„Arroganz des Helfens“

Kilian Kleinschmidt leitete eines der weltgrößten Flüchtlingslager. Er sagt: Menschen, die fliehen mussten, suchen Würde und Identität. Dafür brauchen sie Freiräume

Das Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordanien zählt zu den größten der Welt.
Das Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordanien zählt zu den größten der Welt.

Herr Kleinschmidt, Sie sind seit mehr als 25 Jahren in den schlimmsten Krisenregionen der Welt unterwegs. Zuletzt haben Sie das Flüchtlingslager Zaatari an der syrisch-jordanischen Grenze mit mehr als 100 000 Bewohnern geleitet. Was macht Flucht mit den Menschen?

Die meisten müssen in letzter Minute fliehen. Sie lassen alles zurück. Damit verlieren sie viel von ihrer Identität. Es heißt zwar oft lapidar, Einstein sei auch Flüchtling gewesen und habe viel mitgenommen – im Gehirn. Aber alles, was in irgendeiner Form mit dem Umfeld zu tun hat, mit der eigenen Geschichte und Kultur, ist weg. In vielen Situationen wird man dann noch zu einem Massenprodukt, zu einer Nummer. Genau das passiert jetzt bei uns in Deutschland. Wir reden nicht mehr von Personen, sondern von Zahlen. Wie viele kommen? 800 000? Wie viele Betten brauchen wir? Für jeden gibt es dann 2100 Kilokalorien am Tag, Wasser und eine Pritsche. Zahlen, Statistik und Logistik sind ganz große Instrumente der Entmenschlichung.

Wie reagieren die Geflohenen auf diese Situation?

Allen, die auf der Flucht sind, wird irgendwann unwahrscheinlich wichtig, ihre Individualität wieder aufzubauen. Ihre Themen sind: Wie kann ich beweisen, dass ich ein Mensch bin? Wie zeigen, dass ich mich um meine Familie kümmern kann? Aber in den Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt wird versucht, genau das zu verhindern. Denn Individualität stört, sie ist chaotisch, mühsam und unpraktisch.

Ihre Erfahrungen haben Sie jetzt in einem Buch veröffentlicht. Darin beschreiben Sie die Menschen im Lager als hochgradig aggressiv. Die Bewohner zerstörten die Infrastruktur, warfen Steine. Auch in Deutschland kommt es in den völlig überfüllten Aufnahmelagern immer wieder zu Gewalt.

Die Leute müssen sich in der Masse behaupten, das ist eine Extremsituation. Dazu kommt, dass Flucht traumatisiert und die dunklen Seiten eines Menschen hervorbringt. Wir wollen gerne überall den Gemeinschaftsmenschen sehen. Aber dort, in der Masse, geht es ums pure Überleben. Für alle. Die einen werden aggressiv, die anderen geben sich auf und werden überrollt. Gemeinschaftsdenken gibt es da ziemlich wenig.

Wie sind Sie in Zaatari damit umgegangen?

Es gibt zwei Visionen für ein Lager: das Abstelllager, in dem Essen, Wasser und anderes in Rationen verteilt werden und es für alles Regeln gibt. Oder aber man lässt es zu, dass sich ein eigener Raum bildet, Dinge sich selber entwickeln. Wir haben versucht, diese zwei Visionen zusammen zu bringen: Freiraum geben, aus diesem heraus sich dann aber Regeln entwickeln, die für die Gemeinschaft gelten.

Wie sah das konkret aus?

Ein Beispiel sind die Container. Die haben wir am Anfang mit einem Kran millimetergenau ausgerichtet auf den Boden gestellt. Wie Reihenhäuser. 24 000 Stück, mit exakten Sicherheitsabständen nach den Feuerschutzrichtlinien. Aber fünf Minuten später standen die Dinger auf irgendwelchen Rollen und wurden irgendwo hingeschoben – weil die Menschen daraus eigene Häuser bauen wollten. Sie haben auch die Stromleitungen angezapft und einen großen Schwarzmarkt betrieben. Unser ganzer Plan war dahin. Ich hatte das Gefühl, komplett die Kontrolle zu verlieren. Wenn ich jetzt durchgegriffen hätte, wäre ich mit der Polizei hinterhergefahren und hätte gesagt: So, jetzt schön wieder alles so hinstellen, wie es vorgesehen ist. Aber das war gar nicht zu schaffen. Aus dem Material des Lagers wurde also ein Baukasten, alles wurde auseinandergeschnitten und neu zusammengebastelt. Jedes Haus, jede Wohnstätte sah am Ende anders aus: Es gab einstöckige Villen und Supermärkte, ein Haus von Geschäftsleuten hatte sogar einen Whirlpool eingebaut. Und alle hatten einen Springbrunnen, das gehört zum syrischen Einrichtungsstil: Brunnen, Vogelkäfig, Pflanzen. Und dann Teetrinken. Die einen rosa, die anderen blau.

Ist es Ihnen schwer gefallen, die Kontrolle ein Stück weit aufzugeben?

Ehrlich gesagt haben wir die Kontrolle schlicht verloren. Die Leute haben sich von unseren Ordnungsvorschriften und Plänen knallhart befreit. Es hat bei mir ein bisschen gedauert, bis ich begriffen habe, dass der Mut zum Chaos ein menschlicheres Miteinander ermöglicht.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen aufhören zu denken, dass alle nur Opfer sind. Das sind alles Menschen, und jeder ist anders. Wenn ein Mensch auf der Flucht ist, wirft ihn das aus der Bahn, aber er ist nicht automatisch ein armer Mensch. In Zataari habe ich dazugelernt und das hat bei mir zu einem wichtigen Umdenken geführt: Da sind totale Arschlöcher dabei. Auch Banditen. Leute, mit denen ich wirklich nichts zu tun haben möchte. Und statt immer zu sagen „Oh, die Armen!“ muss man die Menschen als das betrachten, was sie wirklich sind. Diesen Fehler erleben wir jetzt auch hier: Die einen sind gegen Flüchtlinge, die anderen dafür. Und die Befürworter verherrlichen die Menschen, die jetzt kommen.

Wie sollte man denn mit kriminellen Flüchtlingen umgehen?

Zuerst einmal: sie als Kriminelle sehen. Jeder hat das Recht, erkannt zu werden, ernst genommen zu werden, auch als Arschloch. Und man muss ihnen die Verantwortung geben für das, was sie tun.

Sie schreiben auch: „Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, zu konsumieren und dafür zu bezahlen, gehört für mich zur Menschenwürde.“

Ja, natürlich, Almosen sind so entwürdigend. Die Menschen stehen den ganzen Tag in irgendwelchen Schlangen, um ihre Rationen für Wasser, Essen oder Hygieneartikel abzuholen. In Zaatari haben wir Supermärkte aufgemacht, Stromzähler und Wasseruhren angebracht und die Leute selber Handel treiben lassen.

Kann man das auf die aktuelle Situation in Deutschland und Österreich übertragen?

Das gilt im Grunde überall. Wir müssen Konzepte schaffen, bei denen die Menschen wählen können. In richtigen Kantinen etwa und mit Smartcards: Jeder der Geflohenen bekommt eine Chip-Karte mit einem bestimmten Betrag darauf und kann dann selbst entscheiden, wofür er sein Geld ausgibt. Auswählen zu können ist ein kleines, aber feines Detail – und trotzdem so wichtig: Weil wir alle anders aussehen wollen, wir einen unterschiedlichen Geschmack haben und Lust haben, zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge zu tun. Die CSU hat genau das Gegenteil gefordert: weg vom Taschengeld, hin zu Sachleistungen. Dahinter steckt unter anderem die Sorge, dass Geld zu viele Leute anziehen würde. Und dass die Empfänger das Geld nach Hause schicken. Aber wer das möchte, der kann auch die Packung Spaghetti, die er bekommt, verkaufen und den Erlös nach Hause schicken. Das passiert jetzt schon. Interessant ist aber die Einstellung dahinter, nämlich: Die Menschen sind totale Idioten und wissen nicht selbst, was sie brauchen. Diese Haltung ist sehr verbreitet, ich erlebe sie immer wieder auf Konferenzen. Man entmündigt die Menschen.

Kennen Sie andere Beispiele von Hilfe?

Es gibt ein Projekt in Kenia. Da bekommt eine arme Familie einfach 1000 US-Dollar. Ohne Auflagen. Ich habe dazu etwas auf Facebook gepostet und sofort kam Kritik von ehemaligen UN-Kollegen: Da muss man doch aufpassen! Das muss man überwachen! Sie können sich offenbar nicht vorstellen, dass eine Familie über das Geld entscheiden kann, sondern glauben, die Menschen seien zu dumm oder zu gierig. Das zeigt mir, dass diese Kollegen mit einer ziemlichen Arroganz ans Helfen herangehen.

Woher kommt das?

Wir glauben zu wissen, was gut für alle ist. Das Ziel westlicher Entwicklungshilfe ist es, unsere Gesellschaftsform zu reproduzieren. Unser Mittel ist die Hilfe. Die verknüpfen wir mit Bedingungen, um unsere missionarischen Ideen zu verbreiten. Es mögen moderne missionarische Ideen sein, aber im Grunde ist es dasselbe Konzept. Zum Beispiel bei der Mädchenerziehung. Es hat schon eine gewisse Arroganz zu sagen, ihr bekommt nur Saatgut, wenn eure Töchter in die Schule gehen dürfen – auch wenn ich damit nicht sagen will, dass wir nicht dieses Ziel haben sollten.

Wir sollten also nicht zu sehr auf unseren gesellschaftlichen Werten bestehen?

Die Welt, wie sie sich jetzt entwickelt, wird sich immer mehr vermischen. Das heißt, wir müssen Modelle erarbeiten für gemischte Gesellschaften mit verschiedenen Religionen, Denkweisen und ethnischen Hintergründen. Der Ansatz der Culture of Peace der UNESCO ist, jeder Gemeinschaft das Recht anzuerkennen, ihre Individualität und Kultur zu pflegen, die eigene Sprachen zu sprechen, also Raum zu haben. Wir müssen herausfinden, wie weit diese Räume funktionieren können, ohne den Gesamtraum zu stören, und welche Werte wir ganz bestimmt nicht ändern sollten, wie zum Beispiel die Menschenrechte.

Ist es eine Gefahr für unsere Gesellschaft, dass wir nun Werte und Privilegien eventuell neu verhandeln müssen?

Ich finde öffentliche Diskussion immer gut. Es ist wichtig, mitzubekommen: Wo steht unsere Gesellschaft denn nun? Seitdem ich Kriege so dicht miterlebt habe, beobachte ich meine Mitmenschen mit mehr Misstrauen. Ich frage mich: Wie würde der oder die sich jetzt verhalten, wenn es Krieg geben würde? Und ich weiß, dass mir 90 Prozent der Menschen auf den Kopf hauen würden, um nach vorne zu kommen. Ich hab das Vertrauen verloren, dass Gesellschaften so gefestigt sind, um große Schocks gemeinschaftlich überleben zu können. Wenn 10 000 Geflüchtete in München am Bahnhof stehen, dann ist das natürlich schwierig zu managen, aber im Grunde keine ernsthafte Krise. Allein durch solche gefühlten Notsituationen entstehen aber so viele Emotionen, dass endlich Sachen zum Vorschein kommen, mit denen wir uns mal richtig auseinandersetzen müssen. Jetzt sind Grundsatzdiskussionen nötig darüber, wie man als Gesellschaft sein will. Ich finde, die sogenannte Flüchtlingskrise ist ein ganz guter Weckruf.

Wie sieht für Sie moderne Entwicklungshilfe aus?

Auf jeden Fall viel vernetzter als bisher. Ich habe gerade einen jungen Inder kennengelernt, der baut ein Health-E-Net auf. Das ist ein Service, bei dem die besten Ärzte der Welt übers Handy medizinisch beraten. Reiche müssen dafür bezahlen, Arme nicht. Ein Team, mit dem ich zusammenarbeite, wird ein sogenanntes Fablab in Zaatari aufbauen. Mit Maschinen, 3-D-Druckern und Lasercutern, mit deren Hilfe sich die Menschen selber ihre Sachen produzieren können. Im jordanischen Amman gibt es das schon. Da kommt ein beinamputiertes Kind und wird mit einem 3-D-Scanner vermessen. Die Daten werden dann ins Netz gestellt. Irgendwo auf der Welt erklärt sich einer bereit, den Fall zu übernehmen, konstruiert eine passende Prothese, die dann vor Ort in Amman ausgedruckt wird. Das kommt meiner Vorstellung von moderner Hilfe schon ganz schön nahe.

Profil
Kilian Kleinschmidt

war Ziegenkäsebauer und Dachdecker in den Pyrenäen, bevor er durch Zufall auf einer Motorradtour durch die Sahara zur Entwicklungshilfe kam. Mehr als 25 Jahre lang war er für das UN-Flüchtlingswerk in aller Welt tätig, in Ruanda etwa rettete er Zehntausende Hutu. Bis vor einem Jahr leitete Kleinschmidt das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. Heute lebt er in Wien und hat die Organisation „Innovation and Planning Agency“ gegründet, um globale Ressourcen der Technologie und des Wissens zu erfassen und zu vernetzen.

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