Das richtige Maß finden

Weniger, langsamer, regionaler: Können Suffizienzthemen Ausgangsbasis für unternehmerische Strategien sein? Ja, meint Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Aber um aus der Nische zu kommen, brauchen suffiziente Unternehmens- und Lebensstile politische Unterstützung

Entrümpeln, Entschleunigen, Entflechten, Entkommerzialisieren – die Suffizienz spielt bei der Slow-Food-Bewegung eine wichtige Rolle
Entrümpeln, Entschleunigen, Entflechten, Entkommerzialisieren – die Suffizienz spielt bei der Slow-Food-Bewegung eine wichtige Rolle

Herr Schneidewind, was bedeutet Suffizienz?

Der Begriff kommt aus der Nachhaltigkeitsdebatte: Nachhaltig wird definiert als Dreiklang aus Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Effizienz bedeutet, dass wir klassischen Wohlstand mit weniger Ressourcen erreichen, zumeist über technische Lösungen. Konsistenz zielt darauf ab, unsere wirtschaftliche Tätigkeit möglichst gut in die ökologischen Kreisläufe einzubetten. Der Einsatz von erneuerbaren Energien ist dafür ein Beispiel. Für den Alltagsgebrauch würde ich den Begriff der Suffizienz so übersetzen: Es geht um das richtige Maß und die Frage was ist ausreichend und was ist zu viel; was ist wichtig für ein gutes und gelungenes Leben? Und um die Erkenntnis, dass gutes Leben oft mit einer Portion Maßhalten und Genügsamkeit zusammenhängt.

Bei Maßhalten denkt man natürlich sofort an Verzicht oder gar Verbot und ist für viele Menschen negativ belegt. Wo kommt das her?

Wir Menschen sind auf Expansion angelegt. Das beginnt mit der Erfahrung, sich über das individuelle Wachstum mehr von der Welt erschließen zu können. Und das hat in der modernen gesellschaftlichen-ökonomischen Lebenswelt einen gewaltige kulturelle Verstetigung und Überbau gefunden: Die Freiheit, sich selbst zu entfalten wird in der kapitalistischen Marktgesellschaft damit konnotiert sich ökonomisch entfalten zu können, also über mehr materielle Güter stärker am Leben teil zu haben. Das sind Aspekte, die über Jahrzehnte ganz tief in die kulturelle DNA unserer Gesellschaft eingegangen sind. Deswegen löst jeder der diese kulturellen Grundwerte in Frage stellt erstmal einen Abwehrreflex aus. Ganz anders zum Beispiel in der asiatischen Kultur, wo das Innehalten, intensives Wahrnehmen von Qualitäten, die Bedeutung, die Enthaltsamkeit für die innere Befreiung haben kann, eher positiv aufgeladen sind. Bei uns spielt das bislang eine viel geringere Rolle.

Was hat die so genannte Sharing Economy mit Suffizienz zu tun?

Sharing ist etwas sehr ambivalentes. Das ist ja gerade in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, als ein großer Teil der so genannten Sharing-Lösungen immer kommerzieller wurden. Wenn die großen Automobilhersteller überall in der Großstadt Leihautors anbieten, damit ich meine Mobilität noch mal erheblich erhöhen kann oder wenn ich über Airbnb an die entlegenste Orte der Welt an noch günstigere Ferienzimmer komme und meine Reisetätigkeiten noch weiter ausdehne - das hat rein gar nichts mit Suffizienz zu tun.

Es hat dann etwas mit Suffizienz zu tun, wenn der Impetus wirklich das Teilen ist. Wenn ich ein alternatives und ökologischeres Konsummuster verbinde mit einer sozialen Gemeinschaftserfahrung. Denn es hat eine andere Qualität, wenn ich mit einer Fahrgemeinschaft mit vier Leuten fahre und über diese Fahrt vielleicht interessante Lebensgeschichten oder gar Freunde finde, anstatt die Reise mit einem hochmotorisiertem Auto die Fahrt auf der linken Spur mache. Da steckt dann die Überlegung zum Lebenswandel mit drin.

Sie haben untersucht, ob Suffizienz auch ein Geschäftsmodell sein kann. Wie war Ihre Herangehensweise?

Bei der Untersuchung haben wir uns an den vier „E“ orientiert, die der Umweltforscher Wolfgang Sachs vor gut 20 Jahren geprägt hat, um Suffizient etwas konkreter zu fassen. Die vier E stehen für Entrümpelung, also mit weniger auszukommen und die Vielzahl der Produkte zu reduzieren. Die Entschleunigung, also die Geschwindigkeit im täglichen Leben zurückzufahren, Dinge langsamer und bewusster wahrzunehmen. Entflechtung: Das bedeutet globale Vernetzungen aufzubrechen und uns sehr viel stärker an der Regionalität zu orientieren und schließlich die Entkommerzialisierung, also der Frage wie man Dinge aus der kommerziellen Marktlogik rausnehmen kann. Wir haben uns gefragt, ob diese vier ein Kompass für Geschäftsmodelle sein kann.

Und können sie?

Wir haben festgestellt, dass man tatsächlich auf allen vier Ebenen Geschäftsmodelle aufsetzen kann. Bei der Entrümpelung gibt es etwa den Trend Einrichtungsstile am „weniger ist mehr“ zu orientieren. Selbst Aldi ist gewissermaßen ein Beispiel für Entrümpelung: der Laden bietet extrem schlanke Sortimente bei angemessener Qualität. Viele Menschen wissen die Reduktion des Angebots zu schätzen. Das entlastet mich beim Wocheneinkauf im Gegensatz zum Einkauf in einem riesigen Supermarkt, wo man vor 500 Müslisorten auswählen muss.

Für die Entschleunigung sind Slow Food-Restaurant oder Slow-Travel-Anbieter Beispiele. Produkte aus der Region entwickelt sich ja im Moment zu einem Megatrend, da ist Suffizienz längst in die Geschäftswelt Vieler übergegangen. Und selbst bei der Entkommerzialisierung sind Geschäftsmodelle denkbar. Denn wenn man Dinge selber macht, also zum Beispiel Gemüse einkocht oder Gegenstände repariert, benötigt man Schulungen, Kochkurse, Bücher und Tutorials, alles was für den Aufbau von Qualifikationen nötigt ist. Hier gibt es viele Ansätze für Geschäftsmodelle. Es ist also reizvoll für Unternehmen, darüber nachzudenken, ob sich Suffizienz nicht sogar sehr gut mit der eignen unternehmerischen Tätigkeit verträgt.

Haben denn Suffizienzthemen wirklich eine Chance den Mainstream zu erreichen?

Natürlich bewegen sich viele dieser Dinge noch in einer Nische. Unter den heutigen Randbedingungen wird sich sicher nicht die Mehrheit der Bevölkerung suffizient ernähren, wohnen oder so Mobilität praktizieren. Ich denke, das wird ähnlich wie bei der Energiewende. Man braucht Vorreiter die zeigen, dass es spannende Angebote gibt und Lebensstile die lebenswert und wünschenswert sind. Die müssen aber natürlich von der Politik entsprechend flankiert werden. Es kann nicht dem einzelnen Individuum überlassen werden, unter eigentlich inakzeptablen Bedingungen zu versuchen, neue Lebensstile zu praktizieren. Beispiel Fahrradfahren: Die Art der Verkehrspolitik bestimmt natürlich, ob es attraktiv ist mit dem Rad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Oder Einkaufen: Wenn ich von den ganzen Südfrüchten im Regal im Winter angelacht werde, dann erfordert das natürlich schon eine ziemliche Disziplin dem nicht nachzugehen. Wenn aber die ökologischen Kosten für den Transport von Weintrauben aus Südafrika etwa über eine CO2-Steuer eingepreist werden, dann wird niemand mehr im Winter massenweise solche Produkte zu essen. Wenn sowas greift ist das ein Weg zur Durchsetzung auf dem Massenmarkt.

Profil
Prof. Dr. Uwe Schneidewind

Uwe Schneidewind ist Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Mitautor des Buches „Damit gutes Leben einfacher wird“. In der Publikation „Suffizienz als Business Case“ untersucht Schneidewind ob Suffizienz Grundlage von Geschäftsmodellen werden kann. Gemeinsam mit Jürgen Schmid, dem geschäftsführenden Gesellschafter von memo, einem Versandhandel für Öko-Büroartikel, wird Schneidewind in einem Workshop beim 18. Kongress Familienunternehmen „Eigentum verpflichtet“, Produkte und Strategien vorstellen, die auf die Steigerung von Suffizienz bei Unternehmen zielen.

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