Auf zu neuen Perspektiven

In Münster steht ein neues Medienprojekt in den Startlöchern. Das Team aus jungen Wissenschaftlern will den Lesern täglich neue Perspektiven bieten. Wie beim Vorbild des erfolgreichen niederländischen Onlinemagazin De Correspondent soll die Finanzierung über ein Crowdfunding erfolgen

Text: Daniela Becker Fotos:

Perspective Daily

Das Gründerteam von Perspektive Daily: Bernhard Eickenberg, Maren Urner und Han Langeslag
Das Gründerteam von Perspektive Daily: Bernhard Eickenberg, Maren Urner und Han Langeslag

Flüchtlingskrise, Krieg in der Ukraine, sexuelle Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof: Wer täglich die Zeitung liest – sei es online oder in gedruckter Form – bekommt schnell den Eindruck, es passiere nur schlimmes in der Welt. Das macht hoffnungslos. Und wer deprimiert ist, hat keine Motivation selbst aktiv etwas zu ändern. Maren Urner, Han Langeslag und Bernhard Eickenberg, drei junge Wissenschaftler aus Münster, planen diese Abwärtsspirale mit einem neuen Onlinemagazin durchbrechen. „Auf Perspective Daily wollen wir Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigen, Nachrichten in einen Kontext setzen und Lösungen diskutieren“, erklärt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner den Ansatz des konstruktiven Journalismus, den ihr Projekt verfolgen will.

Das ist erstmal kein radikaler Neuansatz. Themen einordnen und die Frage nach dem „Warum“ stellen, ist seit jeher Aufgaben des Journalismus. „Die allermeisten Journalisten wollen im Prinzip genau das umsetzen“, sagt Maren Urner, „die Realität sieht dann aber oft anders aus.“ Denn Meinungsjournalismus wird oft besser angeklickt als langwierig recherchierte Hintergrundfakten. Bei der Jagd nach dem schnellen Klick, um Werbung zu verkaufen – wodurch sich die meisten Medienangebote finanzieren – bleiben viele journalistische Ansprüche auf der Strecke. Das bleibt nicht ohne Folgen: In den vergangenen Monaten ist das Vertrauen in die klassischen Medien immer wieder diskutiert worden. Selbst seriösen Menschen geht in diesem Zusammenhang der schreckliche Kampfbegriff der „Lügenpresse“ über die Lippen. Eine spannende Zeit also, um ein neues Medienprojekt zu etablieren.

Fokus auf Lösungen

„Der konstruktive Journalismus bringt ein paar neue Werkzeuge mit, in dem er teilweise andere Fragen stellt, die auf Lösungen gerichtet sind oder Dinge, die geholfen haben“, sagt Urner. Beispiel Flüchtlingskrise: Oftmals sind Berichte über negative Einzelschicksale zu lesen. „Natürlich gibt es zahlreiche Dinge, die schlecht laufen und über diese muss unbedingt berichtet werden. Die Analyse der gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen ist aber nur der erste Schritt in der konstruktiven Berichterstattung“, sagt Urner. Gleichzeitig, so der Ansatz von Perspective Daily, sollten auch Maßnahmen beleuchtet werden, die bereits zu einer Verbesserung geführt haben – oder in anderen Ländern besser funktionieren. Was sind mögliche Ansätze, die in einem bestimmten Umfeld funktioniert haben; geht das vielleicht auch in einem anderen Kontext und wie könnte man das vielleicht übertragen – so könnten die Fragen lauten mit denen sich Perspective Daily dem Thema nähert. „Wir sind der Meinung, dass jedes Thema konstruktiv dargestellt werden kann“, sagt Urner.

Um diese Herangehensweise praktisch umzusetzen, haben die drei Gründer mehrere Leitfäden entwickelt, nach der sie ihre Arbeit ausrichten. Die beleuchteten Themen, die Herangehensweise und die Auswahl der Quellen sollen nicht die Arbeit eines einzelnen, sondern stets ein Teamprodukt sein.

Finanziert werden soll das neue Medien Startup über ein Crowdfunding, das am 15. Januar startet. Ziel ist, 12.000 Mitglieder zu finden, die bereit sind einen Jahresbeitrag von 42 Euro zu bezahlen. Auf diese Weise soll eine feste Redaktion von 6,5 Redaktionsmitgliedern plus Grafik und Verwaltungsstruktur finanziert werden. Als Mitglied erhält man Zugriff auf alle Texte, Bilder, Grafiken und sonstige Materialien und kann kommentieren. Nichtmitglieder können die Texte ebenfalls lesen, sofern sie den entsprechenden Link zugesendet bekommen haben.

Vorbild ist das niederländischen Onlinemagazin De Correspondent. Gegründet wurde es 2013 vom niederländischen Journalisten und Philosophen Rob Wijnberg. Innerhalb eines Monats sammelte er von 18.000 niederländischen Crowdfundern einen Betrag von über eine Million Euro ein. Die Website mit Hintergrundberichten, Analysen und Reportagen hat sich in den Niederlanden erfolgreich etabliert. In Deutschland hat im vergangenen Jahr – begleitet von viel Medienecho – das Team der Krautreporter einen ähnlichen Versuch gewagt. Obwohl das Crowdfunding erfolgreich war, gab es in den Folgemonaten viel Kritik. Inzwischen ist sowohl die Mitgliederzahl als auch das Autorenteam deutlich geschrumpft. Den Gründer von Perspective Daily ist bewusst, dass der Vergleich mit den Krautreportern naheliegt und glauben, wichtige Lehren daraus gezogen zu haben. „Es gibt in Deutschland die Bereitschaft guten Onlinejournalismus zu finanzieren. Das Gelieferte muss dann aber auch den Erwartungen entsprechen“, sagt Maren Urner.

Ähnlich wie bei Krautreporter wird es bei Perspective Daily im Vorfeld keine Probetexte geben. Das Mitglied muss also einen Vertrauensbonus vorschießen. Mit prominenten Autorennamen kann das Start Up bislang nicht punkten. Einige bekannte Gastautoren würden jedoch zum Start der Kampagne bekanntgegeben, verspricht Urner. „Bei uns wird es eine feste Redaktion vor Ort geben, die sich ausschließlich um dieses Projekt kümmert und nicht noch anderswo ihr Geld verdienen muss. Wir geben uns einen gemeinsamen Wertekanon, der transparent für das Publikum einsehbar ist. Und alle unsere Redaktionsmitglieder sind „Hybride“. Das bedeutet, dass sie neben der journalistischen Befähigung auch eine wissenschaftliche Ausbildung mitbringen“, erläutert Maren Urner Unterschiede zu den Krautreportern.

Bereits einen Monat nach Ende des Crowdfunding soll Perspective Daily Anfang April online gehen. Doch was passiert, wenn es mit dem Crowdfunding nicht klappt? „Davon gehen wir erstmal nicht aus“, sagt Urner. Aber sie lässt durchblicken, dass es für den Fall der Fälle einen Plan B gibt. Wie es sich für eine lösungsorientierte Arbeitsweise gehört.

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