Anschub durch die Menge

Crowdfunding wird immer beliebter und auch Sozialunternehmer feiern gerade auf den Plattformen einen Erfolg nach dem anderen. Das Finanzierungsmodell bietet große Möglichkeiten – wenn man die Spielregeln beherrscht

Text: Jonathan Widder Fotos:

Protonet

Protonet Crowdfunding Rekord
Mitarbeiter von Protonet. Das IT-Unternehmen hat das weltweit erste soziale Server-Betriebssystem entwickelt und dafür im Jahr 2012 per Crowdfunding innerhalb von 48 Minuten 200.000 Euro einsammeln können.

„Gehen zwei Unternehmer in die Bank. Einer hat ein überlegenes Maschinenteil mit einem Markt von 10 Millionen Euro im Jahr. Der andere hat ein Projekt, mit dem mehr Migrantinnen und Migranten das Abitur erreichen. Die Preisfrage: Wer von beiden bekommt eine Wachstumsfinanzierung?“

Nicht immer ist der Unterschied zwischen sozialunternehmerischen und klassischen For-Profit-Geschäftsmodellen so deutlich wie in diesem Beispiel auf der Website von Ashoka. Klar ist aber auch, dass es für Sozialunternehmen gerade wegen ihres weniger profitorientierten Ansatzes insgesamt deutlich schwerer ist, sich zu finanzieren.

Seit Kurzem allerdings feiert ein ökosoziales Projekt nach dem anderen beeindruckende Finanzierungserfolge. Und der Geldgeber dafür ist die ganz normale Bevölkerung. Rekorde werden gebrochen, Fundingziele um das Fünffache übertroffen. Crowdfunding, ein Modell, das ein paar Jahren noch kaum jemand kannte, entfaltet plötzlich ungeahnte Möglichkeiten.

Vom Supermarkt bis zur Höhenwindkraft

Da sind zum einen die großen Infrastrukturprojekte, die von Kleininvestoren Millionen einsammeln: Die „Solar Roadways“, intelligente mit Solarzellen beschichteten Straßen, haben wir bereits vorgestellt . Eine Million Dollar wollten die Macher per Crowdfunding erzielen. Wenige Tage vor Ende der Aktion hat ihnen die Crowd auf Indiegogo nun schon mehr als zwei Millionen zugesteckt. Finanziell noch ambitionierter ist das Berliner Start-up NTS. Für seine Höhenwindanlage X-Wind sollen 3,5 Millionen Euro per Crowdfunding aufgetrieben werden. Auch das scheint mittlerweile nicht mehr unmöglich.

In den Niederlanden macht gerade ein 19-Jähriger Schlagzeilen, der mit seinem Projekt „The Ocean Clean-up“ Müll aus den Meeren filtern will und dafür zwei Millionen Dollar braucht. Knapp drei Monate läuft seine Crowdfunding-Aktion noch. Fast 500.000 Dollar sind schon zusammen gekommen.

Dabei müssen die Beträge gar nicht immer so hoch sein. Die Organisation „morethanshelters“ sammelte vor Kurzem mehr als 50.000 Euro ein für ihr Projekt „DOMO“, ein stabiles, nachhaltiges Zeltsystem für Flüchtlinge oder Bewohner von Slums. Das Berliner Projekt „Original Unverpackt“ , eine geplante Kette von Supermärkten, die ihre Waren ohne Verpackungen verkaufen sollen, hatte sich als Ziel gesetzt, mindestens 20.000 und idealerweise 45.000 Euro per Crowdfunding einzunehmen. Dass es am Ende mehr als 100.000 waren, davon waren die Macherinnen selbst überrascht.

Neue Crowdfunding-Plattform für nachhaltige Projekte

Passend zu dieser Zeit der Erfolge verkündete vor ein paar Tagen die Plattform „Ecocrowd“ ihren Start. Ab Herbst sollen sich dort nachhaltige Projekte, Vereine, Bürgerinitiativen und Start-ups um Förderung werben können. Bei den anfänglichen Überlegungen zu Ecocrowd, deren Träger die Deutsche Umweltstiftung ist, hatten die Organisatoren noch keinen Schimmer von der derzeitigen Erfolgswelle des Crowdfunding.

„Der Grund für den Start der Plattform war, dass wir als Stiftung immer wieder Finanzierungsanfragen von Projekten bekamen, die wir mit unseren begrenzten Ressourcen nicht durchführen konnten. Gleichzeitig haben wir viele Unterstützer und Sympathisanten. Diese Gruppen wollten wir zusammenbringen“, so Jamila Mohme, Projektmanagerin bei Ecocrowd. „Das war Anfang 2013, als noch kaum einer von Crowdfunding sprach. Nun, da das Projekt startet, sind wir zufälligerweise genau im Trend gelandet.“

Die Zeit bis zum Herbst wollen die Betreiber der Plattform, die sich selbst unter anderem über Spendenaktien finanziert, nun noch dafür nutzen, mit den Aktionären ausführlich über die Nachhaltigkeitskriterien zu diskutieren, die darüber entscheiden, welche Projekte auf der Plattform zur Abstimmung gestellt werden können.

Von alleine geht es nicht

Ist Crowdfunding also in Zukunft das Wundermittel, mit dem sich jegliche Finanzierungssorgen, ambitionierter, öko-sozialer Projekte und Jungunternehmen lösen lassen? Ganz sicher nicht. Denn auch wenn die Chancen, die das Finanzierungsmodell bietet, ganz offensichtlich groß sind, so steckt hinter all den Erfolgsbeispielen doch sehr harte Arbeit und eine wohl durchdachte Strategie. Und wer das unterschätzt, ist ganz schnell gescheitert.

„Crowdfunding ist kein Selbstläufer.  Man darf den kommunikativen und personellen Aufwand nicht unterschätzen“, warnt Daniel Kerber, Gründer von morethanshelters. „Man muss sich einen Kampagnen-Fahrplan aufbauen, wissen, welche Leute man zu welcher Zeit mit welchen Informationen erreicht, und sein Team darauf einstellen, dass sie massenhaft Emails zu beantworten haben. Das ist nicht unlösbar, aber man muss darauf vorbereitet sein.“

Dem stimmt auch Danilo Kamrad zu, Mitbegründer der Spendenplattform Betterplace.org und Leiter von Social Impact Finance, einem Projekt, das in Kooperation mit der Deutsche Bank Stiftung und der Plattform Startnext Sozialunternehmer im Thema Crowdfunding schult und dabei auch morethanshelters und Original Unverpackt unterstützt hat.

Nicht alle Vorhaben eignen sich für Crowdfunding

Kamrad weiß: „Man braucht viel Offenheit und eine hohe Marketingkompetenz. Wer die Leute überzeugen will, muss eine Geschichte haben und in der Lage sein, sie gut zu erzählen. Man muss eine Vision formulieren können, wie man die Gesellschaft verändern will, seine Idee auf den Punkt bringen und Leute damit begeistern können.“

Umgekehrt bedeutet das auch, dass Projekte mit weniger Anziehungskraft für die Massen, fürs Crowdfunding weniger geeignet sind. „Die Idee muss so einfach sein, dass die Leute sie verstehen. Deshalb eignen sich nicht alle Projekte dafür. Komplexe oder kontroverse Vorhaben sind schwierig zu vermarkten.“

Daneben sei Crowdfunding weniger zuverlässig als andere Finanzierungsmöglichkeiten. Lohnend sei es für soziale Start-ups vor allem als unbürokratischer Finanzierungsbaustein in der Frühphase des Unternehmens, so Kamrad,„wenn ein erstes Konzept da ist, ein Prototyp, und man darauf angewiesen ist, Menschen zu finden, die an die Idee glauben, weil klassische Finanzierungs-Instrumente nicht existieren.“

Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht mehr so überraschend, dass ein Projekt, das ebenfalls ein nachhaltiges Produkt liefern wollte, und zwar nachhaltigen Journalismus, ebenfalls beim Crowdfunding erfolgreich war. Das Krautreporter-Magazin, Ableger der gleichnamigen Crowdfunding-Plattform für journalistische Projekte, konnte bis zur Deadline vergangenen Freitag die notwendige Zahl von 15.000 Unterstützern übertreffen und wird seinen Lesern in Zukunft für fünf Euro im Monat Texte liefern, die im Klick-getriebenen Online-Journalismus von heute sonst oft nicht hätten geschrieben werden können.

Einleuchtend ist das nicht nur, weil die Macher schon mit ihrer eigenen Plattform die Regeln des Crowdfunding kennen gelernt haben, sondern auch weil die Initiatoren des Projekts selbst schon seit Jahren als Journalisten und Blogger aktiv sind, und so schon zum Start ihrer Aktion über einen großen Kreis an Sympathisanten verfügten: Leser auf Blogs, Abonnenten auf Youtube, Follower auf Twitter: eine eingespielte Crowd eben.

Dass man kein Kommunikationsprofi sein muss, sondern sich das Handwerkszeug auch anders aneignen kann, zeigen zum Glück viele andere Projekte, die dank Crowdfunding zurzeit Finanzierungs-Erfolge feiern. Es werden sicher nicht die letzten gewesen sein.

Das vollständige Interview mit Danilo Kamrad zu den Do’s and Dont’s des Crowdfunding gibt es hier.

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