

Fällt das Ökonomen im Ausland genauso schwer?

Es ist paradox: Die USA sind technologisch wahrlich kein Vorbild für Nachhaltigkeit. Aber es gibt eine größere Zahl Wissenschaftler, die interdisziplinär arbeiten und eine Lehre entwickelt haben, die dort Ecological Economics heißt. Als Vorreiter haben diese Ökonomen viele Theorien entwickelt, die wir in Deutschland übernommen haben.

Sie selbst haben an der FU Berlin Volkswirtschaftslehre und Politik studiert. Wann ist Ihnen klar geworden, dass das gelehrte Wissen überholt ist?

Es war meine große Chance, dass ich als Volkswirt fachfremd promovierte. Mein Thema war Kooperationsforschung. Plötzlich musste ich einen ganz anderen Menschentyp analysieren. Der Homo Oeconomicus war untauglich. Ich musste umdenken. Außerdem hatte ich mich mit Umweltfragen und dem US-Ökonomen Dennis Meadows beschäftigt. Dessen Buch „Grenzen des Wachstums“ hat mich nicht mehr losgelassen.

Warum begehren die Studenten nicht stärker auf? Die müssten doch verstehen, dass die Lehre wenig mit dem eigenen Leben zu tun hat.

Das liegt stark an der europaweiten Harmonisierung der Studiengänge. Das Verständnis der Studenten ist da, aber sie handeln nicht. Sie haben oft so wenig Zeit. Im sechsten Semester denken die an ihre Abschlussprüfung – und nicht an die Revolution.

Sie haben 2009 das Netzwerk Nachhaltige Ökonomie gegründet. Doch wenn Professoren verharren und Studenten keine Zeit für Reformen haben, hat Ihre Initiative dann überhaupt eine Chance?

Es gab historisch viele Bewegungen, deren Chancen statistisch gesehen bei Null lagen und die trotzdem erfolgreich waren. Wie war das möglich? Krisen entstehen allmählich und es gibt Vordenker, die im alten System belächelt werden. Doch wenn die Revolution kommt, gibt es etwas, worauf man aufbauen kann. Als so einen Vorreiter begreife ich mich: Ich will für die spätere Generation bessere Grundlagen schaffen.