Die Reste eines Jahres

Bea Johnson und ihre Familie leben nach dem Prinzip „Zero Waste“ – der Müll, den sie jährlich produzieren, passt in ein Einmachglas. Wie geht das?

Text: Max Vogelmann Fotos:

zerowastehome.com

Bea Johnson und ihre Familie leben nach dem Prinzip „Zero Waste“ – der Müll, den sie jährlich produzieren, passt in ein Einmachglas

Frau Johnson, jeder Deutsche wirft im Schnitt knapp eine halbe Tonne Müll pro Jahr weg. Der Müll, den Sie und Ihre Familie in einem Jahr anhäufen, füllt hingegen nur ein Einmachglas. Wie geht das?

Ablehnen. Reduzieren. Wiederverwenden. Wiederverwerten. Und kompostieren. In dieser Reihenfolge. Das Wichtigste ist, Nein zu sagen. Es ist erstaunlich, wie viel das bringt. Lass den ganzen Kram einfach nicht mehr in dein Heim. Geh durch dein Zuhause und bring alles, was du nicht wirklich brauchst, also täglich oder wöchentlich benutzt, zum örtlichen Secondhand- Geschäft.

Dann habe ich weniger Sachen, aber noch nicht weniger Müll. Wie genau lassen sich Abfälle vermeiden?

Seltener einkaufen. Keine Wegwerf-Produkte verwenden, also lieber Stoff- statt Papiertaschentücher. Denn jedes Mal, wenn du einkaufst, triffst du eine Wahl und zeigst, dass Nachfrage besteht. Vermeide das. Kaufe im Großhandel ein oder in Geschäften, die unverpackte Ware anbieten. Wenn du schon etwas Neues kaufen musst, dann am besten aus Glas, Metall oder Karton. Und ganz wichtig: Benutze einen Kompostierer – vor allem für Küchenabfälle. Aber auch Staub, Haare und Fingernägel sind kompostierbar. Da braucht man keinen Garten, das geht in der Küche.

Stinkt das nicht?

Nein, gar nicht. Es gibt viele verschiedene Kompostiersysteme. Da muss man gucken, was für einen selbst passt. Es gibt auch elektrische Kompostierer, die selbst Knochen zermahlen.

Wie sieht denn Ihre Abfallbilanz des letzten Jahres aus?

Ein alter Pass, ein paar Etiketten, alte Farbreste, Dämmmaterial, vier Sicherungen, die kaputte Bürste meines hölzernen Mascara- Stiftes, dazu noch etwas Kleinkram. Das meiste davon ist bei Reparaturen zu Hause angefallen. Wenn etwas wie eine Flasche zerbricht, kann man das recyclen, das zähle ich also nicht zu unserem Müll. Das Einmachglas enthält nur den Abfall, den wir zu Hause verursachen, aber auch auf Reisen halten wir uns an Zero Waste.

Wie funktioniert das unterwegs? Man will ja auch mal etwas essen oder trinken.

Ich habe stets eine Bambusgabel zum Essen und einen Becher für Kaffee dabei. Und ich bin erfinderisch. Wenn ich auf einem Flughafen einen Snack brauche, kaufe ich eine Banane und packe die Schale in die Erde einer Pflanze dort. Einmal war ich auf einem Empfang eingeladen, wo es nur Plastikbecher gab. Ich nahm also einen bereits benutzten Becher, tat die Blumen aus einer Glasvase da hinein, und nahm die Glasvase für den Wein. Ich bin da schon sehr engagiert.

Mussten Sie auf viel verzichten, als Sie mit Zero Waste anfingen?

Nein, auf nichts. Die wirkliche Herausforderung war es, herauszufinden wie das geht: ohne Müll leben. Es gab keine Bücher oder Blogs, also haben wir herumprobiert. Insgesamt haben wir 80 Prozent unseres Besitzes verkauft, gespendet oder weggegeben. Jetzt haben wir nur noch das, was wir wirklich brauchen: ein paar Möbel, unsere Fahrräder, eine Set-Top-Box. Wir kaufen nur noch an der Frischetheke oder in Geschäften, in denen es unverpackte Ware gibt. Dann nehmen wir einen Brotbeutel, Einmachgläser und Flaschen mit, da kommt das alles rein.

In der Küche mag das recht praktikabel sein, aber was ist zum Beispiel mit dem Badezimmer?

Zero Waste ist auf alle Bereiche des Alltags anwendbar. Im Bad etwa reicht uns eine Seife, die vier andere Produkte ersetzt: Shampoo, Rasierseife, Duschgel und Gesichtsreiniger. Dazu haben wir noch Backpulver, also Natron. Damit putzen wir uns die Zähne, machen die Wohnung sauber – und es wirkt als Abführmittel.

Was können Frauen während Ihrer Periode tun?

Entweder waschbare Binden benutzen oder einen Menstruationsbecher.

Gibt es irgendetwas, dass Sie nicht wiederverwenden oder kompostieren?

Toilettenpapier. Das kaufen wir – papierverpackt – in einem Geschäft für Restaurantbedarf. Wir haben Alternativen ausprobiert, aber die haben für uns nicht funktioniert. Moos zum Beispiel wird hart und trocken. Wir hatten Bidets, aber danach muss man sich wieder mit irgendetwas abtrocknen. Stofftücher wollten wir unseren Gästen nicht zumuten, ebensowenig die Praxis, bei der man eine Hand und viel Wasser verwendet.

Kostet es nicht viel Zeit und Energie, ständig Müll zu vermeiden?

Nur am Anfang. Man muss ein System finden, das für einen funktioniert. Danach spart man sogar Zeit, weil man nicht mehr so oft einkaufen muss. Man steht auch nicht mehr vor den Regalen und muss sich zwischen zwanzig Shampoos entscheiden. Man muss das Zeug nicht mehr nach Hause schleppen, auspacken und den Müll wieder hinunterbringen. Und Geld spart man auch! Wir haben 40 Prozent weniger Ausgaben als zuvor.

Wie sind Sie auf die Idee mit Zero Waste gekommen?

2006 sind wir aus einem Vorort von San Francisco in die Innenstadt gezogen. Wir wollten nicht mehr ständig das Auto benutzen, sondern aktiver leben wie früher in Paris, London und Amsterdam. Als wir die Wohnung bezogen, nahmen wir nur das Nötigste mit. Und plötzlich hatten wir viel mehr Zeit, um zu wandern oder zu picknicken. Wir führen ein Leben, das nicht auf Dingen basiert, sondern auf Erfahrungen.

Wie war die Umstellung für Ihre beiden Söhne?

Am Anfang war es für die Kinder schwer zu verstehen, warum sie ihre Sachen weggeben sollten, warum sie so wenig und ihre Freunde so viel hatten. Ich sage immer: Wenn du es nicht wirklich brauchst, hinderst du Andere daran, diese Ressourcen zu nutzen. Außerdem begannen wir während der Wirtschaftskrise. Wir sagten den Jungs, dass wir uns nicht so viel leisten könnten. Damit war es okay.

Wirklich?

Die Leute denken immer, es müsse furchtbar sein für die Kinder. Dass sie Außenseiter wären. Aber was ist das für eine Einstellung? Wenn unsere Kinder Freunde nach Hause bringen, sagen die: „Wow, ihr wohnt aber cool.“ Erst wenn sie unsere Speisekammer oder den Kühlschrank öffnen, sehen sie, dass wir keine Verpackungen haben.

Ist das nicht nur ein Lebensstil für wohlhabende Großstädter?

Nein, auch auf dem Land gibt es Märkte und Bauernhöfe, wo man unverpackt einkaufen kann. Und wenn es in deiner Nachbarschaft keinen solchen Laden gibt, dann mach selbst einen auf!

Profil
Bea Johnson

Bea Johnson, 39, bloggt auf zerowastehome.com und hat auch ein Buch geschrieben: „Zero Waste Home: The Ultimate Guide to Simplifying Your Life by Reducing Your Waste“. Eine deutsche Übersetzung ist geplant.

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